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Besucherin

Nach der Blüte des Jahres, den warmen Tagen die sich erst so spät von der Nacht verdrängen lassen, dünnt die Natur aus und gleitet in die Starre der Endmonate. Da braucht es keine weinselige Spätnachtlaune, um das Sterben des Jahres mit der eigenen Endlichkeit in Verbindung zu bringen und auch die Tatsache, dass die Auslagenmaschinerie schon seit einem guten Monat auf Weihnachten hinarbeitet, kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass jetzt die dunklere Zeit angebrochen ist.

Blumen

Als wäre nicht in den mittleren Wochen des Jahres Zeit genug dafür gewesen, die Toten zu besuchen (und anschließend vielleicht eine Runde schwimmen zu gehen oder sich einen Bananensplit zu gönnen) zieht es uns (ausgerechnet) jetzt zu den Gräbern. Allerheiligen steht an, ein großer christlicher Feiertag, und dafür beleben sich die Friedhofsreihen und die Brachflächen vor den Mauern, wo plötzlich neben den üblichen Friedhofsblumen Gestecke und Kränze verkauft werden, die sich in den letzten Jahrzehnten vom Aussehe her wohl nicht verändert haben. Schon an dem Wochenende vor Allerheiligen ist eine gewisse Unruhe spürbar, eine Bevölkerung der Parkplätze. Wer jetzt die Vorarbeitet leistet, muss eine Woche später nichts mehr tun, als eine Kerze anzuzünden und die Hände vor dem Bauch zu falten.

Besucher

Zuvor aber spucken die Busse und Straßenbahnen die ältere und sehr alte Herrschaften aus, die mit Werkzeug hin zum Friedhof unterwegs sind, welches man dort das restliche Jahr über kaum sieht: Besen, Schaufeln, Wischfetzen, Drahtbürsten, Kisten mit Seidenblumen, Stiefmütterchen und gerade erstandenen Gestecken, Viererpack Grabkerzen. Es sind lange Tage für sie, denn selten liegen alle Verwandten auf nur einem Friedhof, aber was erledigt ist, ist erledigt, darum ziehen sie sich die Jacken aus und legen sie über die Grabsteine, verrichten gebückt ihre Restaurationsarbeiten und gehen zwischendurch den kurzen Weg zum Kompost und zum Brunnen, wo sie die Plastikgießkannen mit der Aufschrift des Blumenverhändlers, der sie zur Verfügung stellt, in das Grundwasser tauchen.

OmaOpaamGrab

Selten treffen sie andere, die sie kennen, und wenn wird dabei kaum geredet, es ist eine schweigsame, notwendige Arbeit, die mit der gegebenen Miene verrichtet wird. Die Gedanken kreisen zwischen dem Bodendecker und den Toten, die darunter liegen. Zum Abschluss wird die rote Kerze angezündet und in die Erde gedrückt, oder in die Laternenfassung gestellt und es nähert sich der kritische Punkt. Wird noch kurz innegehalten und ein still ausformuliertes Gespräch mit den Geschiedenen angefangen? Drängt sich Vision des eigenen Begräbnisses auf und werden die Besucher betrachtet, wie sie um das Loch im Boden stehen und Rosen werfen? Wird ein flüchtiger Vorsatz gefasst, im Kommenden etwas besser zu machen (hier wirkt er ehrlicher als an Silvester, wo Vorsätze aus einem seltsamen Gruppenzwang heraus aufgeschrieben werden oder damit die Zeit bis Mitternacht schneller vergeht)? Oder wendet sich der Blick vom Grab ab, sobald der letzte Handgriff erledigt ist und suchen die Schritte den Ausgang. Wie auch immer es passiert, der Tod gehört jedem selbst. Ein Vorwurf ist hier niemanden zu machen, nicht denen, die Stunden an den Gräbern verbringen, nicht denen, die gleich wieder gehen und auch nicht denen, die erst gar nicht kommen.

Südwestfriedhof

Der vergessene Tod

Normalerweise setzt sie erst im November ein, diese seltsame, plötzliche Morbidität, dieses Verlangen, einsam hinaus zu pilgern in die Natur, blätterleer und feucht, die Kälte an den Ohrläppchen und am Kinn und dann hinaus zufahren mit dem Einundziebzigerwagen zum Zentralfriedhof.

Umringt von Backsteinmauern mit schwarzen Metallzäunen, die sagen: hinter uns liegt Edles und Erhabnes und verhalte dich still und demütig, liegt das Areal mit einer Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern, ein mehrgesichtiges Land, einerseits straff von Wegen gekreuzt, mit Gräbern, deren Säumungen von Handschneidern getrimmt werden, wöchentlich, polierten Grabsteinen und wechselnden Blumen in den verankerten Vasen, ein korrekt angelegtes Viel an Totenlager, und dann, auf der anderen Seite, die verwucherten Alleen, in denen Efeu der einzige Herrscher ist, der wilde Wein geduldet und die Sträucher, die einmal klein angesetzt worden waren, irgendwann die Grabespfleger überlebten und ausbrachen, hinüber zu den Nachbarsgräbern und weiter.

Der alte jüdische Friedhof, ein plötzlicher Wald. Aus dem weichen Boden kommen Grabsteine, verwitterte Gesellen mit Gravuren, die gerade noch gelesen werden können, oder Prachtgräbern, die vom Grün erobert und zugedeckt wurden. Nichts, das nicht verfällt, nicht die drei Millionen Menschen, die hier begraben sind – also fast doppelt so viele, wie in Wien leben – nicht die Erinnerungen an sie. Unvergessen wird zu einem leisen Hohn, der Grabstein liegt schon lange auf der Seite, zur Hälfte im Boden versunken. Das Vergessen ist heilsam, das müssen wir lernen. Unbedarft spaziert man zwischen den geliebten Kindern und ehrvollen Eltern, den Arbeitssamen und Gütigen, denen niemand etwas Böses nachsagen wollte, als die Grabsteine geschliffen wurden, wo wäre auch der Sinn gewesen, die Toten zu beleidigen ist ein schales Vergnügen.

Man liest Namen, als wären es Figuren eines Romans, vergleicht Geburts- und Sterbejahre, denkt über Familienverhältnisse nach und kommt näher, um die Porzellanbilder zu betrachten, die Menschen in Sepia zeigen, jung oder im Alter und lebend, und man denkt nicht daran, dass die letzten Reste von ihnen gleich unter den eigenen Füßen begraben sind, dass es so viel Geschichten zu erzählen gebe und niemanden, der sie hören will. Es sind verschwundene Geschichten von verschwundenen Menschen und kurz überkommt einen die eigene Unbedeutsamkeit. Man macht sich auf den Weg mit einem melancholischen Gefühl im Genick und spielt mit den Fingern am Rand der Jackenärmel und dann redet man sich ein, dass es gut ist zu vergessen und dass es gut ist, davor zu leben.