Tag 23 New York

Schon die Fahrt vom Flughafen in die Stadt wird zur Geduldsprobe. Der Frühverkehr ist unausgeschlafen und grantig, er hupt, drängt und faucht durch die Straßen, beißt Fußgänger in die Knöcheln und heult an jeder Ampel verzweifelt auf. Von der Ruhe der West-Coast ist nichts mehr zu spüren, alles rennt, was nicht gerade in einer Schlange steht.

Die Gerüche drängen sich auf, um jede Ecke ein neuer. Gerade wird der Müll abgeholt, die schwarzen Säcke reißen und ihr Inhalt rinnt über die Ecken des Mistwagens, Melonenschalen und Fischköpfe, am nächsten Eck mischt sich der Geruch von frischen Bageln mit dem von heißen Hot-Dogs, aus einer Wäscherei dampft Weichspülerduft, dann wieder schießt aus einem Ubahnschacht der holzige Schmierölgestank, der sofort vom Abgas der Autos vertrieben wird.

Die Orte, die Touristen aus Filmen kennen, sind heillos überfüllt, der bronzene Bulle der Wallstreet wird zugedeckt von japanischen Gästen, die 5th Avenue wird bevölkert von einem Menschenband, das sich in beide Richtungen schiebt und an den Enden, wo Geschäftseingänge sind, ausfranst. Dazwischen sind Businesspeople, Leute, die hier wirklich etwas zu tun haben und nicht nur auf Sightseen aus sind, sie sind herausgeputzt, in Anzug, Hemd, Krawatte, Bluse, Rock und Stöckelschuhen, einen Kaffee in der einen Hand, das Handy und die Zigarette in der anderen. Sie verschwinden in Häusern, die sich oberhalb der Straßen zueinander neigen zu scheinen, Glas-, Metall-, und Steinbauten, immer höher und immer kühler.

Bei Tiffany’s denkt man natürlich an Audrey Hepburn und man muss hinein. Hier wird tatsächlich viel gekauft, nicht wie in den Nobelhäusern am Wiener Kohlmarkt, wo in erster Linie von draußen hineingeschaut wird, auf Anfrage erhält man den Katalog mit den Preisen. Junge Pärchen sitzen beieinander und suchen sich Hochzeitsringe aus, Touristen nehmen sich Kettenanhänger mit oder lassen sich Armbändchen in die türkisen Taschen packen.

Gleich gegenüber, im Abercrombie & Fitch stehen Leute in einer langen Schlange, um in den Flagshipstore zu kommen und im Eingangsbereich ein Foto mit dem männlichen Model zu machen, das mit nacktem Oberkörper posiert.

Wenn es finster wird, wird es am Broadway hell. Die Leuchtanzeigen überstrahlen sich gegenseitig und tauchen die Straße in gelb, rot, blau. Da so viele Menschen unterwegs sind und dazwischen die Taxis und Fahrräder unterwegs sind, beginnt man aus einem seltsamen Selbstschutz heraus, sämtliche Körperfunktionen auf Atmen und Schauen zu reduzieren. Die Füße bewegen sich dorthin, wohin auch alle anderen laufen, der Blick wird gelenkt von Werbungen und den schnell herannahenden Gefahren wie Taxis, das Denken löst sich auf in einem Nebel des Staunens.

Man kann von Glück sprechen, wenn man in eine der Seitengassen geschwemmt wird und sich zumindest fragt, wo man denn nun sei, anstatt der Masse nachzutrudeln. Von dem Ubahnabgang am Time Square verschluckt endet zwar der Straßenlärm, nicht aber das Chaos. Neben einem Beatboxer rollen die Züge ein und kreischen ihr Hallo, das Rumpeln der Drehkreuze im Hintergrund und die Durchsagen verschlagen mir die Ohren. Noch im Hotelzimmer, vergraben im Queensizebett, dröhnen die Eindrücke des Tages weiter.

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