Tag 8 Kathmandu/Wenn du dich traust, findest du Perlen und Nähmaschinen

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Ich werde von den morgendlichen Baugeräuschen geweckt und die körperliche Erinnerung an den gestrigen Ausflug ist schmerzhaft. An der Rückseite des Hotels ist eine Baustelle und die Arbeit dort muss vor hunderten Jahren genau so ausgehen haben. Die Männer und Frauen schleppen Schutt in Jutten, deren Gurte um ihre Stirnen geschnallt sind, sie schaufeln Beton und Erde zusammen, balancieren in ihren Zehenschlapfen die sechs Stockwerke nach oben und wieder zurück, auch noch, nachdem die Nacht hereingebrochen ist. Beleuchtung gibt es keine.

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Meinen Spaziergang durch den Thamel, hinunter zum Asam Tole nutze ich, um mich in Lücken zu stellen und meine Umgebung zu beobachten, was nicht leicht ist. Es fehlt der Platz, um stehen zu bleiben, jeder Meter Wegesrand wird genützt und auch aus den engsten, bestuften Hauseingängen kann plötzlich ein Motorrad herausrollen. Auf der Straße spielt das Leben, es wird nach draußen gestülpt, was in Wien hinter geputzten Scheiben oder festen, geschlossenen Türen passieren würde.

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Auf den eng begangenen Straßen sitzen Händler am Gehsteigrand und verkaufen auf Tüchern, was man brauchen könnte, Wattestäbchen, Batterien, Uhren, Unterhosen, Mottenkugeln, Zahnstocher und Handyzubehör, daneben stapeln Kinder die angebotenen Haarkämme zu Häuschen und irgendwo schläft sicher ein Hund zusammengerollt. Dort, wo Touristen gewittert werden, quellen die Geschäfte nach draußen, Pashmina und Cashmere Schals in allen Farben, Schmuck, Lokta Papier (aus einem Baum gemacht, der im Hochland Nepals wächst), Tee und Gewürze, Dhaca (farbenfroher Stoff, sehr detailreich), holzgeschnitze Masken, Rosenkränze aus Rudraksha (Beeren eines immergrünen Baumes) und Khukuris (gefährlich aussehende, gebogene Klingen die von den Gurkhas verwendet werden), alles schwappt hinaus in die ohnehin engen Straßen, ein paar Gassen weiter sind die Schneider zu Hause. Sie sitzen vor ihren winzigen Geschäftsräumen und nähen wunderbare, glitzernde Damenmode, dahinter stapeln sich die Rohstoffe und Bänder, Zwirne und Wollknäuel.

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Man darf sich so einen Geschäftsraum nicht als hell erleuchteten, klimatisierten Point of Sale vorstellen, in den meisten Fällen sind diese Orte nur wenige Quadratmeter groß, im besten Fall mit Fliesen am Boden, oft, vor allem außerhalb der Touristenbezirke, aber nur aus hartgetretener Erde, einer fehlenden vierten Wand, über die in den Nachtstunden ein Metallgitter gelassen wird. Manche Geschäfte entstehen in Hauseinhängen und wachsen des Tages über die Stufen und gegen die Tür, andere erstrecken sich innerhalb der Breite einer am Boden gebreiteten Plastikplane am Straßenrand.

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Die Häuser in der Stadt sind mehrstöckig und marode, mit schiefen Fensterstöcken und Türen, durch die auch der Kleinste nicht aufrecht gehen kann. Wenn ein paar Meter Platz zwischen Haus und Straße bleibt, dann stehen dort Hocker, oder es scharren Hühner, oder ein Mangoverkäufer bietet seine Ware feil. Das ständige Durcheinander von Fußgängern und Verkehr bereitet den ungeübten Touristen naturgemäß Lebensangst, während es die Ansässigen mit einer bewundernswerten Ruhe nehmen. Sie sitzen mit den Rücken gegen die Hauswände, auf Steinstufen und Tempelvorsprüngen, an der Schwelle ihrer Geschäfte, trinken Milchkaffee oder Tee, gehen ihrer Arbeit nach, gähnen, lesen Zeitung, verhätscheln ihre Kinder, essen Süßigkeiten oder flicken Schuhe. Dazwischen mischt sich der Räucherstäbchenduft, oder der gehrende Müllgeruch, das weiche frischfrittierte Honigparfüm oder der erdigfeuchte Atem aus den Hauseingängen.

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Am frühen Abend wird gegessen, ebenfalls draußen und in Gesellschaft. Am Asan Tole haben die Köchinnen einiges zu tun, ihre rollenden Küchen laufen fauchen und gluckern. Verkauft wird das Essen heiß, in Zeitungspapier gepackt, das bald fettglänzend zu dem restlichen Müll am Boden findet, oder in Metallschälchen, die neben dem Stand in einem Lavoir ausgewaschen werden. Der Mais, der den ganzen Tag über angeboten wird, wird über dem offenen Feuer geröstet und wenn gerade kein Holz oder Papier zur Hand ist, verbrennen die Frauen Plastikflaschen. Der Stich des Rauches geht in die Augen und in die Nase, beides ist angegriffen vom Spazierengehen. Nach einer halben Stunde draußen fühlt es sich an, als hätte man drei, vier Lungenzüge von einer starken Zigarette gemacht (und das als Nichtraucherin), so beißend ist die Mischung aus Abgasen und staubiger Luft. Mit der Dämmerung kehre ich nach Hause, wo immer noch das Schaufeln der Baustelle zu hören ist.

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