10/Hué. Im Zentrum der Welt.

Verbotene Stadt Hue

Oft wird etwas erst durch seinen Namen besonders. In der alten Kaiserstadt von Hué klingen die Namen wie aus alten, fantastischen Sagen, Halle der Höchsten Harmonie, Tor der Tugend, Purpurne Verbotene Stadt, sie beschwören bunte Flaggen und Drachen und Himmelsmosaike.

P1080785 (2)

Aber die Kaiser sind tot und mit ihnen ermattete der Glanz der einstigen Zeit, als die Zitadelle mit ihren fixen Reglementen, ihren Eunuchen, trainierten Pferden, mit den Konkubinen, und Mandarinstöchtern das Zentrum des Landes, mehr noch, die Purpurne Stadt als Sitz des Himmlischen Herrschers Zentrum der Erde war.

P1080842 (2)

Gia Long (1762-1820), der erste Herrscher der Nguyen-Dynastie (Nguyen ist der häufigste vietnamesische Nachname, angeblich tragen ihn 40 Prozent der BewohnerInnen) ernannte Hué zur Hauptstadt Vietnams und lebte selbst in der Kaiserstadt. Mit seinen Frauen hatte der Herrscher insgesamt 142 Kinder, das lese ich, während ich zwischen dem rot-goldenen Holz der Halle der Höchsten Harmonie sitze.

P1080828 (2)

Es ist leise und der Einfall der Lichts macht den Bau zu einem Bild, wie es Rembrandt gemalt hätte, wäre er je hierher gekommen. In den Gärten biegt sich das Gras unter dem ständigen Nieselregen, der die Luft feucht und die quadratischen Platten der Gehwege rutschig macht. In jeder Fliese, jedem Dachfirst liegen Details, die abgestimmt und geometrisch sind, hinter steinernen Toren wird der Blick durch Mauern auf Gartenensembles gelenkt, Teiche mit Koi fügen sich unter dem grauen Himmel und von den Palästen und Pavillons der äußeren Hofkomplexe blättert die Farbe ab.

P1080814 (2)

Die Stimmung in der Kaiserstadt ist sanft, als würde der Lärm des Verkehrs an seinen Mauern hängen bleiben. Hin und wieder kreuzen Touristen die langgezogenen Flächen, dann wird alles wieder still. Gia Long hätte sich damals nicht gedacht, dass zweihundert Jahre nach seiner Herrschaft, und sechzig Jahre nachdem die Nguyen-Dynastie ihr Ende fand, Fremde durch das Zentrum der Welt kreuzen und dabei bunte Regenponchos tragen.

P1080838 (2)

Werbeanzeigen

9/Hoi An – Hué. Liegend durchs Land.

P1080728 (2)

Der letzte Morgen in Hoi An ist wieder weiß und kühl. Ich mache mit meinem Koffer eine Abschiedsrunde durch die Innenstadt, dann werde ich vom Bus abgeholt.

P1080733 (2)

Es ist kein Reisebus, wie ich ihn erwartet hätte, sondern ein seltsamer Sleeper, innen zweistöckige Liegen, auf denen man durch das Land geschaukelt wird, wobei man aufpassen muss, dass man nicht links oder rechts einen Abgang in den unteren Stock macht, kommt eine Kurve unerwartet. Es geht langsam dahin, die 125km nach Hué ziehen sich auf Landstraßen dahin, über Drachenbrücken und schnaufen Bergstraßen hinauf, immer hinter anderen, die ihre brustschwachen LKWs im Schritttempo nach oben treiben.

P1080746 (2)

Die Landschaft zwischen den größeren Städten ist grün und verwuchert, immer wieder durch kleinste Ortschaften durchbrochen in denen die Straßen aus feuchtroter Erde sind, mit schmutzigen Bachufern und Hausruinen in denen trotzdem Wäscheleinen gespannt sind. Eine Pause wird eingelegt, in der alle ihre Knochen strecken und mir auf der Toilette kurz der Gedanke einschießt, was ich machen würde, wenn ich nach draußen komme und der Bus weg ist, dann geht es weiter und am Abend sind wir in Hué. In der Königsstadt rollt der Verkehr, auch am Abend, und sowohl die Temperatur als auch der ständiger Nieselregen lassen mich an London denken.

P1080757 (2)

8/Hoi An. Drahtpferdchen und Wasserbüffel.

Stand von Cua Dai

Der Sturm hat sich gelegt, die schweren Wolken sind aber geblieben und machen den Himmel diesig weiß. Am Vormittag drehe ich eine Runde in der Stadt, es ist komisch, so viel Zeit zu haben. Wenn es mir gefällt, setze ich mich an das Flussufer oder auf eine der Steinbänke und schau zu, wie der Wind  das Wasser kräuselt, darin ist eine große Ruhe.

Ha Noi Umgebung

Am Nachmittag fahre ich mit meinem Rad hinaus zum Strand mit den Augen am Straßenrand und den verwilderten Gärten die hinter den Steinmauern anfangen, den Häusern, die übergeblieben sind aus einer Zeit, als Portugal und Frankreich hier Einfluss hatte, Kolonialbauten mit Stuck und hölzernen Rollos anstelle von Fensterscheiben, durch die Räume weht es die Meeresluft herein.

Hoi An Umgebung

Indochinastil in seiner reinen Form, teilweise schon seit Jahrzehnten verwittert und deshalb umso gehaltvoller. Ich fahre bis an die letzte Spitze des Landarmes und komme eine Allee entlang mit verwaisten Häusern, die zum Meer hin gehen und die in ihrer straffen Anordnung und der Beflaggung eine unmissverständlich kommunistische Ästhetik in sich tragen.

P1080697 (2)

Etwas abseits zerfallen die Dörfer in lockere Anordnungen, auf den Gemeinwiesen grasen starke Kühe, vor den Häusern flattern Wäscheleinen. Am Weg zurück sind die Felder sumpfig und tief, Wasserbüffel käuen wieder und sind im Gras fast nicht zusehen.

Wasserbüffel

 

7/Hoi An. Sand in den Augen.

alte Frau Hoi An

Von draußen drückt der Wind gegen das Fenster, der Sturm ist bissig, er schüttelt die Palmen und die Bananenstauden in den Nachbargärten. Beim Spaziergang durch die Stadt ist der Himmel kalt, das leuchtende Gelb von gestern ist abgeschwächt, die Lampions zucken an ihren Leinen und denen, die unterwegs sind, peitschen die Haare in die Stirne und in die Mundwinkel.

markt Hoi An

Am Markt wird verkauft wie jeden Tag, hin und wieder fährt der Wind in das Gemüse, aber die Frauen hocken trotzdem und bieten feil, die Fahrräder und Mopeds schlängeln sich durch die schmalen Gänge und Touristen deuten und fragen how much?

markt hoi an

Die Stadt ist bunt, obwohl der Himmel weiß ist, der Garten des Klosters quillt über vor Blüten und im Fluss warten alte Frauen in ihren kleinen Fähren auf Kundschaft.

Hoi an Fähre

Ich fahre mit dem Rad hinaus zum Strand, eine gute Straße entlang und die Natur ändert sich, wird saftiger und nasser. Es riecht nach süßem Gras und dem brackigen Flusswasser, es riecht nach überreifen Früchten und nach den kleinen Feuern, die hin und wieder am Straßenrand brennen.

Reisfeld Vietnam

Ich fahre zum Strand, wo der Wind heranfliegt und das Wasser aufwirbelt, Gischt und Sand beschlagen meine Sicht.

Cua Dai Beach

Ich steige auf Muscheln im kalten Sand und setzt mich auf eine leere Kokosnuss, schau hinaus in das lebendige Meer und die Grauabstufungen dahinter und denke an zu Hause.

Cua Dai Beach

6/Da Nang – Hoi An. Sonnenbrand und bunte Lichter.

Küste DaNang

Nach der etwas seltsamen Nacht mache ich mich im freundlichen Sonnenschein auf zur Bushaltestelle, um ins 25 km entfernte Hoi An zu fahren. Google Maps kennt sich wieder einmal nicht mit allen Straßennamen aus, aber ich habe trotzdem vor, die viereinhalb Kilometer zu Fuß zu gehen, weil ich keine Lust habe, mich wieder mit einem Taxifahrer ärgern zu müssen. Der Weg führtent die Küste entlang, dort holpere ich mit meinem Koffer über unebenes Kopfsteinpflaster, Gras und Schutt und gebe wahrscheinlich ein recht befremdliches Bild ab, verschwitzt und hungrig.

Dass ich die richtige Straße treffe, die stadteinwärts in Richtung Bushaltestelle führt, ist ein Zufall, noch mehr Glück habe ich, als ich dann irgendwann am Straßenrand stehen bleibe, um doch einen Blick auf den Plan zu werfen. In dem Moment kommt nämlich der gelbe Bus des Weges und ein freundlicher Mann macht mich auf ihn aufmerksam. Er winkt ihn her, jemand springt heraus und verstaut meinen Koffer in der Ladefläche, ich werde hineingeschoben und das alles passiert in kürzester Zeit. Der Bus ist nicht einmal richtig stehen geblieben. Drinnen dann wird es anschmiegsam, so vollgepackt ist es und so lange Leute irgendwie hereinpassen, wird nachgestopft.

Bus Hoi An

Auf der etwa einstündigen Fahrt, wo es von Da Nang die Autobahn mit offenen Türen entlanggeht, wird es dann doch lockerer, die meisten steigen schon vorher aus. In Hoi An angekommen stürmen Motortaxifahrer auf den Bus zu und heften sich an die Touristen, versichern, dass es keine Autotaxis gebe und dass es ins Zentrum viel zu weit sei. Mein Hotel, ein Homestay, liegt außerhalb und ich gehe einmal zu Fuß los in Richtung Stadtkern, weil aus Erfahrung die Taxifahrer, die dich direkt aus dem Bus/dem Flugzeug fischen, verlangen, was sie wollen. Es ist heiß und feucht und der Koffer holpert brav hinter mir her, auch wenn ich mir zwischenzeitlich Sorgen um seine kleinen Räder mache, dann komme ich an einem Restaurantgarten vorbei und falle dort ein, um endlich wieder etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

Das Mädchen, das bedient, fragt mich nach meine Hotel und bestätigt dann, dass es weit sei und dass die Taxis teuer wären, so knapp nach Tet. Also fragt sie kurzerhand ihren Bruder, ob er mich nicht mit dem Moped hinbringen kann und er, der heute frei hat, lässt sich überreden. Ich lerne noch den Vater kennen, der mir über den Garten erzählt und über die Feiertage, und nach dem Essen verstauen wir meinen Koffer am Moped und los geht es. Die Straßen sind schmäler hier und alles hat einen viel ländlicheren Charakter, als das, was ich bisher gesehen habe. Meine Pension liegt in einer Siedlung, etwa 5 km außerhalb von der Altstadt und in den Gärten wachsen Bananenpalmen und Malven.

Der Vorteil von einem Homestay ist, dass man direkt bei einer Familie wohnt, die auf einen aufpasst. Der Vater ist ein älterer Herr, er organisiert mir ein Fahrrad und bietet mir an, mich überall hinzubringen, beschreibt mir den Weg in die Stadt und winkt mir nach, als ich auf meinem neuen Rad davonrolle.

Mein Rad

Kurz vor der Stadt lasse ich es stehen und gehe zu Fuß hinein, an dem geschäftigen Markt vorbei die Promenade entlang. Hoi An, den Ort, den es unter anderen Namen schon seit fast zweitausend Jahren gibt, war als internationaler Handelshafen für Japan und China von sehr großer Bedeutung, dann aber als die Schiffe größer und der Fluss zu seicht wurde, sank seine Bedeutung, 1780 wurde es teilweise zerstört und nach dem Wiederaufbau war es nur noch ein Städten unter mehreren.

Hoi An

Heute hat sich Hoi An darauf verlegt, für Touristen eine herrliche Kulisse abzugeben. Die Hausfassaden sind unverändert, im warmen Gelb, und in den Bäumen hängen Lampions und Vogelkäfige, aus Lautsprechern klingt klassische Klaviermusik. Weil keine Mopeds in den Stadtkern dürfen, ist es dort nicht hektisch, außer mehrere Touristengruppen treffen in den engen Gassen aufeinander.

Hoi An

Am Abend wird die Stadt dann noch ansprechender, zwar verschwinden die Charaktergesichter der Häuser in der sanften Beleuchtung, dafür werden die Lampions zu bunten Lichtquellen.

hoi an

Über die Brücke nach An Hoi geht es ein bisschen lauter zu, da werden Spiele veranstaltet, die auf den ersten Blick nicht verständlich sind (was einige Touristen nicht davon abhält, trotzdem mitzumachen), Karaokesänger intonieren motiviert vietnamesische Lieder und Frauen verkaufen bunte Papierschiffchen mit Kerzen, die auf den Fluss geschickt werden, um von dort in die Nacht zu leuchten.

Hoi an

5/Ho Chi Minh – Da Nang.

Wiedervereinigungspalast Saigon

Gegen halb sieben wird an meine Tür geschlagen, als stünde die Polizei draußen und vermute im Zimmer einen ausländischen Drogenkurier. Auf meinen gekrächzten Einwand hin, noch im Halbtraum, wird das Klopfen nicht weniger. Ich brauche, bis ich mich aus dem Doppelbett, auf dem ich meine Habseligkeiten verteilt habe gewälzt, mir was angezogen und die Ameisenstraße überwunden habe, dann öffne ich und draußen steht ein Mann mit einem Bügeleisen in der Hand. Er reißt die Augen auf und bringt unter einigem Ducken ein Oosoooiii hervor, das heißen soll: Oje, falsches Zimmer. Oder: Mein Gott, wie schaust du denn aus?? Heute ist aber ohnehin mein letzter Tag in Saigon und ich nehme den zärtlichen Weckruf, um mir einen letzten Tagesplan zurecht zu legen und zu packen. Als ich mit dem Koffer die fünf Stockwerke hinunter poltere erwische ich gerade noch die letzten Minuten einer Hochzeit, die im Foyer des Hotels stattfindet. Schon am Vortrag war dekoriert worden, weiß und rot und jetzt ist mir ein Blick auf die Braut gegönnt, die von ihren Brautjungfern zum Gruppenfoto geführt wird, an der Hand ihren jungen amerikanischen Bräutigam, der in seinem weißen Gewand aussieht, wie ein Prinz.

Park Saigon

Ich probiere es mit dem Wiedervereinigungspalast, erwische aber die falsche Straße (hochmütig: nein, ich muss nicht auf den Plan schaun. Bin da inzwischen schon dreimal gegangen) und komme an einer Straße entlang, wo vom Tennisschläger bis zum Laufband alles verkauft wird, was das Sportlerherz begehren kann. Die Straße zieht sich, ich muss um den Kulturpark herum und dann, auf der hinteren Seite, springt ein alter Mann von Moped und macht mir klar, dass der Palast gerade Mittagspause hat, aber er mich gerne für eine Stunde herumchauffieren würde. Ich glaube ihm zwar, gehe aber trotzdem vor zum Eingang, wo sieben oder acht seiner Kollegen herumschwirren und freudig die anderen Touristen über die Öffnungszeiten informiert. Da ich keine Lust auf eine Fahrt am Moped habe, mache ich es mir im anschließenden Park auf einer der schönen Gußeisenbänken bequem, den Rucksack mit der Reisekassa unter dem Kopf und schaue von dort in die Blätterkronen. Die Franzosen haben die Bäume damals gepflanzt, jetzt sind sie hoch und kräftig. Die Stunde bis zur Öffnung verträumt sich ganz wunderbar in der grünen Insel, umschwemmt vom Mopedlärm und der Erkennungsmelodie der fahrenden Eisverkäufer.

Palast Saigon

Der Palast ist ein wichtiger historischer Schauplatz und ist heute mit den kommunistischen Fahnen geschmückt. Hier ist 1975 der Vietnamkrieg beendet worden, als Nordvietnamesische Panzer die Tore durchbrachen. Gebaut wurde er 1962, nachdem der ursprüngliche Palast von zwei Piloten bombardiert und zerstört wurde; ihr Bild hängt jetzt im neuen Palast.

Unabhängigkeitspalast

Er ist ein Misch aus Stilelementen der 60er Jahre einer westlichen Kultur und alten traditionell asiatischen Formen. Staatsleute wurden hier empfangen, neben den Bankettsälen gefallen mir die geraden Formen und die Opulenz dazwischen, durch die Räume geht der warme Wind, die Orchideen und Lilien sind frisch.

Bunker

Wer den Palast besucht, sollte aber den Bunker nicht auslassen. Er ist ein Labyrinth aus hellen Gängen, immer wieder tauchen winzigste Räume auf, mit Tisch und Telefon. Von hier aus wurde Krieg geführt und die Geschichte scheint in jeder Ecke gegenwärtig.

P1080488 (2)

Meine spätere Idee, mit dem Bus zum Flughafen zu fahren, erweist sich auch als gut, Linie 152 fährt vom Markt weg und kostete mich samt Gepäck 20.000 Dong (ca. 60 Cent). Vom Flughafen in die Stadt haben ich mit über zehn Dollar ein Vielfaches gezahlt. Am Domestic Terminal des Flughafens dann bin ich erstaunt über das Angebot. Ich könnte mich ordentlich mit Süßigkeiten eindecken (neben Rittersport auch Ricola oder M&Ms), Kochplatten ausprobieren, Abendessen oder tiefgefrorene Fische kaufen. Zeit genug bleibt, das Angebot auszutesten, denn am Gate der Jetstar Airline passiert nichts. Fragen, wann man denn ungefähr mit dem Abflug rechnen könne werden mit einem knappen 10 minutes abgetan, dann dauert es aber doch eine ordentliches Eck länger. Als das Flugzeug endlich abhebt, hätte ich schon längst in Danang sein sollen. Es ist nach elf, als ich lande, und kaum bin ich im Freien wird mir ein Taxi zugewiesen. Ich fahre Richtung Hotel, wo mich der Fahrer aussteigen lässt und mehr verlangt, als das Taxameter anzeigt. Als Grund gibt er lächelnd an, dass er mich schließlich vom Flughafen abgeholt habe und mein Einwand, dass es nicht meine Schuld sei, dass er dort hingefahren ist, kommt auf Deutsch, weil es ohnehin absolut belanglos ist. Als er davonfährt, wird mir bewusst, dass das Hotel zugesperrt ist, die Rollbalken sind verschlossen und ich stehe alleine am Rand der Stadt mit meinem Koffer und großem Hunger. Nach ein paar wenig motivierten Schritten um das Hauseck erbarmen sich dann doch ein paar Männer, die zufällig in der Nähe waren und einer rüttelt am Rollbalken woraufhin ich gnädig eingelassen werden, zum Glück, ich habe mich schon auf der Straße schlafen sehen.

Dass das Bett dann nicht viel weicher ist, als es der Asphalt gewesen wäre, dass ich mich wie ein Elefant mit der kalten Kübeldusche abgieße und im Bad das Fenster nicht zugeht, dass es sich anhört, als würden noch vier andere in meinem Zimmer Karten spielen weil statt einer Lüftung ein quadratisches Loch in der Wand ist und dass ich eigentlich kein Trinkwasser mehr habe, aber nicht mehr hinaus kann hebt meine Stimmung nicht gerade. Zum Glück habe ich eine Notration dabei, einen zerdrückten Apfel und eine Karotte aus Wien, beides besiegelt meinen unfreiwilligen Halbfastentag.

4/Ho Chi Minh. Freizeitschläfer und Albinoboas.

Saigon Notre Dame

Nach dem gestrigen Gewaltmarsch steht heute der Plan, es touristischer anzugehen. Der Morgen ist klar und bald warm, die Grünflächen werden gegossen und die Märkte gehen wieder von Waren über. Ich besuche die Kirche Notre Dame, die hübsch anzusehen ist und praktischer Weise direkt neben der Hauptpost liegt. Die ist um 1890 herum gebaut worden und Gustav Eiffel hat damals die gusseisernen Streben beigesteuert.

Saigon Hauptpost

Sie ist den Besuch wert, das finden auch die anderen Touristen, die die gleiche gute Idee haben wie ich, nämlich vor Ort Karten zu kaufen und direkt zu schreiben. Ein Mann in meiner Nähe meint, das sei ein ruhiges Haus und ich höre es nur mit einem halben Ohr, weil ich bemüht bin, die überdurchschnittlich großen Vietnamkarten zu füllen, aber dann verstehe ich ihn doch. Es ist wirklich ruhig in der Posthalle, trotz der vielen Menschen; es muss an der Architektur liegen und an den klaren Linien.

P1080432 (2)

Ich gehe die Le Duan Allee weiter, an Businesstower und Nobelhotels vorbei und stehe irgendwann am Botanischen und Zoologischen Garten an. Eigentlich möchte ich mir noch das historische Museum ansehen, das im selben Gelände untergebracht ist, aber dort herrscht Dunkelheit und Mittagssperre. Dafür macht das Geschrei aus dem Zoo die Museumsruhe wett. Ich zahle den Eintritt von zwölftausend Dong, also keine 50 Cent, und versuche mich in dem Durcheinander von Kindern, Bummelzügen und Lautsprecherdurchsagen zu orientieren. Eigentlich möchte ich den Garten sehen, aber die Mittagshitze ist drückend und mein Kreislauf befielt mir, mich neben dem Giraffengehege auf den Boden zu setzen. Rings um mich hocken Familien auf mitgebrachten Decken ode Zeitungspapier und halten ihr Picknick ab, alle scheinen wunderbar gelaunt und wer schon gegessen hat, rollt sich auf die Seite und hält ein Schläfchen ab.

P1080443 (2)

Ich fühle mich blöd, zuvor einen Umweg gemacht zu haben, um nur ja nicht in die Wiese zu treten, als ich sehe, dass die Leute hier Hängematten mitgebracht haben, die sie zwischen den Bäumen spannen und dass sie jedes Fleckchen Rasen nützen, um sich darauf breit zu machen.

P1080448 (2)

Die Tiere sind nur eine Nebenerscheinung, die mehr oder weniger aufgeregt wahrgenommen wird. Auf der Suche nach den seltenen Pflanzen, die Dumont versprochen hat, komme ich an einer Gruppe von Jugendlichen vorbei, die unter dem alterstypischen Gekreische im Kreis sitzen und etwas wie Wahrheit oder Pflicht spielen. Ich bin mit den Gedanken schon bei den Gibbons, die das einzig halbwegs vernünftige Gehege haben, als ich Trippeltrappel hinter mir höre. Mein Griff geht automatisch zur Handtasche, dann sehe ich, dass mir einer der Jungs nachgerannt ist, sich jetzt, da ich mich umgedreht habe, einbremst und „I love you!“ schreit, dabei hat er die Augen am Boden. Dass ich mit „I love you too“ antworte, finden seine Freunde großartig und sie begrüßen den Mutigen zurück im Kreis.

Saigon Zoo Python

Ich wandere müde weiter und hänge meinen Gedanken nach. Darin verschwindet das Glas vor dem Phytongefängnis wie in Harry Potter und der Stein der Weisen, der weiße Tiger mit den Schneeaugen zwängt sich durch die Stäbe und macht sich über einen Suppenstand her, ich sehe, wie die Elefanten über die Absperrung steigen und die Wärter im Vorbeigehen mit erhobenen Rüsseln zum Schweigen bringen, wie sich das Orang-Utan Paar an der Hand nimmt und sich vor dem Zoo ein Taxi bestellt, das sie weg bringt von hier.

Zuschauer vor Elefantengehege

Aus den Gedanken lasse ich mich nur ungern reißen, aber plötzlich stehe ich im botanischen Garten und bin beeindruckt von der Vielfalt und der Üppigkeit der Pflanzen. Die Palmen sind haushoch und zerfallen oben in ausladende Fächer, im Orchideenhaus blüht der bunte Überschwang und dazwischen wippen schwarze Schmetterlinge, die so groß sind wie Spatzen.

Botanischer Garten Saigon

Ich bewundere die Blumen und merke mir keinen einzigen Namen und als ich mich sattgesehen habe, mache ich mich auf zum Fluss. Der Weg hin führt durch eine enge Straße, das Leben hat sich jetzt, da der Nachmittag golden und mild ist, wieder nach draußen in die späte Sonne verlagert und die Vorbereitungen für das Abendessen sind schon an allen Ecken im Gange. Ich setze mich zum Flussufer und schaue in den Song Sai Gon. Auf seiner Oberfläche treiben Lotusblätter. Es ist für jetzt mein letzter Abend, morgen geht es ab nach Da Nang.

Saigon River View

3/Ho Chi Minh. Geistermarkt und verdiente Blasen.

Frau vor Haus

In einer fremden Umgebung ist man auf Pläne und Straßenkarten angewiesen, zumindest dann, wenn man sich nicht überall hinkutschieren lassen möchte. Ich bin mit dem Plan aus dem Reiseführer und mit Google Maps am Handy ausgestattet und will nach Cho Lon, den ursprünglich eigenständigen Stadtteil, der vor allem von chinesischen MigrantInnen bewohnt wird. Das Problem ist, dass sich Dumont und Google nicht einig sind, was die Straßen angeht, aber ich hab bisher noch fast überall hingefunden und mache mich auf den Weg (Anm.: Ein kurioses Phänomen. Zu Hause in Wien verlaufe ich mich ständig).

Auf den Gehsteigen parken Mopeds, weshalb ich oft auf die Straße ausweichen muss und auf den Mopeds entspannen sich Männer. Wenn sie mich dann doch bemerken, erwachen sie aus ihrem Halbschlaf, winken und machen eine Geste wie kleine Buben, wenn sie spielen, mit dem Motorrad zu fahren. Heißt: Ich fahr dich irgendwo hin. Oder auch: Lerne Saigons Straßen und die Belastbarkeitsgrenze deiner Nerven hautnah kennen! Wenn ich vorbei bin, ziehen sie sich die Kappen wieder tiefer in die Stirne. Ein Segen sind die Straßenschilder an den Kreuzungen, die machen alles einfacher, deshalb komme ich dort entlang, wo ich es geplant habe.

Drachen

Die Ware in den Geschäftsständen wird immer chinesischer, bunte Plüschtiere, Drachen, Stanniolstreifen, die das Sonnenlicht fangen, dazwischen immer wieder alte Bauten aus der Besatzungszeit, die schon lange geschlossen sind. Die Straßen werden, je weiter ich mich vom Zentrum entferne, schmutziger und schlechter zu passieren, und auch Touristen sehe ich kaum mehr.

Binh Tay Markt

Als dann, nach einem gut zweistündigen Marsch die Binh-Tay Markthalle vor mir auftaucht, feiere ich meinen kleinen Sieg, weder Google, noch Dumont hatten recht und ich hab trotzdem hingefunden. Und dann ist es doch ein bisschen seltsam. Die Halle aus 1920 ist einstöckig, aber zum Großteil leer, die Fassaden drinnen sind alt und in den Gängen wird der Tagesmüll zusammengekehrt.

Markt

Ich bin scheinbar schon zu spät dran, entweder um ein paar Stunden oder ein paar Jahre. Es fühlt sich ein wenig unheimlich an zwischen den Rollblechläden und den wenigen, doch besetzen Ständen. Vor die Rolltreppe, die schon lange nicht mehr in Betrieb ist, haben sie Neujahrsbäumchen gestellt.

binh tay Innen

Neben der Halle finde ich dann einen engeren Zweitmarkt mit getrockneten Fischen und Shrimps, der süßliche Geruch nimmt einem die Luft und ich drehe noch eine Runde, dann beginne ich den Heimweg.

wächter

Es ist weit, hin und zurück etwa elf Kilometer und mein Ischias erinnert mich irgendwann daran, dass ich alt werde, noch dazu war die Wahl von Sandalen als Schuhwerk nicht allzu durchdacht, ich werde es die nächsten Tage abbüßen.

Packesel

Heute ist so ein Tag, da der Weg das Ziel ist und ich gehe mit den Augen an den Fassaden der Gebäude, über die brüchigen Sowjetbalkone und die zum Trocknen ausgehängte Wäsche, über die westlichen Werbeschilder und die Vietnamflaggen in Rot und Gold.

Saigon Hausfront

Als ich nach guten sechs Stunden wieder zu Hause bin muss ich ins oberste Stockwerk zu meinem Zimmer, wobei mich jede Stufe an die Blasen an der Ferseninnenseite erinnert. Beim Eintreten zerstöre ich eine Ameisenstraße, die sich unter der Tür weg zum Kühlschrank erstreckt, um dort den kleinen Kühler in Besatz zu nehmen. Ich mache die Eiskastentür schnell wieder zu (und werde sie nicht mehr öffnen), dann gönne ich den Füßen zuerst ein Bad im Kübel und dann Sneakers und mache mich auf die Suche nach Essen.

namnam

Die Nashi, die ich mir unterwegs gekauft hatte war gut, aber nicht genug. Wieder zieht es mich auf die Bui Vien wie die Ameisen in mein Zimmer und ich finde ein nettes Lokal, wo es gute Gemüsesuppe und W-Lan (wie in den meisten Lokalen) gibt, chatte, während ich auf die Suppe warte mit einer Freundin, die daheim gerade Pause vom Schneeschaufeln macht, wundere mich wieder einmal über Göttin Technik und lass mich später noch dazu hinreißen, mich in dem ärgsten Gedränge der Straße auf einen der Kinderplastikstühle zu setzen und ein zweites Coke durch den Strohhalm untrinkbar zu machen (15.000 VND. 50 Cent also). Der Lärm ist einlullend, einfach nur dasitzen und die Massen beobachten, die sich nach links und rechts schieben, die Mopeds, die sie durchmischen und die anderen Westler, die ebenfalls in den Stühlchen sitzen, eine Zigarette und ein Bier in der Hand und darauf warten, dass doch noch etwas passiert, alles ist wunderbar und macht mich glücklich. Gegenüber verkauft eine Frau gepresste Kraken, vor ihr stehen zwei auffallend hübsche Damen, beide in hohen Hacken und kürzestem Kleid. Zwei Männer reden sie an und sie lachen, es ist offensichtlich, worum es geht. Eine der Frauen hat das Preisetikett noch auf der Unterseite der Schuhsohle kleben. Indem sie auf das Motorrad eines Mannes steigen verschwinden sie aus meinem Blickwinkel, aber der Lärm bleibt und der Geruch nach Abgasen, gegrilltem Fisch und Räucherstäbchen.

ladys and quish

2/Ho Chi Minh. Goldene Pferde überall.

Zitat

Mopedschläfer

Der Jetlag ist ein Hund. Er bringt mich dazu, mit geröteten Augen im Bett zu liegen und der Fledermaus zuzuhören, anstatt zu schlafen. Und wenig nagt so an der Reisekonstitution, wie den Nachtgedanken nachzuhängen, während man eigentlich nur schlafen will. Gegen fünf Uhr läuten Kirchenglocken und ich muss kurz überlegen, wo ich bin, dann irgendwann schlafe ich doch ein und wache erst gegen Mittag wieder auf, draußen hupen die Mopeds schon ihr Hallo.

Ben-Than Markt

Mein Weg führt mich die Bui Vien Straße, die ich gestern von Touristen überflutet entlang spaziert bin hinauf zum Ben-Thanh-Markt. In der Markthalle sind die Gänge eng, dafür umso mehr überstapelt mit Waren, hinaufgereiht, ein Überfluss, der von den Händlerinnen auch noch in Szene gesetzt wird. Neben Gewand finden sich Schuhe, Taschen, Schals, weiter auf den Seiten Schmuck und Uhren, Rolex um 36 Euro und Nikeshirts um 2, dazwischen sitzen auf ihren Plastikstühlen die Verkäuferinnen mit ihren Smartphones in der Hand.

Fried Rice and Eggs

In der Mitte der Halle spült es die BesucherInnen gegen die Restaurantinseln, hier sieht man in den Glasvitrinen, was es zu essen gibt und man sitzt an den schmalen, verfliesten Theken. Die Speisen bestehen meistens aus Nudeln oder Reis mit Rind, und wenn es kein Rind ist, ist es Huhn, wenn kein Huhn, dann Fisch oder Garnelen. Ich lass mir meine Hoffnung auf ein vegetarisches Mittagessen nicht vom fleischlastigen Angebot verderben und finde Spinat mit Reis und Ei. Die Köchin wischt meinen Platz ab, dann bekomme ich den Teller hingestellt und ein Mädchen schiebt mir noch ein Schälchen mit Sojasauce hin. Und falls mir das rausfrittierte Ei doch zu trocken ist, kann ich gerne vom Einmachglas vor mir Öl nachlöffeln.

Seafood Saigon

Beim Weg hinaus aus der Halle komme ich an einem Stand mit Absonderlichkeiten vorbei, ich habe die Finger noch fettig vom Essen. Der Verkäufer versichert mir, dass es sich um Seafood und nicht, wie ich es vermutete, um getrocknete Penisse mit Saugnäpfen handelt, dann möchte er mich überreden, zwei Seegurken zu kaufen, was ich dankend ablehne.

happy new year 2014

Die Luft draußen ist angenehm, fast dreißig Grad und es riecht nach Yasmin und Robinien. Von den Feierlichkeiten der letzten Tage, dem Fest des ersten Morgens sind die Straßen noch geschmückt, gelbe Blumen überall, Astern, Chrysanthemen und vor allem die herrlichen Hoi Mai mit ihren vollen Blüten. Das neue Jahr ist das des Pferdes, goldene Pferde galoppieren über Hausfassaden und auf Glasscheiben von Auslagen, über Grußkarten und Kalender.

Ho chi Minh City Museum

Ich mach ein Foto vom Wiedervereinigungspalast (ich hab es im Gegenlicht auch noch verwackelt) und entschließe mich dann gegen eine Führung, sondern besuche das Ho-Chi-Minh City Museum. Das Haus, das in den 1860ern gebaut wurde, war ursprünglich ein Palast, der die französischen Kolonialherren beheimatete, dann die Residenz des letzten Präsidenten der Republik Vietnam, nach dem Wiedervereinigungspalast ausgebombt wurde. Ich zahle die 15.000 VDN Eintritt, das sind ca. 50 Cent, und darf so lange durch den Garten und das Haus spazieren, wie es mich freut.

Ho chi minh city museum

Drinnen dominiert die herrliche Holzstiege und die aufwendigen Fliesenböden, die Ausstellung selbst ist liebevoll, wenn auch relativ einseitig gestaltet. Von draußen weht der Gartenduft durch die Fenster und die offenen Türen; es ist ruhig. Die anderen Besucher finden mehr Gefallen daran, sich in den schönen Räumen gegenseitig zu fotografieren, als die Ausstellung allzu aufmerksam zu betrachten und auch ich bin in der drückenden Luft und der gemütlichen Stille wieder schläfrig.

Vincom Center

Mein nächstes Ziel liegt am Ende der Straße, das Vincom Shopping Center. Fünf Stockwerke tief in einem Hochhaus ist das Einkaufszentrum eines der saubersten und hellsten, das ich je gesehen habe. Drinnen riecht es nach Pfirsichblüten und die gläsernen Eingangstüren haben selbst im schrägen Abendlicht keine Fingerabdrücke. Gleich am Eingang begrüßt mich Svarowskigefunkel, dahinter gibt es dann von Mango bis Naf Naf und französischen Bäckereien im Untergeschoss alles, was ich mir hier nicht leisten möchte. Von den durchgestylten Auslagen abgelenkt entgehen mir fast die Toiletten, in denen es dezent nach Zimt duftet.

Saigon Fluss

Wieder auf der Straße hat die Dämmerung eingesetzt. Bevor es dunkel wird, möchte ich aber noch hinunter zum Fluss und zu den anderen Ufern hinüber schauen. Die großen Boote vor Anker beinhalten Restaurants, es riecht nach Grill und nach Flusswasser. Der Song Sai Gon ist braun, aber auf den ersten Blick nicht sehr verschmutzt, er dehnt sich weit aus, am anderen Ufer wünschen Reklametafeln ein gutes neues Jahr. Davor zieht es Touristen an das Geländer des Piers. Ich schaue hinüber zum Hafen mit den großen Frachtschiffen und dann hinunter in die Wiese aus Seerosenblättern im Fluss. Schräg gegenüber pinkelt ein kleiner Junge ins Wasser.

Dann, mit der Dunkelheit, kommen erst die bunten Lichter der Stadt, dann schalten sich die Leuchtketten und Anzeigetafeln ein und der Schmuck des Tet-Festes, dazwischen erhellen die Mopeds die Straßen. Vor dem Rathaus werden Luftballons verkauft, in Dreier- oder Vierergruppen wird von verschiedenen Suppenschalen gegessen, Motorradsitze dienen als Tische.
In den Parks ist es schon finster, aber von einigen Seiten beschallen Radios mit lustiger Musik die Plätze; dort scharen sich die Fleißigen und halten mit Vorturnerinnen ihr Abendworkout ab. Anstatt mitzutun verlege ich mich darauf, die SaigonerInnen und die motivierten TouristInnen dabei zu beobachten, wie sie die Arme und Beine kreisen und den Hampelmann machen, daneben wird Badminton gespielt. Der Tag hat mich angenehm müde gemacht. Ich bleibe etwas länger sitzen und schaue den SportlerInnen zu bist die Musik vorbei ist und sich die Menge wieder zerstreut.

P1080269 (2)

1/Wien – Ho Chi Minh City. 9140 km gegen die Zeit.

SaigonDer erste Tag in Saigon beginnt mit dem Abend. Aber vor dem Abend kommt der Abflug am Vorabend von Wien nach Berlin, von Berlin nach Abu Dhabi von den Emiraten nach Saigon, das ist anders gesagt Gepäckkontrolle, Einchecken, Durchchecken, Wasserflasche austrinken und dann am Klo wieder nachfüllen, einmal, zweimal, dreimal sitzen, dazwischen das richtige Gate suchen und warten, warten, warten. Von einem Flugzeug ins andere, dazwischen eine schwarze, dann eine gestreifte Decke aus der Folie packen und um die Beine wickeln, weil die Klimaanlage bläst, den Flugbegleiterinnen zusehen, wie sie Saft und Tee und Kleinigkeiten darbieten, schlafen, wach sein, essen, warten. Und dann endlich ankommen in den sauberen Hallen des Flughafens, draußen ein Taxi organisieren und in die Stadt fahren, wo es dunkel ist, weil die Sonne schon wieder weg ist. Die Klimaanlage im Wagen funktioniert, ich schaue hinaus, wo Happy New Year 2014! Schilder und Suppenküchen vorbeigezogen werden und die vielen Mopeds, die tragen schwer hier. Wenn wir halten, stehen rechts von uns die Motorroller mit ihren drei, vier Aufsitzern, ganze Familien auf einem Gefährt, und alles funktioniert auf eine seltsame Weise. Es ist leiser als damals in Delhi und die waghalsigen Überholmanöver mancher Mopedfahrer kosten mich keine Aufschreie mehr, auch nicht, als an einer Kreuzung alle vier Seiten auf einmal losfahren; eine scheinbar stille Absprache darüber, wer wann wo vorbeifahren darf, lässt die Lichter passieren, rechts und links und entgegen, dann löst sich die Quadrille auf, weil die Ampel auf rot umgesprungen ist.
Mein Hotel liegt in einer Seitengasse, der Fahrer parkt außerhalb und deutet über Schulter, während er das Geld nachzählt. Mein Zimmer ist ganz oben im fünften Stock, einen grauen Spind zum Versperren gibt es, Klimaanlage, Waschbecken mit goldrotem Blumenmuster, sehr motivierte Fliesen, deren Borte einen Teekocher und Obst zeigt, im Bad ein Plastikkübel mit Schöpfer unter dem Hahn, die traditionelle Form der Dusche. Ich zahle für vier Nächte, dann mache ich meine Willkommensrunde draußen. Es ist gegen halb neun, als ich losgehe und schnell eröffnet sich die Gasse zur touristischen Hauptstraße hin, wo das Leben auf kniehohen Plastiksesseln entspannt, mit Bier, Zigarette, Reis, mit Billard und dröhnendem Bass, mit Garküchen und Krabben, Muscheln, Hühnerbeinen, mit frittierten Aalen und Tintenfischen.

Garküche Würde ich den Meerestieren frönen, wäre ich hier richtig, so aber freut sich mein Herz über die frischen Obstshakes, die angeboten werden. Die Frau, die das Obst schneidet, trägt ein goldenes Armband, in ihren Haaren hängen ein paar Zuckerkörner, die hat sie wohl vorher am Handrücken gehabt. Mit dem Guaven-Shake geht es mir noch besser, gleichzeitig wird die Straße enger und die Musik aus den Bars lauter, bis es plötzlich mit der nächsten Kreuzung aus ist. Gegenüber verparken Autos und Mopeds die Seiten der Straße, aber die Nachtwanderer bleiben auf der hiesigen Seite der Kreuzung. Meine Runde endet wieder im Hotel, die Dusche wartet auf mich, das Bett und das Fenster, das gekippt ist. Als ich den Vorhang weghebe, fliegt eine Fledermaus auf. Ich höre sie, wenn sie von ihren Beutezügen zurückkommt, dann dockt sie an den Fensterstock. Es ist nett, dass sie da ist. Der Tag war lang, morgen bin ich dann richtig hier.Fruchtshakedame