Wiener Prater

Ein Gewitter zieht auf. Unten wird es so lange ignoriert, wie die dunklen Wolken zu bluffen scheinen, unten, das ist im Wurstelprater, dem bunten Sammelsurium im zweiten Bezirk, eingeklemmt zwischen Hauptallee und Ausstellungsstraße. Wurstelprater sagt heute kein Mensch mehr, das war er früher vielleicht einmal, dann 1873 in Volksprater umbenannt, und weil Volk in Wien noch weniger funktioniert als Wurstel sind irgendwann diverse Vorsätze gefallen und über blieb Prater.

Wiener Riesenrad

Verwirrung stiftend, meint die Bezeichnung doch sowohl den Vergnügungspark als auch die überraschende Wildnis rund herum, die in Auen und Wäldchen endet. An diesem Tag ist viel los im Prater, alle Buden haben geöffnet und erwarten vom amüsierungsmütigen Publikum zahlungskräftige Beteiligung. Der Prater ist alt. Das Wahrzeichen, das Riesenrad, wurde 1896/97 gebaut (und im Weltkrieg ordentlich verwüstet), das zweite, kleinere Blumenriesenrad dann 1933, die Liliputbahn in den 1920ern ins Leben gerufen, eine Miniaturbahn, pardon, Schmalspureisenbahn mit einem Rundkurs von rund 4 Kilometern, die bestens in den altertümlichen, seltsamen Prater passt. Das Schweizerhaus, das in abgewandelter Form schon 1766 im Prater bestanden haben soll, wurde ebenfalls in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Karl Kolarik übernommen und zu einer festen Institution für alle, die dem schweren Essen und schaumgekrönten Bier frönen wollen.

Geisterbahn

Die Grundsteine sind also alt und die Geschichte umfasst Weltausstellung und frühes Kino und heute, was ist es heute? Ein zusammengewürfeltes und deshalb reizendes Ensemble aus Geisterbahnen, die in den Vierzigern erbaut wurden und Jahr für Jahr mit einer neuen Schicht Lack ausgebessert immer noch schick aussehen, auch wenn ihnen die Jahre anhaften, daneben neuere Gerätschaften, die ihre Mitreisenden durch die Gegend schleudern, Stroboskopgeblitze und Nebelmaschine, dazu ein Misch von Techno- und Housemusik aus den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Gezahlt wird für jede Attraktion einzeln, ein Vergnügen, das sich an lustigen Tagen zu einer ordentlichen Summe läppern kann.

Blumenriesenrad

Verloren zwischen den ganzen feinen und lauten Buden steht noch immer das alte Dampfringelspiel, das „Karousel“, das schon mehrere Generationen Runde um Runde befördert hat, genau so, wie es die braven Ponys tun, die Jahr um Jahr den Lärm von Ringsum und das Rauf und Runter kleiner Kinder mit stoischer Ruhe ertragen.

ponykarusell

Einigen Generationen wie dem Donau Jump blättert das Alter vom Gesicht, die Leuchtbuchstaben zeigen nur noch Donau Jmp an, die Hochschaubahn gleich nebenan erfreut zwar immer noch mutige Besucher, hat aber bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen. Dabei wurde 2008 im Zuge der Fußball Europameisterschaft viel Geld in die Gestaltung des Areals gepumpt, in den Eingangsbereich und in Wege.

Freundlicher sieht er jetzt bestimmt aus, der alte, an manchen Ecken grantige und müde Prater, aber sein Gesicht schimmert schon wieder durch. Die Wolken machen drängender auf sich aufmerksam und schicken Wind, der zwischen den Attraktionen, dem Autodrom mit seiner wirbelverschiebenden Mission und dem Tagada mit den immer gleichen Mädchen und Burschen davor.

Als die ersten Tropfen fallen, ziehen sich die Besucher zurück in die Spielhöhlen, oder, wenn sie noch nicht alt genug dafür sind, in die Gastgärten der Restaurants, unter die breitgefächerten Kastanienbäume und essen Langos oder Zuckerwatte, je nach Alter, lauernd, ob es nun ein Gewitter gebe, oder ob die paar Tröpfchen alles wären, was die Wolken zu bieten haben. Und der Himmel lässt sich nicht lumpen, entlädt was er hat hinunter auf die Vergnügungsgesellschaft, auf die wettergewohnten Geräte, das Wasser sammelt sich in den Gruben der Sitze, spült Langospapier vom Gehsteig zwischen die Bäume, prasselt auf die Hochschaubahnen und das Dach des Ponykarusells. Die Pferdchen haben kurz Ruhe und halten ihre schweren Köpfe über das Geländer, die Nasen in den kühlen Wind gesteckt.

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