Tag 9 Kathmandu/ Vertrauensgrundsatz und die höchste Heiligkeit

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Der Tag ist kühler als die vergangenen Tage und das tut sehr gut. Ich studiere noch ordentlich die Karten und mache mich dann zu Fuß zum Boudhnath auf, das im Westen liegt. Der Weg wird mit ungefähr 6,5 Kilometer in eine Richtung berechnet, aber ich nehme wieder einen Umweg, um an den breiteren Straßen zu gehen und mich nicht in dem Gassenlabyrinth zu verirren. Als ich aufbreche, ist verhältnismäßig wenig los, trotzdem steht über einer der breiten Sandstraßen der Staub als helle Wolke.

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Ich muss einige Male die Straßen queren und dafür gibt es bestimmte Regeln.

Die erste muss wohl lauten: gehe nie alleine! Warte auf ein paar andere Mutige und hänge dich an deren Fersen.

Die zweite: Je breiter die Straße, desto größer die Chance überfahren zu werden. Man geht nicht einfach so hinüber, nur weil dort ein nettes Geschäft lockt. Man bleibt auf seiner Seite, außer es hat einen ordentlichen Grund, zu wechseln.

Die dritte: Vertraue keinen Zebrastreifen! Es gibt sie, aber sie sind absolut unnötig, da kein Mensch für dich halten wird.

Die vierte: Schauen! Nach rechts, von dort kommen sie schneller!

Die fünfte: Warte nicht darauf, dass jemand vielleicht langsamer wird, oder stehen bleibt. Geh, wenn die Lücke groß genug ist und wedle mit der Hand, als Zeichen, dass du nicht überfahren werden möchtest. Sie werden schon ausweichen.

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Mit diesem antrainierten Wissen gelange ich nach fast zwei Stunden Fußweg zu der Stupa, die auf einmal zwischen zwei Häuserblocks auftaucht. Anders als das Swahambunath, das erst mühsam erkämpft werden muss mit seinen Stufenaufgängen, und das man schon aus der Weite am Hügel thronen sieht, duckt sich diese Stupa mitten in ein lebendiges Wohnviertel. Und doch ist sie einer der heiligsten Orte für Buddhisten und Hinduisten weltweit. Gegründet wurde sie im fünften Jahrhundert nach Christus und es gibt verschiedene Legen dazu.

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Einig ist sich die Geschichte aber, dass eine Frau die Stupa bauen ließ, und dass eine Menge Göttliches im Spiel war. Aus ihrer goldenen Mitte blicken die Buddhaaugen auf die Herankommenden. Tibetische Flüchtlinge suchen hier einen Ort des Friedens, um die Stupa haben sich viele tibetische Klöster angesiedelt. Als ich komme, tröpfelt gerade der Monsun herab und die grauen Wolken sitzen direkt über den ernsten Augen des Heiligtums. Ich umrunde das Bauwerk im Uhrzeigersinn, so wie es auch die Buddhisten und Hinduisten machen, einmal unten, einmal einen Stock höher. Aus den Lautsprechern der anliegenden Geschäften dringt das Gebetslied über den Platz, Ohm mani padme um, ein sanfter Rhythmus. Aus der Nähe wirkt die Stupa noch beeindruckender. Die bunten Fähnchen sind von allen Seiten zur Kuppel hin aufgezogen und im kühlen Wind bewegen sie sich langsam, als wären sie lebendige Glieder einer überdimensionalen Krake. Auch das rote Tuch unter den Augen rollt im Wind und winkt den Betenden. Ich finde auf den Stufen eines geschlossenen Geschäfts Platz und nehme mir über eine Stunde Zeit, nur um zu sitzen und meinen Gedanken nachzutasten.

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Als ich die Stupa durch die Häuserschlucht verlasse, durch die ich gekommen bin, schlägt mit einem Mal der Lärm zu. Ich hatte ihn drinnen im heiligen Bauch vergessen, draußen prescht er sofort wieder an meine Ohren. Ich habe es nicht eilig nach Hause zu kommen und habe Zeit, die Umgebung aufzunehmen, auch wenn sie an mir vorbeirennt und dabei hupt und dröhnt.

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Auf halber Strecke komme ich an zwei Kühen vorbei, denen der Sinn nach Ausruhen steht. Dazu haben sie sich die Mitte einer breiten Straße ausgesucht, die im nachmittäglichen Verkehr von Mopeds, Autos, Minibussen, Lastern, Radfahrern und Motorrädern geflutet ist. Ihnen scheint der Wirbel gar nicht bewusst zu sein, sie haben sich ihren Platz erwählt und haben nicht vor, ihn so schnell wieder aufzugeben. Wie könnten sie ihre Heiligkeit schöner verkörpern.

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Am Abend ist in der Lobby nichts los, die chinesischen Gäste sind wieder abgereist und von draußen plätschert der Regen an die Fenster. Auf meine Frage, wo die anderen wären, meint Dipendra: It is rainig. They are hiding somewhere. Wir schauen uns auf Manoranjan TV einen indischen Film mit Shah Rukh Khan an und ich bekomme Dipendras Lieblingsschauspieler aufgezählt. An der Spitze steht Nikhil Upreti, natürlich, schließlich ist er Nepali.

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Tag 5 Kathmandu//Auf einen süßen Tee bei Affen und Ratten.

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Heute ist Wandertag. Nach dem Frühstück (ich nehme nur schwarzen Tee. Ohne Zucker. Im Blick des Kellners steht Blasphemie) mache ich mich auf den Weg zum Swayambhunat, das liegt westlich vom Thamel und es schaut auf der Karte nicht allzu weit aus. Swayambhu bedeutet aus sich selbst entstanden und die Geschichte dahinter ist, dass einst das Kathmandutal von Wasser gefüllt war und eine Lotusblüte auf die Oberfläche trat. Sie wurde als Zeichen Gottes verehrt, bis später das Tal durch Bodhissattva Manjushri entleert und die Lotusblüte auf den Hügel gepflanzt wurde, wo heute der Tempelkomplex steht. Am Weg hin empfängt mich das vormittägliche Durcheinander, das sich kaum vom Nachmittäglichen unterscheidet. Die Straßenhändler verkaufen ihre Mangos und Ringlotten, die Werkstätten, Schneidereien, Kochstuben an den Straßenrändern haben schon offen, in ihnen sitzen die Fleißigen auf den Böden und arbeiten vor sich hin.

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Wie immer ist es eine Herausforderung, irgendwo hinzufinden, weil Straßennamen zwar existieren, aber in Nepali angeschrieben sind (wenn überhaupt) und weil die Straßen eng und befüllt sind. Man orientiert sich grob an den Zügen der Karte und im Detail an den Geschäften, Heiligenstätten oder Hausecken. Ich komme an die Brücke, die über den Bishnumati führt.

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Der Gestank vom Fluss und seinem Bett ist beklemmend, er ist ein Müllkanal, ein Schlammgott und ich sehe zu, dass ich hinüber komme. Dann geht es bergauf, die gewundene Straße nach oben, bis ich den Swayambhu in der Ferne im Wald thronen sehe, sein goldenes Dach blinkt freundlich. Es dauert seine Zeit bis ich seinen Fuß erreiche, 1400 Meter Höhenlage und das stetige Bergauf plus drückend schwüler Luft machen den Hinweg zu einem feinen Cardiotraining. Ich komme an der Ostseite des Tempels an und die kleinen grauen Ameisenstriche auf meiner Karte entpuppen sich als Stufen. Ich stärke mich mit einem Schluck Wasser und mache mich auf den Weg aufwärts. Nach keinen zehn Schritten hält mich ein junger Mann auf, der sich als Manoj Gomal vorstellt und der nach den üblichen Fragen anbietet, mit mir nach oben zu wandern und mir alles mögliche zu erzählen. Als Kostprobe gibt es ein Ratespiel, das mir sein Wissen präsentiert: Do you know how old Swayambhu Tempel is? 2500 years! Do you know how many steps lead up? 365! One for every day in a year! Die Stufenzahl kann meine Laune nicht drücken und ich versichere ihm, dass ich mit meiner Infomappe gut ausgerüstet bin und starte den Aufstieg. Er ruft mir noch nach, dass ich den Monkeys nicht in die Augen schauen soll, weil sie sonst womöglich angreifen, aber es stellt sich heraus, dass die andere Interessen haben, als sich mit den Besuchern zu streiten.

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Kurz vor dem Ziel wird man zur Kassa gebeten dann taumle ich die letzten, kniehohen Stufen hinauf in die unglaubliche Präsenz der Stupa mit ihren Buddhaaugen und dem Fähnchengeflatter. Meine Beine zittern noch, als ich eine Runde gemacht und die Gebetsmühlen gedreht habe, und sie zittern als ich mich auf den Sockel eines der Schreine setze und über das Kathmandu Tal hinabblicke.

Ein Haufen Chinesen macht Fotos und spielt Musik von ihren Handys, sie sehen verdächtig unverschwitzt aus. Von meinem Feldherrenplatz aus lese ich endlich die Mappe, dort erfahre ich auch vom Westeingang, der per Straße bequem erreicht werden kann (darüber haben die Chinesen natürlich schon vorher Bescheid gewusst).

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Der Swayambhunath ist auf der Liste der UNESO Weltkulturerbe vertreten und 2010 zum 15ten Mal in 2500 Jahren renoviert worden, wozu 20 Kilogramm reines Gold verwendet wurden, das ein hinduistisches Zentrum aus California gestiftet hat. Mein besondere Dank gilt Pratap Malla, der im 17. Jahrhundert die Idee mit den 365 Stufen hatte. Die Tempelanlage gilt sowohl den Buddhisten als auch den Hinduisten als eine der heiligsten Stätten weltweit. Von manchen wird der Ort auch Monkey-Tempel genannt, weil hier die heiligen Rhesusaffen leben, die aus dem Bhodisatta Manjushri entstanden sind. Den Affen wird rotgefärbter Reis geopfert und sie führen zwischen den Hunden und Tauben ein gemütliches Leben, wie es scheint. Ich sehe einem Äffchen zu, das im Opferwasser planscht und dann einkaufen geht, seine Mama sitzt in der Nähe und lutscht an einem Eisstiel, den ihr eine der Verkäuferinnen zugeworfen hat.

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Ich bleibe lange genug, um im Wechselspiel aus schwarzen Wolken und Sonne einen halbseitigen Sonnenbrand zu kassieren und mache mich dann auf den Abstieg. Noch nicht ganz unten holt mich Manoj „Monkeyboy“ Gomal von vorhin ein und fragt, was ich jetzt vorhabe. Ich möchte zum Naturhistorischen Museum und er begleitet mich hin. Am Weg erzählt er mir alles mögliche über den Tempel und darüber, was ich in Kathmandu noch anschauen kann, dann stehen wir vor dem roten Museum, und ich zahle den Eintritt für uns beide. Manoj war schon ein paar Mal hier und er zeigt mir seine Lieblingstiere und fragt jedes Mal, ob es die auch in Österreich gäbe. Es ist das seltsamste Museum und es erinnert mich an das alte Biologiekabinett meiner Schule. Die Exponate stehen in klapprigen Glasvitrinen und sind teilweise so schlecht erhalten, dass man sich nicht sicher sein kann, was das denn für Tiere gewesen waren. Manoj zeigt mir eine Phyton und erklärt, dass er Schlangen nicht leiden könne, dann begeistert er sich für einen Adler, der auf einem Sockel aus Styropor sitzt und die Flügel gespreizt hat. Neben der Käfersammlung und einigen eingestaubten Kräutern und Samen in Plastikdöschen bleibe ich vor einem Elefanten in einem Glas stehen. Er ist so klein wie eine Katze, ein Fötus, aber voll entwickelt, von den kleinen Ohren bis zum Rüssel. Daneben schwimmt ein vierköpfiges Zicklein in Formaldehyd. Wir verlassen das Gruselkabinett und spazieren zurück und Manoj möchte noch einen Tee mit mir trinken gehen. Er schlüpft in den engen Eingang eines Geschäftes und zwängt sich weiter nach hinten, drei Steinstufen hinunter in einen Keller von fünf Quadratmetern.

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Dort stehen zwei schmale Tischchen und  ein Ventilator wirbelt die feuchte Luft. Manoj lässt mir den besten Platz gleich neben dem Eingang und wir bestellen Tee, der direkt hinter den gestapelten Getränkekisten gekocht wird. Oben turnen dicke Ratten durch die Sprite-Flaschen. Ich frage Manoj, was er werden will, wenn er älter ist und er sagt, dass er es nicht wisse, dass er aber Arbeit finden möchte im Ausland. Er hat zwei Geschwister, die bei seinen Eltern außerhalb leben. Er selbst wohnt in der Nähe des Tempels, wo er als Guide arbeitet, aber es wird schnell klar, dass er kein fixes Einkommen hat. Wenn er die 3000 Rupien für die Miete nicht aufbringen kann, muss er sie borgen, das was über bleibt, schickt er seinen Eltern. Seine Schwester ist neun und darf die Schule besuchen, er selbst hat abgebrochen, weil er sich die Gebühren nicht leisten konnte. Sobald er mehr Geld hat, möchte er die Lizenz für das Radfahren machen, dann kann er als Rikschahfahrer arbeiten, aber die kostet 100 Dollar und er ist weit davon entfernt, so viel Geld aufbringen zu können. Trotzdem lacht Manoj, als er von seinen Geschwistern redet und von den vielen Menschen, die er schon am Tempelfuß getroffen hat und mit denen er auf dem selben Tischchen saß und Tee trank. Beim Verabschieden vor der Stube wünsche ich ihm viel Glück und er wünscht mir eine gute Reise.

Zurück geht es schneller, bergab ist es ja doch immer leichter, und in der Stadt sind die Gemüter schläfrig.

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Ich ende den Tag mit einem Spaziergang durch den Thamel und einem visuellen Auskosten der angebotenen Waren. Räucherstäbchenduft hängt im lauen Abend.

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