17/ Cat Ba. Sonnenschein und Finsternis.

Cat Ba Island

Der Muskelkater des Morgens ist ein Gruß aus dem Dschungel. Aus dem Bett schält man sich wie eine Hundertjährige, die Verkühlung, die über Nacht in den Nebelhöhlen lagerte wünscht einen guten Tag und sobald die Beine unter der Decke auftauchen erinnere ich mich auch wieder an die unsanfte Begegnung mit den Karststeinen des Vortages.

Um acht geht es los auf das Schiff, das gemütlich von Cat Ba aus in Richtung der Ha Long Bucht schippert, an den schwimmenden Dörfern vorbei durch eine Landschaft, die direkt aus der Urzeit geschmiedet scheint. Mitten aus dem Meer erheben sich Felsblöcke wie Riesenpilzen, obenauf mit spärlichem Grün bedeckt, darüber gleiten Raubvögel. Sobald die Sonne herauskommt, schälen wir uns aus den warmen Jacken und dösen auf Deck, schonen die geschundenen Beine. Jeder scheint seinen Gedanken nachzuhängen, auf dem rostigen Blechdach sitzen wir nebeneinander und schauen in das grüne Meer.

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Die erste Station, die wir anfahren, hat Kajaks für uns bereit und schon kommt Leben in die Dschungelgruppe. Meine Kajakpartnerin und ich fragen nach einer Route, die wir anfahren sollen und werden mit einer lockeren Handbewegung vom Boot weggeschickt, vierzig Minuten haben wir Zeit die Umgebung zu erkunden.

Wir paddeln los, am Fels entlang, lachen über unsere Unfähigkeit, geradeaus zu fahren und sehen dann, dass ein Schwarm an Kajaks in eine der Höhlen biegt, gut zwanzig Boote, teilweise mit Kopflampen. Wir schließen uns an und passieren den breiten Eingang. Vor uns liegt ein zehn Meter breiter und sechzig Meter langer Gang, der einige Biegungen macht. Die Gruppe rudert voraus, wir gondeln hinterdrein, machen noch eine Biegung mit und stecken plötzlich am Rand fest. Mit einem Plitschplasch in einigen Metern Entfernung verschwindet der letzte der Gruppe.

Mit ihm verschwindet das Licht.

Die Finsternis, die uns umfängt, ist Beton. Sie ist ein schwarzes  Band, das sich zuerst über die Augen legt, dann in den Mund kriecht und in den Magen. Luzia, meine Partnerin sitzt vor mir. Ich höre das Wasser gegen das Kajak drücken, etwas knirscht. Wir haben keine Orientierung, wir wissen nicht einmal, ob wir uns nach vorne oder nach hinten bewegen und sind etwa fünfzig, vielleicht siebzig Meter im Inneren der Höhle. Ich versuche, uns in eine Richtung zu bewegen, aber sofort knirschen wir gegen die Felswand, die plötzlich auch über unseren Köpfen ist.

Es ist eine Urangst, nicht atmen zu können. Es ist eine Urangst nicht sehen zu können. Nicht sehen zu können und im Bett zu liegen ist eine Sache. Nicht sehen zu können und mit einer Partnerin in einem verdammten Kajak zu sitzen, sechzig Meter im Inneren einer vietnamesischen Höhle zu stecken und nichts zu fühlen, als das Plastik unter den Beinen und den Felsen ringsherum, die letzten einer Gruppe zu sein, die jetzt weg ist und zu wissen, dass das Gebiet so riesig ist, dass man überall sein könnte, ist eine andere Liga von Angst. Die Panik, die in uns aufsteigt, wird unterdrückt. Aber wir rufen, wir schreien und Pfeifen. Keine Antwort auf die Schreie zu bekommen ist ein Schlag in den Magen. Die Dunkelheit ist in unsere Augen gekrochen, man dreht den Kopf und nichts ändert sich, alles ist schwarz. Dann glaube ich, dass mir mein Gehirn einen Streich spielt, irgendetwas ändert sich, ein fahles Aufleuchten. Wir rufen und die Rufe fliegen uns von den Felsen und dem Wasser zurück in die Ohren. Dann, klar, ein Aufleuchten, dass das Band um unsere Mägen lockert. Ein Kajak hat uns gefunden, zwei Vietnamesen, die in der Höhle waren und Lampen haben. Sie kommen auf uns zu und geben uns eine Lampen, begleiten uns zum Ausgang. Wir hatten uns in der Finsternis gedreht und wären in die falsche Richtung gefahren. Es dauert einige Biegungen, dann dringt das Licht in den Eingang. Nie in meinem Leben war ich so dankbar für die Helligkeit des Tages. Als wir wieder draußen sind und unseren Rettern versichert haben, dass sie der Grund dafür sind, dass wir den nächsten Tag auch noch sehen können, paddeln wir noch eine Runde im Sonnenlicht, nur um uns zu beruhigen. Zurück am Bootsteg sind die Beine Gänsehaut und zittrige Knochen. Wir erwarten es kaum, dass die anderen, die in die Höhle sind, wieder zurück kommen. Zwei von ihnen hatten auch den Anschluss verloren und sich mit dem Blitzlicht ihrer Kameras und dem Display der Handys wieder zurückgearbeitet. Von Höhlen haben wir genug.

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Die nächste Stunden trocknen wir unsere Panik in der Sonne auf Deck, in den Jacken, der Wind ist zu kalt, dann bleiben wir stehen, um ausgerechnet eine andere Höhle zu besuchen. Luzia und ich haben zwar wenig Lust, folgen den anderen dann aber doch und bleiben in der Nähe des Lichts. Drinnen öffnen sich erstaunlich hohe Räume, Hohlräume hinter Durchgängen, die man auf Knien durchrutschen muss, warm und feucht wie Drachenhorte.

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Die nächste Station, die wir anfahren, ist zum Schwimmen gedacht und ein paar Burschen der Gruppe trauen sich ins Wasser, um nachher zitternd auf Deck Wärme zu suchen. Unser Kapitän schläft ein, wacht erst nach zwei oder drei Stunden wieder auf, dann geht der Motor des Schiffen nicht mehr. Wir nehmen es gelassen, liegen am Blechdach und führen faule Gespräche, kaufen den Bootsfrauen, die hin und wieder auftauchen, Kekse und Bier ab und sehen zu, wie die Greifvögel ihre Runden drehen.

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Als wir zurückkommen, ist die Sonne am Sinken. Wir bitten den Fahrer des Kleinbusses, uns am Cannonfort aussteigen zu lassen und wandern nach oben, von wo aus man die Bucht überblicken kann. Der ehemalige Angriffspunkt ist von rostenden Metallkanonen und Bombenresten zerfurcht, aber die Sicht auf den sinkenden Tag bringt eine große Ruhe über uns. Wir bleiben, bis es finster wird, dann folgen wir der Straße zurück in die Stadt, die sich schläfrig eingerichtet hat.

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Die wilden Freuden am Berg

Es ist ein altes Klischee, dass junge Österreicher und Österreicherinnen auf die Ski geschnallt werden, sobald sie alleine stehen können und es trifft schon lange nicht mehr zu. Diejenigen, die ihre Kinder zwischen Knie und Stecken klemmen und den Hang hinunter rutschen werden weniger, was aber nicht heißt, dass die Skischulen nicht noch immer ihr Geld mit Zwergen verdienen, die aus Helm und großen Schuhen zu bestehen scheinen. Und als Kind war alles anstrengend. Der Skianzug, in dem man steckte und sich nicht ordentlich bewegen konnte, die sperrigen Ski, die immer verrutschten, wollte man sie tragen, die Schuhe, die eng waren und zwickten, die Kälte, die Sonne, das Rauf und Runter, das Hop und Bogerl. Die Lust am Schnee ist erst später gekommen und dann richtig. Ein Problem am Skifahren scheint unvergänglich mit dem kindlichen Abquälen verbunden – lernt man das Fahren nicht schon im kleinen Alter, wo Menisken und Kreuzbänder unmenschlichen Belastungen gewachsen zu sein scheinen, dann wird es später eine Herausforderung, die sich nur wenige antun.

Einmal erlernt bleibt die Technik auf wundersame Weise im Hirn gespeichert und entfaltet sich jedes Jahr zur selben Zeit aufs Neue, im Februar oder März, wenn auch endlich die gefürchteten Wiener den Semmering verlassen und im Land einfallen, um den Lokalen zu zeigen, wie gut sie auf den Skiern sind.

Gastein eignet sich hierfür bestens, eine Erfahrung, die sich über Jahrzehnte hin bestätigt hat. Das Gebiet ist reich an bestens präparierten Pisten und Möglichkeiten, auch neben dem Schneezauber seine Zeit zu vertreiben. Was dazu gehört, kommt schnell in Erinnerung, sobald man das erste Mal aus dem Auto am Parkplatz im Angertal steigt. Die knieweiche Haltung der Skischuhtragenden, die Rutschpartie am Klo und die verwirrende Erkenntnis, tatsächlich vier Schichten auch wieder anziehen zu müssen, ein Portemonnaie, das mit jedem Tag an der Kassa erheblich erschlankt, das Tragen der Ski auf der Schulter und die damit verbundenen Rostflecken, sollten die Skier über den Winter in einer feuchten Ecke im Keller vor sich hingeschimmel haben, oder den zerschnittenen Handschuhen, sollte das Service zu ambitioniert ausgefallen sein. Das erste Anstellen beim Lift oder der Gondel, die verschlagenen Ohren beim Hinauffahren, der erste Wind beim Aussteigen und dann das Anschnallen und ausprobieren der Einstellungen, die ersten Bögen die man nimmt wie ein Anfänger und das wachsende Selbstbewusstsein bis zum ersten Verschneiden. Und zu Mittag die Kantinen mit ihren Germknödel, Pommes, Erbsensuppen und Cola Flaschen. Sonnencremeduft auf der Terrasse, Menschen die in ihrer ruckigen Skischuhgangart Tabletts mit heillos überteuerten Bier balancieren und welchen, die sich in der Sonne ihres Anoraks entledigt haben und die weißen Eulenaugen unter der Skibrille in die Höhensonne halten (um am Abend über den Sonnenbrand auf der Nase zu klagen) Das Rauf und Runter im Schnee, der Spaß am engen Wedeln oder den ausgedehnten, flotten Bögen zwischen Tannenbäumen und, weiter oben, aufragenden Felsen, die von den bunten Skifahrern weiß Gott was halten. Erschöpf und voll der guten Luft kommt man nach vier am Parkplatz an, schält sich aus den Schuhen und betastet die schmerzenden Oberschenkel, freut sich aber schon auf den nächsten Tag. Die Luft hier herunten scheint schlagartig verdickt zu sein von den Abgasen der paar Autos, aber noch schlimmer wird es, wenn man eine Woche später wieder in Wien ankommt. Bis dahin ist aber noch Zeit. Und am Abend erfährt die Vorfreude auf den kulinarischen Höhepunkt der genussvollen Kohlenhydratverwertung endlich Befriedigung: Salzburger Nockerl die plötzlich sorgfältig vergrabene Assoziationen wecken. Süß wie die Liebe und zart wie ein Kuss.