Verlorene Tage

Zwischen Weihnachten und Neujahr sind die Tage seltsam verwaschen. Sie verlieren ihre Namen und heißen Christtag oder Stefanitag und sie verlieren ihre Aufgaben und bekommen neue. In den Straßen streunen Touristen mit Stadtplänen. Sie bleiben an Hausecken hängen und stecken die Köpfe zusammen. Außerhalb von den Hauptstädten sind die Weihnachtsmärkte geschlossen, aber die Beleuchtungen noch angesteckt. Je weiter die Straßen hinausführen, desto verlassener wird es. Im Nachmittagsdunkel färben sich Baumstämme vom Nebel. Beim Gehen dämpfen sich die Geräusche zum eigenen Herzschlag und zum Atemholen in der scharfen Luft. Nichts bleibt von der Welt.

For my dear english readers: Give me the soft sigh, whilst the soul-telling eye, is dimm’d, for a time, with a Tear. 

 

 

Semmering//Eselstein

Wenn der Wald im Winde rauscht, Blatt mit Blatt die Rede tauscht, möcht ich gern die Blätter fragen: Tönt ihr Wonne? Tönt ihr Klagen?

Justinus Kerner 1786-1862/ Der Grundton der natur

 

 

 

 

 

5 Erkenntnisse über Pilzesuchen

1.) Erst am Nachmittag in den Wald zu kommen, ist zu spät. Zur Strafe müssen Pensionisten beobachtet werden, die mit roten Wangen und verdächtig schweren Taschen den Heimweg antreten.

2.) Es ist sinnvoll, einen Parasol von einem Knollenblätterpilz unterschieden zu können.

3.) Es ist sinnvoll, in der Lage zu sein, mehrere Pilze zu erkennen. Fliegenpilze sind großartig, nur kann man nichts mit ihnen anfangen.

4.) Da, wo die besten Schwammerl wachsen, gibt es keinen Handyempfang. In Gruppen ist es also ratsam, in Hörweite zu bleiben. Außer die Gruppe ist ein Übel, dann ist dies der perfekte Zeitpunkt, sich abzusetzen.

5.) Wenn es neben einem im Wald raschelt, handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um keinen Bären, sondern um einen Pensionisten.

 

Die wilden Freuden am Berg

Es ist ein altes Klischee, dass junge Österreicher und Österreicherinnen auf die Ski geschnallt werden, sobald sie alleine stehen können und es trifft schon lange nicht mehr zu. Diejenigen, die ihre Kinder zwischen Knie und Stecken klemmen und den Hang hinunter rutschen werden weniger, was aber nicht heißt, dass die Skischulen nicht noch immer ihr Geld mit Zwergen verdienen, die aus Helm und großen Schuhen zu bestehen scheinen. Und als Kind war alles anstrengend. Der Skianzug, in dem man steckte und sich nicht ordentlich bewegen konnte, die sperrigen Ski, die immer verrutschten, wollte man sie tragen, die Schuhe, die eng waren und zwickten, die Kälte, die Sonne, das Rauf und Runter, das Hop und Bogerl. Die Lust am Schnee ist erst später gekommen und dann richtig. Ein Problem am Skifahren scheint unvergänglich mit dem kindlichen Abquälen verbunden – lernt man das Fahren nicht schon im kleinen Alter, wo Menisken und Kreuzbänder unmenschlichen Belastungen gewachsen zu sein scheinen, dann wird es später eine Herausforderung, die sich nur wenige antun.

Einmal erlernt bleibt die Technik auf wundersame Weise im Hirn gespeichert und entfaltet sich jedes Jahr zur selben Zeit aufs Neue, im Februar oder März, wenn auch endlich die gefürchteten Wiener den Semmering verlassen und im Land einfallen, um den Lokalen zu zeigen, wie gut sie auf den Skiern sind.

Gastein eignet sich hierfür bestens, eine Erfahrung, die sich über Jahrzehnte hin bestätigt hat. Das Gebiet ist reich an bestens präparierten Pisten und Möglichkeiten, auch neben dem Schneezauber seine Zeit zu vertreiben. Was dazu gehört, kommt schnell in Erinnerung, sobald man das erste Mal aus dem Auto am Parkplatz im Angertal steigt. Die knieweiche Haltung der Skischuhtragenden, die Rutschpartie am Klo und die verwirrende Erkenntnis, tatsächlich vier Schichten auch wieder anziehen zu müssen, ein Portemonnaie, das mit jedem Tag an der Kassa erheblich erschlankt, das Tragen der Ski auf der Schulter und die damit verbundenen Rostflecken, sollten die Skier über den Winter in einer feuchten Ecke im Keller vor sich hingeschimmel haben, oder den zerschnittenen Handschuhen, sollte das Service zu ambitioniert ausgefallen sein. Das erste Anstellen beim Lift oder der Gondel, die verschlagenen Ohren beim Hinauffahren, der erste Wind beim Aussteigen und dann das Anschnallen und ausprobieren der Einstellungen, die ersten Bögen die man nimmt wie ein Anfänger und das wachsende Selbstbewusstsein bis zum ersten Verschneiden. Und zu Mittag die Kantinen mit ihren Germknödel, Pommes, Erbsensuppen und Cola Flaschen. Sonnencremeduft auf der Terrasse, Menschen die in ihrer ruckigen Skischuhgangart Tabletts mit heillos überteuerten Bier balancieren und welchen, die sich in der Sonne ihres Anoraks entledigt haben und die weißen Eulenaugen unter der Skibrille in die Höhensonne halten (um am Abend über den Sonnenbrand auf der Nase zu klagen) Das Rauf und Runter im Schnee, der Spaß am engen Wedeln oder den ausgedehnten, flotten Bögen zwischen Tannenbäumen und, weiter oben, aufragenden Felsen, die von den bunten Skifahrern weiß Gott was halten. Erschöpf und voll der guten Luft kommt man nach vier am Parkplatz an, schält sich aus den Schuhen und betastet die schmerzenden Oberschenkel, freut sich aber schon auf den nächsten Tag. Die Luft hier herunten scheint schlagartig verdickt zu sein von den Abgasen der paar Autos, aber noch schlimmer wird es, wenn man eine Woche später wieder in Wien ankommt. Bis dahin ist aber noch Zeit. Und am Abend erfährt die Vorfreude auf den kulinarischen Höhepunkt der genussvollen Kohlenhydratverwertung endlich Befriedigung: Salzburger Nockerl die plötzlich sorgfältig vergrabene Assoziationen wecken. Süß wie die Liebe und zart wie ein Kuss.

Die kaiserliche Geisterstadt

Bad Gastein Pongau

Zugegeben, Geisterstadt ist eine Übertreibung, wenn auch eine schwache. Nicht zu vergleichen mit den seit Jahren verlassenen Häuschen und Tankstellen entlang der Route 66, aber immerhin leer genug, um seit Jahren einen bitteren Unmut zu schüren. Bad Gastein liegt in den Fuß des Graukogels gefräst, herausgewachsen aus der steilen Umgebung und dabei nicht zurückhaltend. Zumindest damals, als die Perlen an der Felswand zu gedeihen anfingen, so das Grand Hotel de L’Europe in 1909, oder über hundert Jahre früher, das Badeschloss. Luxusgebäude in Ausmaßen, die der damaligen Monarchie zur Ehre gereichten und dementsprechend Anlaufstelle für die Elite des Landes. Spaziert man heute durch Bad Gastein bleibt ein seltsamer Eindruck zurück. Hinter Baugittern sterben die alten Nobelanwesen vor sich hin, zumindest die vier, die vor einigen Jahren vom Wiener Franz Duval gekauft wurden, ein Spekulationsgeschäft, das der Gemeinde einen kurzen Segen bescherte. Duval kaufte und, was an sich sein gutes Recht ist, wartet darauf, wieder verkaufen zu können, nur schabt die Zeit an den Fassaden, den Dachrinnen und den Fensterstöcken der Gebäude, die seit Jahren leer stehen. Das Hotel Straubinger, das Badeschloss, das Haus Austria und das Kongresshaus haben ihren alten Glanz eingebüßt (sofern sie ihn je hatten mögen einige im Bezug auf den Kongress anfügen), im Hotel Europa ist das Casino beheimatet, aber das füllt noch lange nicht dieses Schloss von einem Hotel. Der Stillstand ist eingezogen in die Häuser, die unter Denkmalschutz stehen und es ist schade darum. Aus der Felswand bricht der Wasserfall, der mit seiner penetranten Feuchtigkeit die Gebäude berührt und weiter oben erwacht endlich das Leben der Gemeinde. Dort, neben der Felsentherme und dem Bahnhof, züngelt die Skipiste herein, ein Grund, warum sich Ausdauernde mit knirschenden Skischuhen das Bergauf und Bergab des Stadtzentrums antun und unter ihren Anoraks schwitzen, wenn sie mit den Skiern auf der Schulter nach oben wandern. Das Zentrum interessiert wenige und wird hin und wieder von einer Red Bull Veranstaltung aus dem Dornröschenschlaf gerissen, dann sinkt es wieder zurück hinter die halbherzigen Bauzäune und die heruntergelassenen Jalousien.

Bei den schlafenden Autos

Zwischen Wien und Linz, zwischen St. Pölten und Mauthausen, und damit ist auch schon genug gesagt, gibt es neben der lieblichen Landschaft an der Donau und den Windrädern und den kleinen Ortschaften, mitten in den Feldern ein Areal, das zubetoniert und eingezäunt ist, weil es etwas Wertvolles zu beschützen gilt; hier reihen sich Autos jeder Art, blitzen auf, wenn die Sonne herauskommt, und warten sonst darauf, wieder abgeholt zu werden. Ihr Aufenthalt ist beschränkt, maximal eine Übernachtung, dann geht es weiter. Als Mensch ist man Fremdkörper in dieser Gegend, in Warnwesten muss man sich bewegen, auf den streng vorgegeben Wegen, rot eingerahmt.

Die größeren Maschinen pflügen zwischen den Reihen der kleinen Schlafenden hindurch, auf ihre Rücken geladen, was es eben zu laden gibt, Traktoren, PKWs oder die rumpflosen Köpfe der Laster. Man ist klein hier, zart zwischen dem Metall und den massiven Reifen, steht mit weit offenen Augen wie ein Reh, das sich auf die Bundesstraße verirrte, kommt einer der Giganten vorbeigerauscht, und man drückt sich zwischen die rettenden Linien.

Hier herrscht das beruhigende Gefühl, dass nichts passieren kann, solange man nur sichtbar bleibt. Und drinnen in den Werkstätten empfängt einen der vertraute Geruch von Öl und Metall und steifen Papiertüchern, sofern man in der Kindheit schon in solcherlei Werkstätten war, und die Autos hängen in der Luft mit blanken Bäuchen, oder stehen mit offenen Inneren herum, dazwischen Ameisenmenschen in schmutzigen Arbeitsanzügen.

Die Menschen sitzen in dem geheizten Hauptgebäude, der Insel zwischen der Weite und den Maschinen. Es gibt etwa achttausend Autos zu versorgen, die hier her gebracht werden, übernachten und wieder abgeholt werden, Autos ohne Nummerntafeln und mit jungfäulichen Fahrersitzen, unter Schutzfolien und ohne Steinschläge. Wieder draußen ist es kalt und mit hochgezogenen Schultern nickt man den anderen in Warnwesten zu, wenn man sich in den roten Beschützerlinien trifft.