Bei den schlafenden Autos

Zwischen Wien und Linz, zwischen St. Pölten und Mauthausen, und damit ist auch schon genug gesagt, gibt es neben der lieblichen Landschaft an der Donau und den Windrädern und den kleinen Ortschaften, mitten in den Feldern ein Areal, das zubetoniert und eingezäunt ist, weil es etwas Wertvolles zu beschützen gilt; hier reihen sich Autos jeder Art, blitzen auf, wenn die Sonne herauskommt, und warten sonst darauf, wieder abgeholt zu werden. Ihr Aufenthalt ist beschränkt, maximal eine Übernachtung, dann geht es weiter. Als Mensch ist man Fremdkörper in dieser Gegend, in Warnwesten muss man sich bewegen, auf den streng vorgegeben Wegen, rot eingerahmt.

Die größeren Maschinen pflügen zwischen den Reihen der kleinen Schlafenden hindurch, auf ihre Rücken geladen, was es eben zu laden gibt, Traktoren, PKWs oder die rumpflosen Köpfe der Laster. Man ist klein hier, zart zwischen dem Metall und den massiven Reifen, steht mit weit offenen Augen wie ein Reh, das sich auf die Bundesstraße verirrte, kommt einer der Giganten vorbeigerauscht, und man drückt sich zwischen die rettenden Linien.

Hier herrscht das beruhigende Gefühl, dass nichts passieren kann, solange man nur sichtbar bleibt. Und drinnen in den Werkstätten empfängt einen der vertraute Geruch von Öl und Metall und steifen Papiertüchern, sofern man in der Kindheit schon in solcherlei Werkstätten war, und die Autos hängen in der Luft mit blanken Bäuchen, oder stehen mit offenen Inneren herum, dazwischen Ameisenmenschen in schmutzigen Arbeitsanzügen.

Die Menschen sitzen in dem geheizten Hauptgebäude, der Insel zwischen der Weite und den Maschinen. Es gibt etwa achttausend Autos zu versorgen, die hier her gebracht werden, übernachten und wieder abgeholt werden, Autos ohne Nummerntafeln und mit jungfäulichen Fahrersitzen, unter Schutzfolien und ohne Steinschläge. Wieder draußen ist es kalt und mit hochgezogenen Schultern nickt man den anderen in Warnwesten zu, wenn man sich in den roten Beschützerlinien trifft.

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