Kohlköpfig, baklavasüß // Istanbul

24. Februar 2022

Durch die Scheiben ein Druck auf den Glaskörper direkt in die Lamellen; sobald ich es sehe, bleibe ich an dem Bild haften wie damals die Vögelchen am Leim. Yufkateighimmel im Sirupmeer. Es würde den Rachen hinunterschmeicheln und kleine Pistazienbrösel zwischen den Backenzähnen zurücklassen.  

Pistacchio, ein Pasticcio besser aus allem, was zerrinnt. In meinem Kopf klebt die Erinnerung an Türkeiurlaub der Kindheit.
Taucherbrillen, Haut, die sich von den Schulterblättern schält, darunter eine neue rosige Schicht, Salzrückstände in den Haaransätzen.
Hier ist es kalt, unter dem Türspalt quillt Honig hervor.

Oder bilde ich mir das nur ein?  

25. Februar 2022

Aus der Wand starrt mich ein Türke an, ein halbfertiger, ein vollendeter.
Er sagt: „Evet!“, das höre ich an den Ecken, das einzige, das ich verstehe und selbst vor mich hinmurmle, evet, evet.
Er hätte noch mehr zu sagen, aber ich verstehe ihn nicht und entschuldige mich.
In seinen Augen liegt Güte aus dem Handgelenk gelenkt.  

26. Februar 2022

Süleymaniye Moschee bergab,
bergweg von den Besuchenden,
bergrunter von der zarten Heiligkeit, empfangen von dem Dahinter und dem Darunter.

Dort: baufällige Ziegelruinenfelder; Platz für Neues (?)
Zusammengehalten von Wäscheleinen und Katzenschwanzzucken die alten Fassaden, wie ehrenvolle Greisinnen.
Ich bleibe im Flattern der Kinderwäsche hängen, es trommeln die Ärmel ein Stakkato ans Holz.

 

27. Februar 2022

Es gehen einem die Augen über, die Augen, die zurückstarren, goldumfasste Fluchabwender, fingerdicker Wohlstandsverweis.
Oder doch nur die Begeisterung
der Elstern und Krähen?
Lapislazuli, Türkis und Amethyst, mein Sternzeichen diktiert, wenigstens einen Stein mitzunehmen, die gehören zu mir, wie mein Aszendent.
Aber ich trage Handschuhe, da wäre es doch schade darum.

28. Februar 2022

Weiter außerhalb tausche ich Gold gegen geschichtete Köpfe.
Einer über dem nächsten,
in sich geschlossene Matrjoschkas.
Niemand hat die Geduld, Blatt für Blatt abzutrennen und die Adern und Verästelungen mit den eigenen Handrücken abzugleichen. Eher fährt die Schneide querdurch und splittet in der Hälfte, in dem Viertel.
Ich möchte mich in die Köpfe verkriechen und mit ihren Blättern zudecken, damit von der Welt nichts mehr gesehen werden muss.    

Erster März 2022

Ich entdecke meinen Namen, fast richtig geschrieben und muss mich zum Schild stellen, damit ich in mich hineingehen kann.

Ich finde mich trotzdem nicht und meine Nase wird kalt.

4 Gedanken zu „Kohlköpfig, baklavasüß // Istanbul

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