Tag 3 Delhi/ In Ruinen sitzen und mit den Beinen schlenkern.

Fahrrad Indien Delhi

Ein vergangener Tag, sprichwörtlich. Wieder einmal unterschätze ich die Distanzen in dieser Stadt. Schon beim Heraustreten aus dem Hostel spricht mich der erste Händler an. Er denkt, ich wäre Französin und schwört dann darauf, dass Vienna eine beautiful city ist. Er hat eine Wunde am Arm und als ich ihn frage woher, meint er driving accident. Wen wundert es? eher wundert es, dass es überhaupt so viele Inder gibt, bei diesem Fahrstil. Kaum verabschiede ich mich von ihm, habe ich den nächsten Mann an meiner Seite, er ist zierlich und kleiner als ich und spricht gutes Englisch. Er folgt mir den Weg zur Train Station hinunter, den ich eigentlich als kleinen Spaziergang anlegen wollte, um die Ware anzuschauen, aber keine Chance bei dem gesprächigen Herren. Ich erfahre, dass er aus Nepal ist und dass er Jack Sparrow heißt. Captain. Und das, nachdem ich ihn brav mit Namen, Country und so weiter gefüttert habe. Bis zur Ubahnstation ist es weit diesesmal, weil zu wenig andere Touristen unterwegs sind und ich um so aufdringlicher umworben werde – ignoriert werde ich aber von den Buben, die nur Augen für die Süßigkeiten eines Händlers haben und mit einem Fetzenball zu kicken beginnen, nachdem sie sich mit ihrer Zuckerration versorgt haben.

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Ich fahre eine Station zum Patel Chowk, dem Knotenpunkt, weil dort ein Park ist, aber kaum heraußen aus dem überfüllten Untergrund stehen die nächsten Kerle neben mir und sind erpicht darauf, mir Delhi erklären. Es nagt ein wenig die Ungeduld, weil es nicht möglich ist, einfach seiner Wege zu gehen. Bewege ich mich, heißt es: Where do you want to go? Bleibe ich stehen, um etwas anzuschauen heißt es: Come in! Please, look, very cheap and good quality, rühre ich mich nicht, weil ich in meiner Tasche nach dem Wasser suche, wird sich jemand an meine Seite gesellen, der mich irgendwo hinzuführen will, wo er oder sein Freund ein Geschäft hat. Von der Station aus werde ich von jemandem abgeholt, der mich in die Richtung des Tourist Centers bringt (wo ich nicht hinwill), am Weg dorthin einem jungen Mann übergeben, der am Weg in die Moschee ist, es ist Freitag. Er liefert mich vor dem Eingang ab und wartet auf mich, als ich wieder herauskomme, um mich zur Straßenecke zu geleiten. Dazwischen immer der gleiche Fragebogen, in einer Reihenfolge abgespult, die scheinbar zuvor unter allen Partizipierenden abgesprochen wurde. Er winkt mir, als er in den Eingang der Moschee schlüpft, nicht ohne vorher noch aufgezählt zu haben, wo ich einkaufen gehen könne. Übergangslos laufe ich in die Arme eines Postkartenverkäufers, der mich zur Post bringt, wo ich Marken für seine Karten kaufen kann und ich nehme ihm einen Bogen Ansichtskarten ab, die zwar nicht besonders schön sind, aber immerhin war er so freundlich mir die Post zu zeigen (dieser kleine, spekulative Teufel).

Ich verstecke mich in der Ventilatorenhalle, kaufe Briefmarken, auf denen Pinguine und Eisbären abgebildet sich und setze mich an den einzigen Tisch. Die Post, im Kolonialstil der Briten, sieht aus, als hätte sich in den letzten sechzig Jahren nicht viel verändert, alles ist charmant, abgenutzt und fleckig, auch die Leute hinter den Schaltern sind alt, mit dünnen Fingern, die Briefmarken aus dem Bogen lösen und Stempel umklammern. Ich bleibe gerne dort und schreibe meine Karten, dann, am Weg zur Ubahn: ein alter Mann mit typischen Bart. Er entschuldigt sich dafür, mich anzusprechen, aber er will wissen, woher ich bin und als ich ihm die selbe Geschichte wieder erzähle, sagt er, er sei in Wien gewesen und in Ungarn. Immer wieder erstaunen mich die Geographiekenntnisse der Leute hier. Jedem, dem ich Austria verrate, fallt auf Anhieb Wien ein und Ungarn und die Tschechische Republik.

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Ich fahre hinunter in den Süden in den Hauz Khas Complex wo ich mich mit einer Bekanntschaft vom vorigen Tag treffe. Es war der erste Fehler, diese Station gewählt zu haben und der zweite, zu Fuß den Eingang zu suchen. Es dauert über eine Stunde, bis wir endlich vor dem Deer Park stehen, und wir sind am Weg dorthin über knöchelbrecherische Gehsteige gestolpert, durch Randmüll gestiegen, haben in die Straße ragende Gummibaumäste zur Seite geschoben und sind von jedem zweiten vorbeifahrenden Auto angehupt worden. Zumindest hat uns niemand den Ellenbogen oder die Ferse abgefahren. Der Deerpark ist staubig und ein wenig trostlos nach der gestrigen Pracht des Roten Forts, wir gehen ein gutes Stück, dann suchen wir eine Bank im Schatten, auf der niemand schläft. Man gewöhnt sich daran, zu schwitzen, aber man gewöhnt sich nicht daran, dass das Schwitzen erst wieder gegen sechs oder sieben besser wird, wenn die Dämmerung kommt. Mein Gewand klebt mir am Körper und das, obwohl die Sonne den ganzen Tag – und leider wie alle Tage – nur eine diffuse Scheibe hinter einer Smog- und Wolkenwand ist. Meine Bekanntschaft hat zum Glück GPS am Handy, wir suchen einen Weg zurück zum Khas, das so schön und modern sein soll und finden uns in einer engen Straße wieder, die nach Touristenfalle riecht und an Westernfilmsets der Siebzigerjahre erinnert. Außen geputzte Glasscheiben, dahinter schnell das übliche Durcheinander an Stiegenauf- und Abgängen, geheimen Müllstätten und offenen Latrinen.

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Der Hauz, der See in der Mitte trägt grünes Wasser, dahinter das Islamische Seminar, die Moschee und das Grabmahl aus dem zwölften Jahrhundert. Junge Leute sitzen wie Krähen zwischen den Säulen und an den offenen Balkonen, wo sie die Beine baumeln lassen. Es ist ruhig dort. Unten hocken junge Burschen im Gras, die spüren, dass sie nur jeweils einer aus sechzehn Millionen sind und die sich trotzdem Mühe geben, etwas Besonderes darzustellen.

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Wir verlassen den Hauz Khas zu Fuß und fahren mit der U-Bahn weiter nach Süden, um die Qutub Minar zu sehen (Fehler Nr° 3!). Vor der Station empfängt uns ein motivierter Fahrer in Rennstellung, der uns durch die Straßen navigiert, als gebe es kein Morgen. Er macht sich aus dem Staub, sobald wir draußen sind und recht hat er, hat der Qutub Minar Komplex doch schon die Pforten geschlossen. Meine Bekanntschaft meint, dass sie uns wohl noch den Audio-Guide verkauft hätten, wenn wir uns am Eingang angestellt hätten. Wir setzen uns müde auf die Steinmauer und nehmen den Misserfolg in Kauf.

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Es dämmert und eigentlich will ich schon zu Hause sein. Das Tuk Tuk, das uns zurück bringt, verlang weniger und fährt gesitteter, ich muss nicht wieder um mein Leben oder zumindest einige Gliedmaßen fürchten. Der Weg heim ist lang und als ich in den Main Bazaar biege, ist er voller und gestresster als je zuvor. Es wird finster, als ich zu Hause ankomme. Die kalte Dusche ist die Widergutmachung für einen Tag, an dem alles hätte ein bisschen glatter laufen können.

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