Tag 13 Delhi//Begrabt mich hier

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Die Nacht ist heiß und laut. Draußen vor dem Fenster läuft ein Radio, Gebläse klackern. Mit einem Schlag ist der Strom weg und eine plötzliche Ruhe legt sich über das Viertel. Der Deckenventilator fällt weg und ich spüre die Feuchtigkeit der Luft am ganzen Körper, es ist, als würde mir jemand ins Gesicht atmen.

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Mein erstes Ziel an diesem drückenden Tag ist Humayun’s Tomb, einem Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert, der seit 20 Jahren renoviert wird. Ein persischer Architekt, Mirak Mirza entwarf den streng symmetrischen Bau, Humayuns erste Frau Bega Begum überwachte die Ausführung. Ich betrete das UNESCO Welterbe durch den gerade verlaufenden Gang, er führt durch die persische Gartenanlage mit ihren geregelten Wasserläufen, der damals einmalig war für Indien. Das Spiel zwischen rotem Sandstein und weißem Marmor lässt Erinnerungen an die Geschichten von 1001 Nacht aufkommen, rings um breiten sich die Gartenanlagen mit ihren ausladenden Bäumen und duftenden Sträuchern aus. Die Grabkammer ist hell und hochgewölbt, die verästelten Fenstergitter lassen gefiltertes Licht in den Komplex.

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Ich finde eine Ecke im Raum der Frauengräber und setze mich auf den Steinboden. Die Hitze ist unnachgiebig, auch in den hohen Räumen durch die der Wind zieht und ich frage mich, wie es die anderen schaffen, sich durch die Schönheit der Umgebung zu quälen. Im Garten will ich mich unter einen der Bäume setzen und den Schatten nutzen, werde aber von einer Gruppe Jugendlicher verscheucht, die ihren Spaß daran haben, einzeln anzutraben und mich um ein Foto zu bitten. Ich wiederrum verstehe sie absichtlich falsch und mache Foto von ihnen (was sie nicht davon abhält, motiviert zu posieren.)

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Sonst sind fast keine Besucher unterwegs, es ist Mittag und zu heiß, um irgendetwas anderes zu tun, als zu schlafen, zumindest sind die meisten Rikshafahrer dieser Meinung.

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Ich mache mich weiter auf in den Süden zum Lotustempel. Von der Ubahn aus steht er im diesigen Gegenlicht, wie eine überdimensionale Lotusblüte. Ich steige aus und folge mit der Vertrauensseligkeit eines europäischen Kalbes einem Schild mit großem roten Pfeil und Sanskritschrift, gelange in einen komplett falschen, etwas gruseligen Tempel mit angeschlossenem Barackenghetto und verabschiede mich schnell wieder von dort, um einen halben Kilometer zum Eingang des Lotustempels zu pilgern.

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Das Gebäude ist 1989 eröffnet worden und steht allen Religionen offen, ein Gebetshaus der besonderen Art, das jährlich angeblich beinahe so viele Besucher wie der Eiffelturm hat. Vor dem Eingang treffe ich dann auch einen der wenigen wachen Rikshafahrer, der mir erklärt: Monday closed. Look the sign! Bring you back to metro Madam, only 50 rupies. Ein leichter Grant überkommt mich an diesem so freundlichen, aber immerhin geschlossenen Ort (der Eiffelturm hat immer offfen, oder?) Und weil ich ohnehin nass bin, als wäre ich in den Monsun gekommen, gehe ich den aufgeheizten Weg zurück zur Ubahn und finde unterwegs einen Supermarkt, eine echte Rarität hier. Vor dem Hineingehen muss ich meine Tasche zeigen und drinnen empfängt mich der Segen einer Klimaanlage und der Versuch eines Interspars. Verkauft wird direkt aus den Kartons und für jeden Gang ist scheinbar eine Verkaufsperson zuständig, die, sobald man etwas herausgenommen hat, sofort das nächste Produkt nachrückt. Fotos durfte ich keine machen, aber die Vorstellung gelingt wohl auch so: Ein etwas zu groß geratener ADEG in den Untiefen eines Bundeslandes, samstags, kurz vorm Zusperren. Mit mehr Personal. Ich kaufe gewürzte Buttermilch (nicht mein Geschmack) und eineinhalb Liter Wasser (das Wasser rinnt direkt aus den Poren am Hals und am Rücken, sobald man einen Schluck gemacht hat) und muss nachdem ich gezahlt habe beim Ausgang meine Rechnung und alles Gekaufte noch einmal herzeigen. Amokvermutung, würde man dies beim Hofer einführen. Ich  fahre zum Rajiv Chowk, wo es eine Post gibt.

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Die Ubahnfahrt ist eine Genugtuung, ich reise im Women Only Sector, den es in jedem Zug gibt, lausche andächtig der britischen Stimme, die daran erinnert, dass man unbewachte Gegenstände nicht angreifen soll (es könnte eine Bombe sein), dass Sitze, die für Ladies reserviert sind, nicht von Kerlen besetzt werden sollen, dass im Zug Ladestationen für Laptops und Handys zur Verfügung stehen, dass man mit den Türen nicht gewaltsam werden soll und please mind the gap. Wer an den Türen hantiert hat mit einer Strafe von 5000 Rupien oder vier Jahren Gefängnis zu rechnen (oder beidem, wird gedroht), wer am Dach des Zuges mitfährt kommt mit 50 Rupien davon, da fehlt doch das Verhältnis. Das Aussteigen und Einsteigen ist jedes Mal ein kleiner Wettkampf, den Reisenden schießt das Adrenalin ein und die von drinnen drängen nach draußen, während die von draußen nach drinnen schieben, als hinge ihr Leben davon ab. Ich stehe meistens brav in der Mitte und sehe zu, dass ich mitflutsche.

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Am frühen Abend, zwei Stunden bevor es dunkel wird, möchte ich noch den Laxmi Narayan Birla Mandir Tempel sehen, der nicht allzu weit von dem Hostel entfernt ist. Am halben Weg passt mich ein Mann ab, der schnell redet und mir eine neue Karte aufschwatzen will und mich schließlich zum Tempel begleitet, obwohl ich ihm mehrmals versichere, dass ich alleine hinfinde. Dann bin ich aber froh, ihn dabei zu haben, alleine hätte ich mich nicht hineingetraut. Ich muss die Tasche mit dem Fotoapparat draußen lassen, was schade ist, aber die Heiligkeit des Ortes soll nicht gestört werden. Tatsächlich ist der Tempel wunderschön, weißer Marmor am kühlen Boden (man geht barfuß) und drinnen die Götter in Form bunter Figuren in glitzernden Stoffen, mit Blumenketten geschmückt. Priester sitzen bei den einzelnen Figuren und geben ihren Segen, rezitieren oder meditieren. Die Statuen sind menschengroß und unglaublich realistisch, eine schöner als die andere. Draußen bekomme ich am Schrein von Ganesha einen weiteren Segen auf die Stirne gemalt und ein Minzbonbon des Priesters.

Der Lohn für diesen wunderbaren Tempelbesuch gestaltet sich darin, dass mich mein lästiger Anhang in mehrere Geschäfte schleppt, wo ich etwas kaufen kann, wenn ich will (only looking, you happy, I am happy, I am a good man)  Meine Laune trübt sich ein, als er mich zum Gole Market schleift und ich die Orientierung verliere. Es wird mir bewusst, dass gute Erziehung und Nächstenliebe fein und schön sind, irgendwann aber der Punkt des gehorsamen Mitdackelns überwunden ist, vor allem, da ich nicht vorhabe, in irgendeinem der sehr teuren Geschäfte auch nur eine Rupie liegen zu lassen. Als ich mir einen Fluchtplan zurechtlege und in das vierte Geschäft bugsiert werde, treffe ich dort zwei offensichtlich ebenfalls angepisste junge Frauen. Ich spreche sie an, ob sie auch hereinzogen worden wären und sie antworten augenrollend, dass sie ihr Fahrer auch hierher gebracht hätte. Wir beschließen kurzerhand draußen in das Tuktuk zu steigen und uns zurück nach Paherganj bringen zu lassen. Mein Führer redet zwar aufgebracht mit dem Tuktukfahrer, als ich mich zu den Londoner Mädels quetsche, winkt mir dann aber freundlich nach und wir sind dahin.

Die Dämmerung ist hereingebrochen und der Markt wieder voller und belebter als tagsüber. Ich beschließe, mir noch eine süßreife Mango zu gönnen und bin froh, wieder nach Hause zu kommen.

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Ein Gedanke zu „Tag 13 Delhi//Begrabt mich hier

  1. Schön dass du in Delhi warst. Ich werde ab September ein Praktikum im Sprachbereich beim Goetheinsitut machen und bin schon sehr aufgeregt, was mich erwartet. Ich werde viel Freizeit haben, mir die Sehenswürdigkeiten anzuschauen.
    Ich überlege gerade welches Schuhwerk ich nach Indien mitnehme. Ich denke meine geschlossenen Halbschuhe werden am besten sein. Zur Not wird es vor Ort sicher auch Schuhgeschäfte mit Sandalen geben.

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