11/ Hué. Nieselregen und Pinienwälder.

Hue Moped

Das Wetter hat sich nicht gebessert, am Vormittag ist der Nieselregen allgegenwärtig und bläst von unten am Schirm vorbei. Die Mopedfahrer verstecken sich unter Regenponchos und haben die Knie an die Schlüsselbeine gezogen, um keine nassen Füße zu bekommen. Ich folge der Dien Bien Puh Straße in den Süden, weil es hier einige Pagoden und buddhistische Klöster zu sehen gibt und beginne den Wasserlachentanz. Der besteht darin, nach der nächsten Lache am Straßenrand und gleichzeitig dem nächsten herannahenden Gefährt Ausschau zu halten und die ungefähre Dreckspritzweite zu kalkulieren. Ich bin nicht immer erfolgreich, meistens fehlen die Fluchtmöglichkeiten.

Altar Hue

Am Ende der Straße stoße ich auf das Areal des Altars für Himmel und Erde. Erstaunlicherweise bin ich alleine in der riesigen Anlage, obwohl vor dem Eingang der Erdboden frisch zerfahren ist. Hier brachten die Himmelssöhne ab 1806 ihre Opfer in teilweise tagelangen Zeremonien dar und hier erhebt sich der Alter mit seinen 40 Metern im Durchschnitt.

Altar des Himmels und der Erde

Die Symmetrie der Anlage ist beruhigend, sogar die von Mandarinen gepflanzten Pinienwälder ringsum scheinen sich daran zu halten. Der Le Ngo Cat folgend komme ich nach fast einer Stunde zum Kaisergrab des Tu Duc (1829 – 1883). Der vierte Nguyenherrscher wurde mit achtzehn Jahren zum Kaiser und stieß mit seiner Haltung an vielen Fronten auf Widerstand.

Lang Tu Duc

Einerseits war durch sein Einsetzen die Erbfolge unterbrochen worden, da der eigentliche Thronfolger als zu progressiv übergangen wurde (und daraufhin eine Rebellion gegen Tu Duc führte), andererseits sah er in den Franzosen und der christliche Gemeinschaft im Land eine Bedrohung. Frankreich reagierte mit Gewalt, der inhaftierte Kronprinz nahm sich das Leben, Tu Duc musste einen großen Teil des südlichen Landes an die Franzosen abtreten und schließlich zog er sich in den Bereich zurück, der später zu seiner Grabstätte werden sollte.

Grab Tu Duc Hue

Hier verbrachte Tu Duc seine Zeit mit seinen Frauen, aufgrund einer Krankheit ohne Kinder zu zeugen, widmete sich der Poesie, der Musik und dem Theater und verlegte sich darauf, zu dichten und Tee zu trinken (angeblich wurde nur der Morgentau als Teewasser verwendet). Das Land, das in einer höchst gereizten Situation war, in dem an allen Ecken Revolten aufflammten und dessen politische Stellung durch viele Unsicherheiten löchrig war, könnte keinen größeren Kontrast zu der Anlage gebildet haben.

Tu Duc Tomb

Hier herrscht die Ruhe einer Insel, die Nadelwälder stehen in feinblühenden Wiesen, dazwischen ruht der künstlich angelegte Teich in sich. Nichts wurde hier bombadiert, aber das ständig feuchte Wetter setzt den Gebäuden, den Mauern und den Steinstatuen zu, frisst sich durch die Holzhallen und den Stelenpavillon. Ich schließe mich einmal einer französischen, dann einer deutschen Reisegruppe an und höre zu, was der Führer über die Ensembles erzählt und falle dann immer wieder von den Gruppen ab, um die Mäuerchen und Statuen genauer zu betrachten. Alles ist von einer Moosschicht überzogen und die Steine glänzen feucht, Mangroven winden sich über die verwitterten Stiegen.

Tu Duc Grabmahl

Die Farben, so erzählt der französische Reiseführer, waren nicht stark. Kein lackiertes Rot, wie in der Kaiserstadt, Wasserfarben hätten es getan um dem Namen der Anlage gerecht zu werden: Palast der Bescheidenheit. Und beim Grab dann, das erhöht liegt und das von einem Mauerparavant abgeschirmt ist, der es den bösen Geistern unmöglich machen soll, durchzudringen, erfahre ich, dass es zwar einen Sarkophag gibt, dass aber niemand weiß, wo genau der Kaiser begraben ist. Zu kostbar seien die Grabbeigaben und die Regierung dürfe nicht nach ihnen schürfen. Damals, als drei Diener den Leichnam des Königs begruben, wurden sie im Anschluss getötet, um das Geheimnis nicht preiszugeben. Ich verlasse die Gruppe wieder und stelle mir vor, dass unter meinem Füßen der vierte Nguyenkaiser mit all seinen Reichtümern ruht.

Den Weg zurück gestalte ich ein bisschen abenteuerlicher, indem ich einer anderen Straße folge, die irgendwann zurück zum Fluss Song Huong führen soll. Dass sie bald schmal wird und mich in eine recht ländliche Umgebung führt, ist nicht direkt in meinem Sinn.

Elektrizität vietnam style

Seltsam genug, dass irgendwer hier zu Fuß geht, noch seltsamer, dass es offensichtlich eine Westlerin ist, die hier unterwegs ist, den Regenschirm an die Tasche gebunden. Aus den Häuschen am Straßenrand schreien mir Kinder nach und sobald mich ein Moped passiert, werde ich gefragt, ob ich mitfahren will. Ich marschiere die Bambusallee entlang und komme an eine Anhöhe mit christlichen Friedhöfen, dann gesellt sich Nebel zum Dauergast Nieselregen und ich hoffe, dass die letzten Reste von Zivilisation nicht auch noch abreißen.

Hue Umgebung Friedhof Kuh

Es dauert dann noch fast zwei Stunden, bis ich endlich im Kern der Stadt bin, die Schuhe bis zu den Knöcheln voll Dreck und dreizehn Kilometer in den Füßen, aber glücklich über den langen Marsch.

eingesperrter Buddha

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