Tag 5 Sacramento

Es ist Sonntag, aber das Leben geht seinen gewohnten Gang hier, kein Geschäft hat geschlossen. Unter dem Freeway in Sacramento ist der Farmer’s Market und während oben die Autos dahinrauschen, werden unten im Schatten des Betonhimmels Zwiebel neben schlanken Feldgurken arrangiert und rotbackige Äpfel geputzt. Die Basilikumbüschel riechen kräftig neben den Kübeln mit Feldblumen, und man lässt sich durch die Reihen schieben und denkt an den Nasch- oder den Karmelitermarkt, wo dieselben Typen von Menschen einkaufen wie hier. Weiter, und das vollendet den Naschmarkteindruck, gibt es noch einen Antiques Market, der Eintritt in das bessere Ramschmuseum kostet aber drei Doller. Mit einem Stempel am Handrücken bekommt man Zugang zu den Gieskannen, Kleidern, Puppen, Bildern und Live-Ausgaben aus den Sechzigern. Auf die Frage, was denn Antiques seien, heißt es everything that is older than ten years.

In Old Sacramento, Old Sac, im Sutter’s Fort, wird einmal am Tag eine Kanone aus dem letzten Jahrhundert gezündet, und ich komme unbedarft dazu, sehe nur noch wie die Eltern, die sich schon um den Platz geschart haben, ihren Kindern die Ohren zuhalten und dann knallt es und blauer Rauch nebelt die Szene ein. Die Frau an der Kassa rechts von mir klatscht that was a good one! und ich hole die Videokamera heraus, viel zu spät, um die sich verziehenden Rauschwaden zu filmen. Gegenüber ist eine hohe, weiße Kirche, davor steht ein Mann, einen Arm im Mistkübel, in der anderen Hand eine halbleere Flasche. Er trägt eine türkise Hose und ein Nachthemd, das am Rücken offen ist. Ich sehe das verräterische Bändchen um sein Handgelenk und tatsächlich gibt es ein Hospital, gleich ums Eck.

In der Kirche findet gerade ein Gottesdienst statt und drinnen hängen Tafeln auf denen steht Many Religions, One God. Der Minister trägt ein Polohemd und spricht in weichem Bass, man hört ihm gerne zu, wenn er die acht Schritte aufzählt, die helfen, wieder glücklich zu werden.

Das State Capitol leuchtet in der Nachmittagssonne und lockt Touristen an, die sich auf seine Stufen stellen und ablichten lassen. Davor blühen Magnolienbäume mit Blüten, so groß wie zwei Handflächen. Ihr Geruch liegt zwischen Pfirsich und Lemone. Im Capitol bestaunt man den Marmorboden und die Schauzimmer, vor dem Büro des Governors fehlt ein Bild und auf die Frage, wohin Mr. Schwarzeneggers Portrait verschwunden sei, erhält man die steife Antwort, abgehängt aufgrund von Family Issues.

In der Altstadt haben um neun Uhr abends immer noch einige Geschäfte ihre Pforten geöffnet, so auch Sweet Heaven, ein junger Verkäufer drückt mir draußen einen Flyer in die Hand Free Samples! und drinnen, gleich neben der Tür steht ein anderer und wiederholt bei jedem, der hereinkommt, dass es erlaubt ist, von den Bonbons in Fässern mit den blauen Labels zu kosten, ebenso von den Salt Water Taffies aus den Kisten. Das Geschäft ist voll. Voll von Holzkisten, die überquellend mit bunten Candies und Leuten, die einmal hier, einmal da ein Taffy auswickeln und in den Mund stecken. Im Geschäft darf gegessen werden, so viel der Magen zulässt, und ich denke an diesen alten Pipi Langstrumpffilm, wo Pipi mit ihren Goldmünzen den ganzen Zuckerlladen aufkauft und den Inhalt an die Kinder der Stadt verfüttert. Beim Hinausgehen drückt mir eine Verkäuferin noch ein Bonbon in die Hand und wünscht mir eine Sweet Night.

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