19/ Hanoi. Regen von oben, Hupen von der Seite.

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Es gilt einen Tag Hanoi hinüber zu biegen und am Vormittag treffe ich mich mit einigen der Insel-Crew. Sie wollen eine Gitarre kaufen und so wandern wir durch die enge, labyrinthige Altstadt und fallen in verschiedenen Musikgeschäften ein. Ich habe die Chance, die unterschiedlichsten Instrumente auszuprobieren, was ein großer Spaß ist, aber fünfig werden wir nicht. Später trennen wir uns mit dem Vorsatz, uns beim Revolutionsmuseum wieder zu treffen; ein Plan der nicht aufgeht, was daran liegt, dass es kein Revolutionsmuseum gibt. auch wenn Dumont darauf schwört.

Ob es an dem ständigen Lärm und dem aufgeweichten Dreck der Stadt, oder ob es an der Dauerkälte der letzten Tage liegt, ich merke dass mein Energielevel am Boden ist und fiebere mich durch den Mittag. Am späten Nachmittag breche ich dann doch noch einmal auf, um das Museum of Fine Arts zu besuchen. Es zahlt sich aus, weil es nur vietnamesische Kunst zeigt und das über die Jahrtausende, auch wenn es nicht besonders gut kuratiert ist.

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In einem Nebengebäude dann befindet sich die Vernissage eines Künstlers, Blumenbouquets gratulieren zur Ausstellung und die großflächigen Bilder sind nach den relativ unspektakulären Werken des Haupthauses eine Bereicherung. Das Museum kündigt sein Schließen damit an, dass das Licht in allen Räumen ausgeht und ich spaziere hinauf zum Ho Chi Minh Mausoleum, in welchem sich der Leichnam des allgegenwärtigen Übervaters befindet. Zugänglich ist es nur bis 11:00, darum verlege ich mich darauf, die Garde in ihren weißen Uniformen zu betrachten und den Abendsportlern zuzuschauen, die die Ausmaße des Platzes nutzen. Eine seltsame Novemberstimmung breitet sich mit dem einfallenden Nebel aus, die Kälte und der Nieselregen tauchen den Mausoleumsklotz in ein düsteres Allerheiligenlicht. Ich bleibe bis es dunkel wird, dann drücke ich mich entlang der verstauten Straßen zurück in die Altstadt.

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18/ Cat Ba – Hanoi. Urwald und Betondschungel.

Cat Co 1

Der letzte Tag auf der Insel hüllt sich wieder in diesige Kälte. Ich wandere zu den Stränden, Cat Co 1 und Cat Co 2. Der Weg hin ist hügelig und führt an Bougainvillen vorbei, an den Blumenbeeten der Resorts und an leeren Wächterhäuschen. Am Strand sammelt sich die Einsamkeit. Niemand ist hier, die Liegen und Schirme sind von einer feuchten Schicht überzogen, an der Bar steht eine Flügeltür offen, weil sie der Wind aufgedrückt hat. Das Meer liegt ruhig, weiter draußen stehen Fischer auf ihren Booten und holen Netze ein.

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Weil ich genügend Zeit habe, mache ich eine Runde durch Cat Ba Town, das sich schnell in dem Anstieg der Insel zerstreut.

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Am Markt sind außer mir keine Fremden und es ist ungewohnt, durch die Reihen zu gehen und nicht angesprochen zu werden. Zwischen dem Gemüse und den Alltagsartikel, die in der gewohnten Überfülle angeordnet sind, schlafen die Verkäuferinnen.

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Zurück nach Hanoi geht es in der selben Bus – Boot – Bus – Bus Reihenfolge, in der wir gekommen sind, nur dass sich unsere Zahl in Hai Phong auf sechs Reisende dezimiert hat.

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Der Fahrer scheucht uns auf einem Parkplatz aus dem Bus und dirigiert uns unter den gewohnten He! Und Hoi! Rufen zur Schnellstraße. Auf seinem Moped ist er ein grantig Hütehund, der uns in einem Rudel zusammenhält. Als einer der Gruppe einen Seitenschritt macht, um Wasser zu kaufen, verdoppeln sich das He!! und er prescht zurück um sein verlorenes Schäfchen wieder einzusammeln. Dann warten wir am schmalen Seitenstreifen irgendwo in Hai Phong darauf, dass uns ein anderer Bus aufsammelt, der Hirte, wieder in guter Laune, raucht mit uns und deutet begeistert auf eine Gruppe von Frauen, die in einiger Entfernung joggen.

Als wir nach Hanoi einrollen, beginnt der Regen und es beginnt auch der Abendverkehr, der ein vielköpfiger, brummender und hupender Drache ist. Einer von uns meint, er fühle sich wie ein ein Neugeborenes, nach der Ruhe der Insel völlig überfordert von dem Lärm und dem Dreck der Stadt. Ich fühle genau so.

15/ Hanoi – Cat Ba. Tausche Hauptstadt gegen Insel.

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Es fällt mir nicht schwer, die kalte Stadt zu verlassen. In der Früh friere ich mich durch das Frühstück (Eierspeis, zwei Gurkenscheiben, eine Tomatenspalte. Herber Lipton Schwarztee), das in einer Nebennische des Hotels nach einigem Nachfragen dann doch serviert wird und ich habe genügend Zeit, darum möchte ich kein Taxi nehmen, da ich sonst womöglich zwei Stunden bei der Busstation verbringen kann. Die Alternative, noch ein wenig mit dem Schimmelbettzeug zu kuscheln, ist allerdings auch nicht attraktiv, darum mache mich mit meinem treuen Koffer zu Fuß auf zur Busstation, die drei Kilometer entfernt ist. Da es regnet und der Wind auch nicht auf meiner Seite ist, ist es kein allzu freundlicher Weg. Er führt an der Autobahn entlang, wo sich der Morgenverkehr dahin wälzt und am Busbahnhof angekommen bin ich froh, den ersten Teil einer langen Reise hinter mir zu haben. Drinnen sitzen schon eine Handvoll Rucksackreisende, die auch zur Insel wollen, alle angepackt und ausgekühlt. Der Kasernenbeigeschmack der Station wird durch die schnippischen Mitarbeiterinnen unterstützt, man fühlt sich als zahlender Mensch mehr als Bittsteller. Das Touristenrudel wird in den Bus gestrieben, unter den „He!“ und „Hoi!“ Rufen des Nordvietnams, die universell einsetzbar sind und von: „Ich will dein Ticket sehen“ bis hin zu „Willst du eine Stunde von mir durch die Landschaft chauffiert werden“ alles heißen können. Im Bus dann Klimaanlage, weil es draußen ja hitzige 10 verregnete Grad hat und die Verkühlung, die sich über Nacht in den Ohren und in der Nase heimisch gemacht hat, breitet sich gemütlich in mir aus.

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Die Reise geht über fünf Stationen, wir werden von einem Bus zum anderen gescheucht, in ein schnelles Boot und wieder einen Bus. Durch die angeschlagene Scheiben wechselt das Bild der verdreckten Stadt zu dem Industrieviertel von Hai Phong und schließlich zu der schroffen Schönheit der Insel, die sich aus dem Nebel schält. Nach fünf Stunden ist die Distanz geschafft, Cat Ba hat uns Reisende und begrüßt uns mit bissigem Meerwind und feuchter, grüner Fülle.

Es ist Nebensaison, darum sind außer uns kaum Leute hier, wie es scheint, die obligatorischen Touristenfänger umspringen uns zwar, als wir aus dem Bus kommen und versichern, dass es keine freien Zimmer mehr auf der Insel gibt außer dem einen in ihrem Hotel, aber sonst liegen die Straßen und die wenigen Restaurants leer. Die Gruppe aus dem Bus verläuft sich und trifft sich später am Abend wieder in der Straße, die wir zur Hauptstraße erheben. Nach der Hektik Hanois ist es auf der Insel beinahe unheimlich ruhig. Keine Autos, nur hin und wieder ein Moped auf der breiten Straße. In einigen Restaurants lehnen die Besitzer auf den Plastiksesseln und schauen Fern, niemand ist da, um etwas zu bestellen, nur im Marigold Club, einem goldenen Kubus, der zwischen den hohen, chinesischen Häusern vollkommen aus dem Bild fällt, steigt eine Party. Als wir einen Blick hineinwerfen, ist außer dem DJ niemand hier, nicht einmal ein Kellner hinter der Bar. Trotzdem wird der umliegende Stadtteil beschallt. Da es bald dunkel wird, lässt sich die Natur ringsum nur erahnen. Morgen werde ich sie besser kennen lernen, dann geht es für eine Tageswanderung in den Nationalpark.

Cat Ba

14/ Hue – Hanoi. Nacht und Nebl.

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In einer neuen Stadt anzukommen ist aufregend. In der nächtlichen Finsternis in einer neuen Stadt anzukommen, ist aufregend und zu einem gewissen Grad unbequem. In der Finsternis, Kälte und dem Regen eines nächtlichen Hanoi anzukommen und vom Flughafen in das Stadtzentrum so lange durchzustauen, wie der Flug von Hue hier her gedauert hat, ist vollkommen unangenehm.
„Der alte Stadtkern ist ein Labyrinth in dem man sich gerne verläuft“, sagt Dumont. Nein, lieber Reiseführer, ist es nicht. Es ist eng und laut und von den Plastikplanen, die über die Suppenküchen gespannt sind, tropft Schmutzwasser. Dass mein Hotelzimmer dem Filmset von Les Miserables entspricht und der Vorbesitzer des Bettes scheinbar ein verdammter Fakir war, dass es drinnen genau so kalt und feucht ist wie draußen und das Bettzeug riecht, als wäre es die letzten drei Monate im Keller gelegen, hebt meine Laune nicht direkt. Leider kommt dazu, dass der Wetterbericht Kälte und Regen verspricht. Meine Idee, am folgenden Tag auf die Insel Cat Ba zu fahren, scheint mir also nicht mehr allzu ideal. Andererseits ist die Aussicht, länger in dem nassen Moloch zu sitzen, auch keine Alternative. Am Morgen hüllt sich Hanoi in eine dicke Nebeldecke, als wollte es den Rest der Welt ausschließen. Ich fahre.

 

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