Der vergessene Tod

Normalerweise setzt sie erst im November ein, diese seltsame, plötzliche Morbidität, dieses Verlangen, einsam hinaus zu pilgern in die Natur, blätterleer und feucht, die Kälte an den Ohrläppchen und am Kinn und dann hinaus zufahren mit dem Einundziebzigerwagen zum Zentralfriedhof.

Umringt von Backsteinmauern mit schwarzen Metallzäunen, die sagen: hinter uns liegt Edles und Erhabnes und verhalte dich still und demütig, liegt das Areal mit einer Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern, ein mehrgesichtiges Land, einerseits straff von Wegen gekreuzt, mit Gräbern, deren Säumungen von Handschneidern getrimmt werden, wöchentlich, polierten Grabsteinen und wechselnden Blumen in den verankerten Vasen, ein korrekt angelegtes Viel an Totenlager, und dann, auf der anderen Seite, die verwucherten Alleen, in denen Efeu der einzige Herrscher ist, der wilde Wein geduldet und die Sträucher, die einmal klein angesetzt worden waren, irgendwann die Grabespfleger überlebten und ausbrachen, hinüber zu den Nachbarsgräbern und weiter.

Der alte jüdische Friedhof, ein plötzlicher Wald. Aus dem weichen Boden kommen Grabsteine, verwitterte Gesellen mit Gravuren, die gerade noch gelesen werden können, oder Prachtgräbern, die vom Grün erobert und zugedeckt wurden. Nichts, das nicht verfällt, nicht die drei Millionen Menschen, die hier begraben sind – also fast doppelt so viele, wie in Wien leben – nicht die Erinnerungen an sie. Unvergessen wird zu einem leisen Hohn, der Grabstein liegt schon lange auf der Seite, zur Hälfte im Boden versunken. Das Vergessen ist heilsam, das müssen wir lernen. Unbedarft spaziert man zwischen den geliebten Kindern und ehrvollen Eltern, den Arbeitssamen und Gütigen, denen niemand etwas Böses nachsagen wollte, als die Grabsteine geschliffen wurden, wo wäre auch der Sinn gewesen, die Toten zu beleidigen ist ein schales Vergnügen.

Man liest Namen, als wären es Figuren eines Romans, vergleicht Geburts- und Sterbejahre, denkt über Familienverhältnisse nach und kommt näher, um die Porzellanbilder zu betrachten, die Menschen in Sepia zeigen, jung oder im Alter und lebend, und man denkt nicht daran, dass die letzten Reste von ihnen gleich unter den eigenen Füßen begraben sind, dass es so viel Geschichten zu erzählen gebe und niemanden, der sie hören will. Es sind verschwundene Geschichten von verschwundenen Menschen und kurz überkommt einen die eigene Unbedeutsamkeit. Man macht sich auf den Weg mit einem melancholischen Gefühl im Genick und spielt mit den Fingern am Rand der Jackenärmel und dann redet man sich ein, dass es gut ist zu vergessen und dass es gut ist, davor zu leben.

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