Oberhalb bleiben

Besucherin

Nach der Blüte des Jahres, den warmen Tagen die sich erst so spät von der Nacht verdrängen lassen, dünnt die Natur aus und gleitet in die Starre der Endmonate. Da braucht es keine weinselige Spätnachtlaune, um das Sterben des Jahres mit der eigenen Endlichkeit in Verbindung zu bringen und auch die Tatsache, dass die Auslagenmaschinerie schon seit einem guten Monat auf Weihnachten hinarbeitet, kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass jetzt die dunklere Zeit angebrochen ist.

Blumen

Als wäre nicht in den mittleren Wochen des Jahres Zeit genug dafür gewesen, die Toten zu besuchen (und anschließend vielleicht eine Runde schwimmen zu gehen oder sich einen Bananensplit zu gönnen) zieht es uns (ausgerechnet) jetzt zu den Gräbern. Allerheiligen steht an, ein großer christlicher Feiertag, und dafür beleben sich die Friedhofsreihen und die Brachflächen vor den Mauern, wo plötzlich neben den üblichen Friedhofsblumen Gestecke und Kränze verkauft werden, die sich in den letzten Jahrzehnten vom Aussehe her wohl nicht verändert haben. Schon an dem Wochenende vor Allerheiligen ist eine gewisse Unruhe spürbar, eine Bevölkerung der Parkplätze. Wer jetzt die Vorarbeitet leistet, muss eine Woche später nichts mehr tun, als eine Kerze anzuzünden und die Hände vor dem Bauch zu falten.

Besucher

Zuvor aber spucken die Busse und Straßenbahnen die ältere und sehr alte Herrschaften aus, die mit Werkzeug hin zum Friedhof unterwegs sind, welches man dort das restliche Jahr über kaum sieht: Besen, Schaufeln, Wischfetzen, Drahtbürsten, Kisten mit Seidenblumen, Stiefmütterchen und gerade erstandenen Gestecken, Viererpack Grabkerzen. Es sind lange Tage für sie, denn selten liegen alle Verwandten auf nur einem Friedhof, aber was erledigt ist, ist erledigt, darum ziehen sie sich die Jacken aus und legen sie über die Grabsteine, verrichten gebückt ihre Restaurationsarbeiten und gehen zwischendurch den kurzen Weg zum Kompost und zum Brunnen, wo sie die Plastikgießkannen mit der Aufschrift des Blumenverhändlers, der sie zur Verfügung stellt, in das Grundwasser tauchen.

OmaOpaamGrab

Selten treffen sie andere, die sie kennen, und wenn wird dabei kaum geredet, es ist eine schweigsame, notwendige Arbeit, die mit der gegebenen Miene verrichtet wird. Die Gedanken kreisen zwischen dem Bodendecker und den Toten, die darunter liegen. Zum Abschluss wird die rote Kerze angezündet und in die Erde gedrückt, oder in die Laternenfassung gestellt und es nähert sich der kritische Punkt. Wird noch kurz innegehalten und ein still ausformuliertes Gespräch mit den Geschiedenen angefangen? Drängt sich Vision des eigenen Begräbnisses auf und werden die Besucher betrachtet, wie sie um das Loch im Boden stehen und Rosen werfen? Wird ein flüchtiger Vorsatz gefasst, im Kommenden etwas besser zu machen (hier wirkt er ehrlicher als an Silvester, wo Vorsätze aus einem seltsamen Gruppenzwang heraus aufgeschrieben werden oder damit die Zeit bis Mitternacht schneller vergeht)? Oder wendet sich der Blick vom Grab ab, sobald der letzte Handgriff erledigt ist und suchen die Schritte den Ausgang. Wie auch immer es passiert, der Tod gehört jedem selbst. Ein Vorwurf ist hier niemanden zu machen, nicht denen, die Stunden an den Gräbern verbringen, nicht denen, die gleich wieder gehen und auch nicht denen, die erst gar nicht kommen.

Südwestfriedhof

Reise in die Welt der zweiten Dinge

Basar 48er

„Wir“ und „Gesellschaft“ sind seltsame Scheinworte, die in Artikeln und Reden auftauchen, um eine nicht näher definierte Ansammlung und Menschen und Ideen zu umreißen. Aber stellt man sie auf den Kopf und schüttelt ein wenig, fällt nichts heraus aus den abgegriffenen Hüllenworten. Und nach diesen warnenden Worten ein Satz, der zu Beginn dieses Textes eigentlich hätte stehen können: Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Einer Wegwerfbande. Einer Nichtswertschätzersippe. Einer Vergeudermeute. Wir kaufen und schmeißen weg und schieben von uns, was unsere Wohnungen anfüllt. Und trotz der betretenen Mienen, das Angebot ist so groß, dass das Alte seine Existenzberechtigung schnell einmal verspielt.

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Dann aber gibt es Orte, an denen sich die zweite Wahl stapelt und an die Menschen pilgern, um das Weggegebene, Unbrauchbare, Ausgediente zu untersuchen. Flohmärkte, Second Hand Shops, Caritas, Humana und Volkshilfe. Eine besondere Oase der zweiten Wahl ist der 48er Basar, die Schatzkammer der Mistkübler. Seit 1989 werden Gegenstände, die auf den Müllplätzen der MA 48 landen, aber weiterhin gebraucht werden können, in den alten Backsteinbauten günstig verkauft.

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Von außen erinnert der Gebäudekomplex in der Stadtlauer Straße an kalte russische Winter und Krähen, die sich in der Dämmerung in Baumkronen scharen. Ein alter Ziegelbau mit meterhohen Fenstern und gemauerten Schornsteinen, drinnen heller, mit Halogenlampe ausgeleuchtet und staubig.

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Durch eine Gitterschleuse kommt man hinein in die Grotte, deren Inneres so eifrig bewacht wird und wird vom Geruch von alter Elektronik, Kinderspielzeug, Porzellantassen und Pelzmäntel empfangen. Es sind viele Geschichtenerzähler, die hier ihr Zwischenasylum abwarten, es sind die braunen Sprünge in den Tellern, die abgeschlagenen Ecken, abgerissenen Knöpfe, die ausgefransten Schutzumschläge, Staubschichten, Lippenabdrücke, Ellbogenbeulen, Fingerspuren. Dazwischen einige Gegenstände, die wie reinrassige Collies in einem Tierheim ihre Dasein fristen, neu und glänzend, aber wahrscheinlich haben sie gebissen. Wahre Schatzsucher haben ein Auge für sie, fischen sie zielstrebig aus dem Gerümpel und nehmen sie fest unter einen Arm, während sie weitersuchen, zahlen am Ausgang einen lächerlich kleinen Betrag und erzählen dann am Mittagstisch, was sie gefunden haben. Die Kuriositäten offenbaren sich auf den ersten oder zweiten Blick und bleiben meistens länger, bis sich ein Liebhaber ihrer erbarmt, und sie zwischen den Kätzchenbildern und Vogelkäfigen hervorhebt.

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Öffnungzeiten: Dienstag bis Samstag von 9 bis 15 Uhr

Ort: 22., Stadlauer Straße 41a, Hof 3, Tor 5

11 Erkenntnisse über ein verschneites Wien

Straßenbahn

1) Der Winterschlaf wird gegen 6:05 von übermotivierten Hausmeistern mit Schneeschaufeln oder Räumfahrzeugen unterbrochen.

2) Leute treten am Morgen vor die Haustür und finden ihr Auto nicht mehr.

3) Leute fahren plötzlich mit der U-bahn, weil sie ihr Auto nicht freischaufeln wollen. Oder weil sie ihr Auto nicht finden. Oder weil sie Angst vor denen haben, die ihres gefunden haben.

Schneeauto

4) Straßenbahnen kommen lange nicht und wenn, dann im Rudel.

5) Die größte Freude am Schnee haben Kinder und Hunde.

Polarforscher

6) Leute gehen mit ihren Kindern und Hunden in den Park, um Schneemänner zu bauen. Nachdem den Kindern zu kalt geworden ist, machen sie alleine weiter, um den anderen Eltern zu beweisen, dass ihre Schneemänner größer und schöner werden können. Hundebesitzer registrieren, dass ihre Hunde in der Regel plötzlich die doppelte Ausdauer haben und vor lauter Schnee vergessen, zu pinkeln.

7) Vorbeifahrende Autos beweisen, dass sie braunen Straßenschnee auf Augenhöhe der Leute schleudern können, die an roten Ampeln warten.

Kaisermühlen

8) In den Eingangsbereichen von Supermärkten wird der Schnee von den Füßen gestampft und vom Kopf geschüttelt, um Nachkommende auf ihren Gleichgewichtssinn zu testen.

9) Schnee gilt als ultimative Entschuldigung für Verspätungen jeglicher Art.

10) Sobald die ersten Meter salzgestreuten Gehsteigs gutgemacht sind, bemerken die meisten, doch keine wasserfesten Schuhe zu besitzen.

11) Schulkinder verlieren während quer über Straßen geführter Schneeballschlachten den letzten Funken Respekt und verwenden Erwachsene als Schutzschilder.

Küssende Schneemänner

Die wilden Bestien

eigensinniger Affe

Wir Menschen, wir nackten, zarten und schutzlosen Kreaturen, wir bösartig gerissenen Ungeheuer, spüren die unendliche Faszination am Anderen, an der restlichen Schöpfung, die uns umschwirrt, umspringt oder kopflos Reißaus nimmt. Und so wundert es nicht, dass die schon vor vierhundert, fünfhundert Jahren mit großem Interesse der Pinsel gesetzt wurde, um abzubilden, was vielleicht nur aus Erzählungen zu einem geschwappt ist, in unscharfen Skizzen oder den übermütigen Schilderungen eines Reisenden.

Bartholomäus Sprnager/ Odysseus und Kirke KHM 1580

Oder was vielleicht tatsächlich angekarrt wurde aus dem Rest der Welt, um ein kurzes Leben unter den vielen Augen der neugierigen EuropäerInnen zu fristen. Und wie auch immer die Bilder entstanden sind, der Wunsch, die geduldige Leinwand mit anderem zu bevölkern als nur dem Alltäglichen ist übergreifend spürbar.

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Peter Paul Rubens/ Haupt der Medusa 1617 KHM

Einmal sind es die Fabelwesen, die direkt aus der Vorstellungskraft der Malenden galoppierten und sich in ihren Paradiesdarstellungen ansiedeln, oder als erschlagene Würmer zu Füßen der Heiligen ihr Leben aushauchen, direkt aus der aufbrechenden Hölle grinsen und sich aus Bäumen winden.

Peter Paul Rubens/ Die vier Flüsse des Paradieses 1615 KHM

Dann wieder zeigen sich die tatsächlichen wilden Seelen, Löwen, Tiger, Krokodile, ihre Zähne bleckend oder in der Gesellschaft von Göttern zu ungefährlichen Schönheiten gewandelt,

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Roelant Savery/ Landschaft mit Vögel KHM 1629

Tiere, die schon lange nicht mehr lebendig zu finden sind, oder, im schlimmsten Fall, erschlagen auf Tischen zu einem morbiden Stilleben arrangiert.

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Hier ein Durcheinander an Singvögeln und Hasen, dort ein glitschiger Haufen an Fisch, unter dem Verkaufsstand eine Robbe, was auch immer sie dorthin verschlagen hat. Und nach den Fantasiekreaturen und den wilden Biestern die heimischen Freunde, die Pferde, Hunde, Katzen und Vögel die sich wie selbstverständlich in die Bilder fügen, die in den Winkeln sitzen und auf gedeckte Tische lugen, die ihren Dienst versagen oder am Bildrand die Aufmerksamkeit der Betrachtenden fesseln können.

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Sie sind zierendes Element, das eine Lebensnähe vermittelt, die den oft so gestelzten Menschendarstellungen die Ernsthaftigkeit nimmt, ein plötzliches Detail, das die aufmerksam Schauenden erheitert.

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Ein Detail,  das sie heute daran erinnert, dass Eichkätzchen schon vor fünfhundert Jahren ausgesehen haben wie ihre Urenkel, die jetzt noch die Vogelhäuschen der Kleingärten unsicher machen und dass auch damals die Liebe eines Kindes zu seinem Tier eine die Darstellung wert war.

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Beredte Feinmechaniker

Maria Antoinette von Marie L. E. Vigée-Lebrun 1778

Maria Antoinette von Marie L. E. Vigée-Lebrun 1778

Einem anderen Menschen gegenüber zu stehen; der eigene Blick gleitet ab und tastet, offen oder im Geheimen, von niedergeschlagenen Liedern verdeckt, und was er einfängt, sind die Gesichtszüge des anderen, die Stirn, Augenpartie, die Nase hinunter und ein Wischen über den Mund, dann der Gesamteindruck und zur gleichen Zeit wächst in uns der Wald der Einschätzungen und Vorurteile. Wo er sich noch hinverirrt, der Blick, sind die Hände des anderen, die Finger, die unter den Ärmeln herausschauen, die vielleicht gerade beschäftigt sind, still halten sie selten.

Martha tadelt Maria Magdalena von Simon Vouet/1621

Martha tadelt Maria Magdalena von Simon Vouet/1621

Feinmechaniker sind es, und redefreudig sind sie auch. Die Nagelbetten erzählen uns schnaufend vom täglichen Leben, sind sie glatt gefeilt oder spröde und vertikal eingerissen, unregelmäßig lag oder poliert und lackiert, sind sie abgebissen bis ins Fleisch oder überstehend und hinderlich.

Jane Seymour von Hans Hohlbein d. Jüngere

Jane Seymour von Hans Hohlbein d. Jüngere 1536/37.

Der Blick huscht weiter, über die Glieder und Gelenke der Finger und bleibt an Schwielen, schwarzen, fein schattierten Haaren, an Ringen und Tätowierungen hängen, an Hühneraugen und an kleinen Wunden und Narben an den Knöcheln, an aufgesprungener Daumenhaut, an Adern, die wie Wühlmausgänge unter lascher Haut liegen und bläulich nach oben drängen, an der Grenze zwischen Braun und Rosa, der reizenden Schnittstelle von Handfläche und Handrücken, an fehlenden Fingergliedern und den komisch gewölbten, nagellosen Kuppen.

Bildnis eines Mannes mit Barett Brescianisch (?) 1538

Bildnis eines Mannes mit Barett Brescianisch (?) 1538

Mit ihrer Gestik erzählen Hände in einer Tour, fordern auf, senken ab, setzen Punkte und beenden Diskussionen, demonstrieren Zugehörigkeit, trösten, beleidigen oder berühren, nur im Schlaf schweigen auch sie, wenn sie anästhesiert neben dem restlichen, erschlafften Körper liegen und nur hin und wieder im Traum zucken oder über die Bettdecke kratzen.

Allegorie von Paris Bordone um 1560

Allegorie von Paris Bordone um 1560

Und wie die Füße von Balletttänzerinnen ihre Ästhetik ausdrücken, können das die Hände auch. Ein eigener Bewegungscode und Gestenalmanach lässt uns als schön empfinden, was uns die Hände vortanzen.

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Dass MalerInnen der letzten Jahrhunderte eine Faszination für Hände aufbrachten, scheint nur allzu verständlich, sind diese doch die ihrigen Werkzeuge, kompliziert gebaute Präzisionsgeräte, die nicht einfach auf die Leinwand zu bringen sind und somit das Feuer des Eifers umso schneller entfachen.

Infantin Maria Ludovika von Anton Raphael Mengs 1764/65

Infantin Maria Ludovika von Anton Raphael Mengs 1764/65

Die Hände der alten Bilder sind so beredt wie die Gesichter und Kleider der Abgebildeten, sind juwelengeschmückt oder mit nur einem Ringlein überziert, sind Kräftig in den Gürtel gesteckt, berühren einander in bedeutender Gestik, streichen aufreizend über die eigene Brust oder durch das Haar, halten allerlei Gegenstände, die angefüllt sind von Allegorie und führen den Blick der Betrachter. Es sind weiche Hände, die Hände der Schönen, rund, blass und glatt, arbeitslos Hände, die sanft berührt und geküsst werden müssen und sie erzählen von Reichtum und Langeweile und von einer schon damals idealisierten Zeit.

Bildnis einer jungen Frau von Paris Bordone um 1550

Bildnis einer jungen Frau von Paris Bordone um 1550

MUSE

Stadthalle an einem Nebelnovembertag, drinnen die Farbexplosion und Schweiß zwischen den Schulterblättern, aber langsam. Die Stehplatzkarte kostete 55 Euro und sie offenbart, dass als Vorband ein Special Guest auftritt und um 18:00 Einlass ist, aus Skepsis und Erfahrung kommt man um 19:30 aus der U6, nicht alleine und wandert mit der Herde vor zur Stadthalle, am Weg vorbei bei Leuten, die noch Karten verkaufen und schauen sie vertrauensselig aus ? – egal – drinnen staut es sich schon, keine Vorband, die beginnt erst kurz nach dreiviertel Acht, Everything Everything und sie sind würdig, aber arme Schweine. Der Vorbandfluch, wegen dir sind die Leute nicht hier, und weck sie einmal auf, die Unterkühlten, die direkt aus einem grauen Tag kommen, gegen Ende haben dann ein paar die Hände oben, auch weil sie wissen, dass das jetzt das letzte Lied ist, bevor es so richtig losgeht.

Die Umbauphase erstickt wieder ein bisschen vom Feuer, das sich die Vorband so mühsam erarbeitet hat, man schaut zu, wie vier Männer an Seilen nach oben gezogen werden zu den Scheinwerfen und ahnt, dass da mehr kommt. Wir überbrücken die Zeit, in der nichts passiert und nur das brutale Geschiebe begonnen hat, und dann bricht die Zwischendurchmusik endlich ab und Dunkelheit berauscht das Publikum. The 2nd Law: Unsustainable eröffnet mit einer Lichtflut, die die letzten aufweckt und knallt bis ganz hinauf zu den fast ausverkauften Rängen. Die Präsenz der Musiker wird durch den Einsatz von dieser ganzen fancy Technik übersteigert, dass einem die Gänsehaut kommt. Alles blinkt, leuchtet, schwappt durch das Publikum und wirbelt es auf, der Sound kommt präzise und so perfekt mit dem Licht abgestimmt, dass der ganze Raum zur Bühne wird. Und dann fährt von oben die Bildschirmpyramide herab, erst beim dritten Lied, Bliss, ein fünfstöckig verschiebbares Gebilde und metamorphisiert durch die Show hindurch. Resistance und zum ersten Mal wird gesprungen, im Takt mit den engen Nachbarn, sonst wird es ungemütlich und dann Supermassive Black Hole, Animals kühlen wieder ab und zum ersten Mal kommt die Pyramidenwand als Trägerin des Musikvideos in Einsatz. Ein Glasflügel fährt aus dem Boden der Bühne, mit offenem Verdeck und darin zuckenden Anschlägen, Bellamy balladisiert Explorers so zart, dass mir der Gedanke kommt ich würde es gerne an meinem Begräbnis hören, bei Sunburn zeigt er seine Geläufigkeit auf den leuchtenden Tasten und die Hitze in der Halle steigert sich gefühlt. Dass das Klavier wieder versenkt wird ist schade, aber keine Zeit daran zu denken, Time Is Running Out und alle springen, die Dynamik tritt uns los. Keine Zeit zu Verschnaufen, obwohl man aus allen möglichen Schichten gefallen ist Liquide State treibt uns weiter, Wolstenholme singt und ihm gehört die Bühne, dann das erlösende Madness, die Laser schneiden über unsere Köpfe hinweg die Trockeneisnebel und der Rhythmus kühlt uns runter.

Follow Me überstrahlt die vorigen Lieder, der Beat beugt uns in der Mitte, dann ziehen wir uns wieder zurück Undisclosed Desires lässt uns die Augen schließen und wir wiegen uns ruhiger während Bellamy von der Bühne kommt und am Publikum vorbeistreift, die Stille bleibt nicht sondern wird rausgefetzt von dem starken Intro, das Plug In Baby aufbietet, überschnellt noch von Stockholm Syndrom, die Lichtpyramide stülpt sich über die Musiker – Isolated System, wie genial. Kurz der Gedanke an das nahe Ende, das wäre ein zu schöner Schluss, aber sie kommen mit Uprising zurück, und wieder diese bestechende Titelwahl. Survival folgt und wieder ist dieses leuchtende Klavier auf der Bühne. Bei Starlight trübt sich der Himmel, denn das Ende steht knapp bevor, das ist jetzt allen klar. Auf den Rängen haben sie sich zum Mitklatschen endlich erhoben, dann als letztes Lied, eingeleitet mit Ennio Morricones Lied vom Tod, Knights of Cydonia. Wir reiten mit und grölen, was an Reststimme noch da ist zur Bühne hinaus.

Von Rotkäppchen und Jaguaren am Nationalfeiertag

Wohin drängt es einen am arbeitsfreien Nationalfeiertag, hinaus auf die Straße, hinaus, die anderen anschauen, die auch draußen sind und das sind einige. Aber nicht in den Restbezirken Wiens, dort ist es still, dunkle Geschäftsvitrinen, Parkplätze – ein Ding der Unmöglichkeit – und aus dem einen oder anderen Fenster quellend eine Fahne, selten gesehen, nur noch an den grauen Gemeindebauten, dort müssen sie flattern. Dort, wo sie kaum jemand sieht, weil sie alle drinnen sind, in der Stadt, im Ersten. Ein kurzer Vorgeschmack auf die Zeit, wenn die Christkindelmärkte wieder aus dem Boden wachsen und mit ihnen die Reisebusse, die Menschen aus den umliegenden Ländern heranschippern.

Die Orte des Geschehens sind Michaelator und Heldenplatz, ausgerechnet dort. In den Tagen zuvor sind Panzer und Hubschrauber und weiß der Teufel was alles angekarrt worden, um die Wiese des Platzes zu zerknautschen, graugrüne Metalldinger, diese Fremdkörper, die da aus den Menschengruppen herausragen. Kinder in bunten Winterjacken, die hinein und herausgehoben werden aus den Kriegsattrappen, an Gewehren hantieren dürfen und mit aufgeblasenen Backen imaginäre Kugeln abfeuern, die Eltern überfordert von der plötzlichen Gewaltlust des Nachwuchses und dem Langos in der anderen Hand, und wenn es kein Langos ist, ist es eben eine Käsekrainer oder ein Pappendeckelteller mit Schinkenfleckern, sehr österreichisch, sehr kohlenhydratlastig.

Auf dem Platz vor der Nationalbibliothek fahren heute Wagen spazieren mit Rädern, die sicher alle Spezialnamen haben und sie schießen und wackeln und machen eine Menge Lärm, rundherum die begeisterte Meute, wenn der Jaguar angreift, so ein hässliches Ding, Rauch steigt auf und einige klatschen, die meisten machen aber nur Aufnahmen mit ihren Smartphones, die andere Hand in der Jackentasche, wo es nicht so kalt ist.

Zwischendurch kommen Menschen vom Himmel gefallen, in rotweißroten Fallschirmen und landen graziös auf der Zufahrtsstraße, allgemein bewundert, dass sie da so genau hingetroffen haben, das ist ja fast wie in Amerika.

Zwischen den offensichtlichen Feiertagsbesuchern, denen, die hin und wieder ein Foto machen, das eine Fahrzeug angreifen, mit angezogenen Schultern vor dem Hubschrauber stehen und darauf warten, dass etwas passiert, ihre Kinder aus den Panzern zerren und ihnen dann ein Zuckerwatte kaufen, zwischen denen finden sich die Offiziellen, die Heeresmenschen und die sind schnell an der unfeierlichen Wahl der Kleidungsfarbe zu erkennen, es überwiegen die Erdtöne. Einige bewachen das Metallzeug, einige zeigen, wie schnell sie einen Baumstamm zersägen können, andere geben willig Auskünfte, andere werden angelobt.

Und dann sind die ganz kuriosen unterwegs. Eine Gruppe an Musikern in Kaiserstracht, mit gelber Flagge und schwarzem Adler, ein Pärchen mit Couleur und  zum Glück ohne Degen, und dann noch die ganzen Vögel in ihren Phantasieuniformen, die sich unter das Volk mischen und ihre Orden blitzen lassen und sie sind auf jeden Fall die Einfallsreichsten.

Und was wird gefeiert außer den Uniformen und den Käsekrainern? Das wissen nur die Klugscheißer.

Der vergessene Tod

Normalerweise setzt sie erst im November ein, diese seltsame, plötzliche Morbidität, dieses Verlangen, einsam hinaus zu pilgern in die Natur, blätterleer und feucht, die Kälte an den Ohrläppchen und am Kinn und dann hinaus zufahren mit dem Einundziebzigerwagen zum Zentralfriedhof.

Umringt von Backsteinmauern mit schwarzen Metallzäunen, die sagen: hinter uns liegt Edles und Erhabnes und verhalte dich still und demütig, liegt das Areal mit einer Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern, ein mehrgesichtiges Land, einerseits straff von Wegen gekreuzt, mit Gräbern, deren Säumungen von Handschneidern getrimmt werden, wöchentlich, polierten Grabsteinen und wechselnden Blumen in den verankerten Vasen, ein korrekt angelegtes Viel an Totenlager, und dann, auf der anderen Seite, die verwucherten Alleen, in denen Efeu der einzige Herrscher ist, der wilde Wein geduldet und die Sträucher, die einmal klein angesetzt worden waren, irgendwann die Grabespfleger überlebten und ausbrachen, hinüber zu den Nachbarsgräbern und weiter.

Der alte jüdische Friedhof, ein plötzlicher Wald. Aus dem weichen Boden kommen Grabsteine, verwitterte Gesellen mit Gravuren, die gerade noch gelesen werden können, oder Prachtgräbern, die vom Grün erobert und zugedeckt wurden. Nichts, das nicht verfällt, nicht die drei Millionen Menschen, die hier begraben sind – also fast doppelt so viele, wie in Wien leben – nicht die Erinnerungen an sie. Unvergessen wird zu einem leisen Hohn, der Grabstein liegt schon lange auf der Seite, zur Hälfte im Boden versunken. Das Vergessen ist heilsam, das müssen wir lernen. Unbedarft spaziert man zwischen den geliebten Kindern und ehrvollen Eltern, den Arbeitssamen und Gütigen, denen niemand etwas Böses nachsagen wollte, als die Grabsteine geschliffen wurden, wo wäre auch der Sinn gewesen, die Toten zu beleidigen ist ein schales Vergnügen.

Man liest Namen, als wären es Figuren eines Romans, vergleicht Geburts- und Sterbejahre, denkt über Familienverhältnisse nach und kommt näher, um die Porzellanbilder zu betrachten, die Menschen in Sepia zeigen, jung oder im Alter und lebend, und man denkt nicht daran, dass die letzten Reste von ihnen gleich unter den eigenen Füßen begraben sind, dass es so viel Geschichten zu erzählen gebe und niemanden, der sie hören will. Es sind verschwundene Geschichten von verschwundenen Menschen und kurz überkommt einen die eigene Unbedeutsamkeit. Man macht sich auf den Weg mit einem melancholischen Gefühl im Genick und spielt mit den Fingern am Rand der Jackenärmel und dann redet man sich ein, dass es gut ist zu vergessen und dass es gut ist, davor zu leben.

Wiener Prater

Ein Gewitter zieht auf. Unten wird es so lange ignoriert, wie die dunklen Wolken zu bluffen scheinen, unten, das ist im Wurstelprater, dem bunten Sammelsurium im zweiten Bezirk, eingeklemmt zwischen Hauptallee und Ausstellungsstraße. Wurstelprater sagt heute kein Mensch mehr, das war er früher vielleicht einmal, dann 1873 in Volksprater umbenannt, und weil Volk in Wien noch weniger funktioniert als Wurstel sind irgendwann diverse Vorsätze gefallen und über blieb Prater.

Wiener Riesenrad

Verwirrung stiftend, meint die Bezeichnung doch sowohl den Vergnügungspark als auch die überraschende Wildnis rund herum, die in Auen und Wäldchen endet. An diesem Tag ist viel los im Prater, alle Buden haben geöffnet und erwarten vom amüsierungsmütigen Publikum zahlungskräftige Beteiligung. Der Prater ist alt. Das Wahrzeichen, das Riesenrad, wurde 1896/97 gebaut (und im Weltkrieg ordentlich verwüstet), das zweite, kleinere Blumenriesenrad dann 1933, die Liliputbahn in den 1920ern ins Leben gerufen, eine Miniaturbahn, pardon, Schmalspureisenbahn mit einem Rundkurs von rund 4 Kilometern, die bestens in den altertümlichen, seltsamen Prater passt. Das Schweizerhaus, das in abgewandelter Form schon 1766 im Prater bestanden haben soll, wurde ebenfalls in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Karl Kolarik übernommen und zu einer festen Institution für alle, die dem schweren Essen und schaumgekrönten Bier frönen wollen.

Geisterbahn

Die Grundsteine sind also alt und die Geschichte umfasst Weltausstellung und frühes Kino und heute, was ist es heute? Ein zusammengewürfeltes und deshalb reizendes Ensemble aus Geisterbahnen, die in den Vierzigern erbaut wurden und Jahr für Jahr mit einer neuen Schicht Lack ausgebessert immer noch schick aussehen, auch wenn ihnen die Jahre anhaften, daneben neuere Gerätschaften, die ihre Mitreisenden durch die Gegend schleudern, Stroboskopgeblitze und Nebelmaschine, dazu ein Misch von Techno- und Housemusik aus den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Gezahlt wird für jede Attraktion einzeln, ein Vergnügen, das sich an lustigen Tagen zu einer ordentlichen Summe läppern kann.

Blumenriesenrad

Verloren zwischen den ganzen feinen und lauten Buden steht noch immer das alte Dampfringelspiel, das „Karousel“, das schon mehrere Generationen Runde um Runde befördert hat, genau so, wie es die braven Ponys tun, die Jahr um Jahr den Lärm von Ringsum und das Rauf und Runter kleiner Kinder mit stoischer Ruhe ertragen.

ponykarusell

Einigen Generationen wie dem Donau Jump blättert das Alter vom Gesicht, die Leuchtbuchstaben zeigen nur noch Donau Jmp an, die Hochschaubahn gleich nebenan erfreut zwar immer noch mutige Besucher, hat aber bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen. Dabei wurde 2008 im Zuge der Fußball Europameisterschaft viel Geld in die Gestaltung des Areals gepumpt, in den Eingangsbereich und in Wege.

Freundlicher sieht er jetzt bestimmt aus, der alte, an manchen Ecken grantige und müde Prater, aber sein Gesicht schimmert schon wieder durch. Die Wolken machen drängender auf sich aufmerksam und schicken Wind, der zwischen den Attraktionen, dem Autodrom mit seiner wirbelverschiebenden Mission und dem Tagada mit den immer gleichen Mädchen und Burschen davor.

Als die ersten Tropfen fallen, ziehen sich die Besucher zurück in die Spielhöhlen, oder, wenn sie noch nicht alt genug dafür sind, in die Gastgärten der Restaurants, unter die breitgefächerten Kastanienbäume und essen Langos oder Zuckerwatte, je nach Alter, lauernd, ob es nun ein Gewitter gebe, oder ob die paar Tröpfchen alles wären, was die Wolken zu bieten haben. Und der Himmel lässt sich nicht lumpen, entlädt was er hat hinunter auf die Vergnügungsgesellschaft, auf die wettergewohnten Geräte, das Wasser sammelt sich in den Gruben der Sitze, spült Langospapier vom Gehsteig zwischen die Bäume, prasselt auf die Hochschaubahnen und das Dach des Ponykarusells. Die Pferdchen haben kurz Ruhe und halten ihre schweren Köpfe über das Geländer, die Nasen in den kühlen Wind gesteckt.

Life Ball 2012

Das Leben wird gefeiert in Wien am 19. Mai, dem verliebtesten aller Monate. Zum 20. Mal dieses Jahr, ein stolzes Jubiläum. Der Life Ball ist die größte Veranstaltung Europas zugunster HIV-Betroffener und an Aids erkrankter Menschen. Gery Keszler ist verwebt mit der Idee des Life Ball, der ehemalige Feinmechaniker und aktuelle Abenteurer gründet 1992 mit Dr. Petrosiam den Verein „Aids Life“, der Menschen, die unter HIV leiden, mit finanziellen Mitteln unterstützen sollte, 1993 fand der erste Life Ball statt, damals noch aus eigener Tasche finanziert. Das hat Keszler schon langen icht mehr nötig, der Life Ball ist ein Riesenevent gewordern, dem jedes Jahr Größen aus Politik und Unterhaltungsindustrie beiwohnen, diesmal waren es u.a.  Bill Clinton, Naomi Campell,  Milla Jovovich, Antonio Banderas und Sean Penn, die sich für den Kampf gegen Aids groß machten. Bunt und laut präsentiert sich die alljährliche Glitzernacht und kaum überrascht es, dass es den Homophoben anders wird bei dem Spektakel. 2007 konnte die FPÖ (oder zumindest die ihr nahe stehende Zeitung „Zur Zeit“) nicht mehr an sich halten und bellte gegen Keszler, diese „Berufsschwuchtel“ und den allgemeinen Zirkus – eine von vielen Verfehlungen der Scheuklappenträger, die keines weiteren Zitats würdig ist.

Dass die Standardtickets zwischen 75 und 150 Euro kosten hält die Balllustigen nicht davon ab, zu kommen und jedes Jahr werden es mehr. Die schönste Idee am Life Ball ist der Reiz der Maske, der durch wechselne Motti angekurbelt wird und von den BesucherInnen kreative Schaffenskraft entlockt. Dieses Jahr war Feuer das Leitmotiv, das den Styl der Gäste prägen sollte und so dominierten Rot-, Orange- und Gelbtöne, aufgemalte Flammen züngelten über Schultern und Nacken, knallige Federn im Haar kokettierten mit den dunklen Flügeln Mancher, die nackte Haut golden und nur die aufreizenste Stelle verdeckt ging es in die Nacht.

Vor dem Rathaus dann das Gedränge der Schaulustigen, welche die Gäste zu Stars machen. Ist deren Outfit aufregend genug, dauert es einige Zeit, bis sie die Anreise in die abgesperrten Bereiche und weiter auf den roten Teppich schaffen, der alle empfängt, sie werden vom Fußvolk aufgehalten, das Fotos will und über die Größe der Phantasiegestalten in ihren Highheels staunt.

Mit der Dunkelheit beginnt die Show, ein überwältigendes Fest, das kurz den eigentlich traurigen Anlass des Balls vergessen lässt. Alleine in Österreich sind 1.700 Menschen HIV infiziert, 2011 waren 525 Neuinfektionen. Seit 1983 starben rund 1.950 Menschen an den Folgen der Infektion. Und obwohl die Zahl der Neuinfektionen seit 2001 zurückgeht sind weltweit um die 34 Millionen Menschen infiziert, eine unglaubliche Zahl. Es ist ungefähr so, als wären alle EinwohnerInnen Österreichs, der Schweiz, Ungarns, Sloweniens und der Slowakei betroffen.

Der Life Ball feiert trotzdem das Leben, ein aufregendes Fest und Großevent, auf das Wien getrost stolz sein kann.