16/Cat Ba. Tief im Grün.

Cat Ba National Park

In der Früh ist es im Zimmer so kalt wie draußen, das heißt 11 Grad. Der Fließenboden klebt an den nackten Füßen und das Frühstück auf der offenen Terrasse kühlt schneller aus, als man es essen kann, diesmal gibt es Nudelsuppe, die wärmt. Um neun treffen wir uns, um unsere Tour zu starten und werden zu einem eine halbe Stunde entfernten Punkt gebracht, von wo es ins Gelände geht. Es ist kein Pfad, der von der Wiese abzweigt, sondern ein alter Ziegenweg aufwärts, und schnell wird klar, dass es keine Spazierwanderung ist. Karstigen Steine bilden den Untergrund und stehen in unregelmäßigen Abständen. Ihre Oberflächen sind so scharf, dass man sich die Finger aufschürft, wenn man nicht vorsichtig hingreift und nach oben hin werden sie zu Speerspitzen. Immer wieder öffnen sich Höhlen zwischen ihnen, die in das Innere der Berge führen, losgetretene Stein fallen metertief, bevor man ihren Aufschlag hört. Wir arbeiten uns nach oben, zu einem Aussichtspunkt, und wieder nach unten, nach oben, nach unten über die scharfseitigen Steine und über rutschiges Laub.

P1090103 (2)

Kein Schritt kann gedankenlos gesetzt werden, immer muss der nächste Ast, die nächste fingertiefe Steinnische im Blick sein, bevor man das Gleichgewicht verlagern kann. Aus dem Gehen und Suchen wird ein meditativer Akt, das Hirn klingt sich aus und funktioniert nur noch als Navigation zwischen den Yuccapalmen, wildem Ficus und Mangroven, wie Affenhände an den Ästen, nach einem Blick ob es Dornen gibt oder nicht. Nach einiger Zeit passiert dann das, wovor sich jeder fürchtete, einer der Gruppe rutscht aus und stürzt. Es knackt und rauscht, er überschlägt sich und landet mit dem Rücken auf Steinen. Das Geräusch schreckt alle auf und erst als er wieder auf die Beine kommt und versichert, sich nichts gebrochen zu haben, geht es weiter. Er ist ein Arzt aus Chile, später wird sein Knöchel um das doppelte anschwellen und ihm die verbleibende Strecke zusätzlich erschweren.

Mangrove

Sechs Stunden geht es durch das Gelände, bevor die Beine so zerkratzt und sauer sind, dass ich Angst habe, auszurutschen, aber dann kommt die größte Herausforderung, die darin besteht, eine sechs Meter abfallende Wand hinunter zu kommen, ohne auf diejenigen zu fallen, die schon vorausgeklettert sind.

Cat Ba

Die Steine beißen in die Handflächen und schaben über Ellenbogen und Schienbeine, Reiseerinnerungen für später. Als uns der Dschungel wieder auf die Wiese spukt, die plötzlich hinter dem Blättergewirr auftaucht, gibt es ein Hallo in der Gruppe, alle haben es geschafft. Steifbeinig geht es an den Wasserbüffeln vorbei, zurück zur Ausgangsstation.

Cat Ba

Am Abend sitzen wir gemeinsam beim Essen und können nicht aufstehen, ohne mit den Gelenken zu krachen. Den nächsten Tag, so beschließen wird, wird aufs Kletterwandern gepfiffen.

Werbeanzeigen

Tag 19 Grand Canyon – Lake Havasu

Vom Grand Canyon aus geht es weiter nach Süden und die Temperatur steigt wieder über 40°C. Wir fahren die Route 66, die historische Straße, die 1926 eröffnet wurde, und seit der Errichtung des Highway Systems 1985 keine große Rolle mehr spielt. Damals war sie die Verbindung von West nach Ost, 3945 Kilometer ist sie lang. Heute fährt kaum jemand die einspurige Straße entlang, zumindest nicht zwischen dem Grand Canyon und Kingman und die Orte, die das Pech haben, an ihr zu liegen, schrumpfen und sterben dahin.

Seligman ist ein Ort, gleich neben der Autobahnausfahrt 123 in die Route 66 und er lebt davon, dass sich Touristen hier her verirren. Eine einzige Familie betreibt hier den Eissalon und den Souvenirshop, die Garage und wahrscheinlich auch die Tankstelle, und es wird gesammelt, was von damals übrig ist. Alte Autos und Nummerschilder, Tanksäulen und Cola Automaten, Bilder von Elvis, James Dean und Marilyn Monroe lachen aus den Fenstern des ehemaligen Friseursalons, der jetzt gepflastert ist mit Visitenkarten und Geldscheinen aus aller Welt, von all denjenigen, die hier vorbei kamen und Lust hatten, sich zu verewigen.

Der Schwiegersohn der Familie aus Seligman begrüßt uns, als wir in das Souvenirgeschäft kommen und fragt sofort, woher wir sind, dann erzählt er, dass seine Urgroßeltern aus Tirol kamen. Sie hatten sich auf Reisen in Mexiko kennen gelernt.

Weiter gibt es Orte, die Namen haben wie Valentine, und aus drei oder vier Häusern bestehen, dazwischen kommt man aber auch an Gebieten vorbei, die keine Ortstafeln mehr besitzen, Tankstellen aus denen Bäume wachsen und Tanzhäusern mit vernagelten Fenstern.

Am Ende des Abschnittes der Route 66 ist ein anderer Ort, Hackberry, diesmal gibt es überhaupt nur ein Grundstück, auf dem sich alte Autos und Erinnerungen an die 50er und 60er häufen, etwas unheimlich wird es trotz der Hitze und der Sonne, hinter dem Tankstellenhaus, in dem Tshirts verkauft werden und Kleinigkeiten zu essen, denn dort hat sich die Sammelleidenschaft zu einem rostigen Chaos entsponnen, die beiden Häuser haben eingeschlagene Scheiben und in dem Abschnitt, der einmal ein Blumenbeet war, liegen weiße Kuhschädel.

Lake Havasu liegt zwischen Arizona und California, er ist Teil des Colerado Rivers. Die Menschen, die nach Lake Havasu City kommen, oder hier leben, befahren den See mit Speedbooten, es schwimmt kaum jemand, als es Abend wird. Es hat immer noch knapp über vierzig Grad. Der Strand ist gepflegt, mit überdachten, einbetonierten Bänken und Tischen, eigenen Grillplätzen und einem Schwimmbereich, der von Schlingpflanzen befreit wurde. Trotz der hohen Temperatur des Wassers, es hat 28°C, sieht man auch an tieferen Stellen bis zum Grund, wo Muscheln zwischen flachen Steinen liegen. Am Rücken dahin treibend bildet der Himmel ein Oval, das auf einer Seite feurig wird, bis die Sonne untergeht. Am Ufer tauchen Vögel auf, und zierliche Hasen suchen nach Futter.

Tag 17 Moab – Monument Valley

Moab ist eine kleine Stadt, aber sie hat einen Pizza Hut, einen McDonalds und einen Burgerking. An der Hauptstraße werden in touristischen Shops Tshirts und Ansichtskarten verkauft, der Star der Gegend, der Delicate Arch, findet sich auf Taschen, Kappen, Tassen und Shirts.

Die Büsche am Straßenrand färben sich gelb und schließlich gibt es  nur noch wenige, robuste Gräser die aus dem Sand wachsen. Die Sicht ins Land ist weit, erst in größter Entfernung endet der Horizont in blauem Dunst.

Das Monument Valley ist kein Nationalpark, es ist Tribal Land und die Navajo besitzen den gewaltigen Landstrich. Von dem Reichtum und den gepflegten Wegen der Nationalparks ist hier leider wenig zu finden, links und rechts der Straße entlang sind Open Ranches, das heißt, ein laufender Maschendrahtzaun schließt die Straße ein, dahinter stehen magere Kühe, Schafe oder Pferde in der Hitze und ziehen auf der Suche nach Futter durch die Weiten. Die Tiere sind scheu und nicht an Menschen interessiert, trotzdem tauchen sie an manchen Stellen direkt neben der Straße auf, mit Knoten in der Mähne und spitzen Hüftknochen.

Die Häuser der Navajo sind flach gebaut und oft gibt es in der näheren Umgebung Hütten aus Holz oder Lehm, die an alte Zeiten erinnern, gebrochen wird die Idylle dadurch, dass mehrere Trucks um die Häuser stehen, immer auch einige ausrangierte darunter, und dass die eigentlichen Wohnhäuser oft einen heruntergekommenen Eindruck machen.

An den Aussichtspunkten tauchen Navajo auf, führen freundlichen Smalltalk und versuchen dann, selbstgemachte Ketten und Armbänder zu verkaufen, will man nichts, bitten sie um Donation für ein Science Projekt, ein Getränk oder die Familie, dann setzten sie sich wieder in ihre Trucks und warten auf die nächsten.

Vom Visitor Center aus ergibt sich der Blick auf rote Steinriesen, die zusammengekauert dahocken und Namen haben wie Left Glove, Right Glove, Elphant oder Camel. Aus dem Blickwinkel verändert sich ihre Form und sie werden zu buckeligen Alten, lauernden Katzen oder Giraffen. Der Abend kommt und bringt das herrlichste Licht, an der Mauer des Visitor Centers sitzen Touristen wie Schwalben, die Kameras im Anschlag, dazwischen betteln streunende Hunde. Auf die Frage nach einem Trail heißt es, es gibt nur einen, der führt um den Left Glove und dauert in etwa drei Stunden. Und es wäre keine gute Idee, denn nach Einbruch der Dunkelheit kommen die Schlagen. Die restlichen Wege sind nur mit Autos zu erfahren, und die benötigen eine Hight Clearance.

Der Chrysler, der zwar kein Ferrari, aber eben auch kein Jeep ist, schaukelt über die Bodenwellen und stolpert in Straßenlöcher, dann schnauft er in der Abendsonne, während ich Fotos mache, und  die Finger in den roten Sand grabe. Er ist weich, wie Puder und färbt die Handflächen. Mit dem Untergang der Sonne bauen die Najavo ihre Stände ab, zurück bleibt eine Dunkelheit, die alles verschluckt und, über ihr, der beeindruckenste Sternenhimmel.

Tag 16 Bryce Canyon – Moab

Durch den beliebten Bryce Canyon gehen viele Trails, teilweise auch am Pferderücken erkundbar. Wir steigen hinunter, über die Wallstreet, ein in vielen, engen Kurven gewundener Pfad, der so bevölkert ist, dass es an manchen Stellen eng wird. Von unten herauf schnaufen diejenigen, die dachten, der Weg wäre weniger steil, hinunter, noch voll Tatendrang kommen die, die den Marsch in den Queen’s Garden oder zum Sunrise Point vor sich haben. Die meisten Besucher sind Holländer, Japaner, Deutsche und Franzosen, nur hin und wieder hört man tatsächlich Amerikaner reden.

Die Nationalparks waren bisher perfekt gepflegt und auch hier ist es nicht anders. Die Trails sind geschottert und begrenzt, an jedem wichtigen Eck findet sich eine Tafel mit Informationen über die Gegend und der Aufforderung, die Natur zu achten, Wildtiere nicht zu füttern und nicht neben den Weg zu steigen, weil dadurch junge Pflanzen und winzige Biotope zertreten werden könnten, außerdem gibt es an jedem Parkplatz saubere Klos, Trinkbrunnen und Mistkübel. Es ist bei hoher Strafe verboten, Müll wegzuwerfen, etwas in die Steine zu ritzen oder das Wildlife zu gefährden und tatsächlich liegt nichts herum, was nicht hergehört. Nur der rote Sand windet sich durch die Lücken der Schuhe und des Rucksackes und reist mit in den Arches Nationalpark. Hier haben Wind, Wetter und Eruptionen Gebildete geschaffen, die als Brücken und Wackelsteine aus dem Wüstenboden ragen. Im Abendlicht leuchten sie rot und ihre Schatten zaubern Rohrschachtests auf den sandigen Boden.

Tag 13 Las Vegas/Death Valley

Die Teufelstheorie unterstützend befindet sich etwa zwei Stunden von der Stadt entfernt die Hölle. Getarnt als braune Wüstenlandschaft an deren Enden sich zackige Berge wellen. Die Hölle ist ein Nationalpark, Death Valley, und ihre Bewohner sind Schlangen, Skorpione und hin und wieder Weggefährten wie Hasen und zarte Füchslein. Die Straßen, die das Tal durchziehen, sind strikt gerade, so wie die meisten Grenzen hier, und sie verlaufen sich in der Entfernung, trotzdem liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung bei maximal 65 Meilen, eher aber bei 45, das sind etwa 70km/h.

Andere Autos scheint es aber kaum zu geben und der Gedanke an eine mögliche Panne gibt einen Stich im Hinterkopf. Man lobt den Erfinder der Klimaanlage, nachdem man zum ersten Mal ausgestiegen ist. Draußen hat es 48 Grad, Temperatur steigend. In Furnace Creek wurde 1913 die zweithöchste Temperatur der Welt aufegnommen, 56 Grad. Das war am 10 Juli, der Tag unseres Besuches war neun Tage später, 2011. Früher wurde im Death Valley Borax abgebaut, dafür haben Maultiere unendlich schwere Maschinen in die Wüste geschleppt und Minenarbeiter bei diesen Temperaturen Löcher in die Erde geschlagen, die jetzt noch zu sehen sind.

Der Bad-Water-Point liegt 80 Meter unter dem Meeresspiegel, die wenigen Wasserlaken sind so salzig, dass diejenigen, die versuchten, es zu trinken, das Tal frustriert Badwater genannt hatten. Jetzt wandern Besucher über die salzig, sandige Ebene und am Parkplatz hat jemand eine Pizza auf die Motorhaube seines Wagens gelegt, der Käse schmilzt nach wenigen Minuten. Entlang des Artist’s Drive entfalten sich hinter jeder Biegung neue Steinformationen, die einen aus der Kühle des Autos nach draußen treiben, die Kamera in der Hand, den starken Wind als ständigen Begleiter. Er fühlt sich an, als würde jemand in der Sauna mit dem Handtuch fächern.

Steht man auf dem heißen, steinigen Boden und blickt über das Flimmern, das Aussieht wie Wasser, aber nur eine Luftspiegelung ist, hört man kein Geräusch, keinen Vogel und kein Auto, man ist alleine mit dem Atem des Teufels im Genick.

Am späten Abend ist Las Vegas ein heller Fleck in der Dunkelheit rundherum, und der Lichtkegel, der vom Luxor aus in die Nacht geschickt wird, ragt hoch wie der Masten eines Schiffs. Mit dem Licht, kehrt auch der Lärm zurück, die vereinnahmenden Geräusche des Gewinns und des besonderen Angebots, der Shows und Vergnügungen.

Tag 9 Sequoia – L.A./ Santa Monica

Roadworks ahead, ein mit knallroten Fahnen beflaggtes Schild, immer wieder die ganze Strecke. Neun Stunden Fahrt im Auto, das zum Glück nicht mehr der Mercury, sondern ein Chrysler 300 ist, aber die Zeit vergeht nicht. Aus dem Park heraus Verzögerungen, den High- und Freeway entlang Verzögerungen, dann heitert die Küstenstraße und der Morro Beach auf, mit warmen Sand und Surfern, die im Neoprenanzug aussehen wie Robben. Am Holzzaun hängt eine Warnung: Ein Hai wurde gestern gesehen. Möwen graben ihre Schnäbel auf der Suche nach Krabben in die angespülten Algengewächse.

Am Abend dann endlich Santa Monica, Einkaufen im Whole Food Market , wo man für einen Tiegel Yoghurt leicht zwölf Dollar hinlegen kann, später zum notwendigen Füßevertreten auf die Promenade Richtung Strand. Es ist spät und plötzlich kommen mir Harry Potters, Hermiones und Voldemorts entgegen, um das Eck hocken sie in langen Schlangen vor den Kinos, Mitternachtsvorstellung Harry Potter and the Deathly Hallows. Ein Tandem kommt entgegen, darauf ein Pärchen mit Gryffindorschals und am Gepäckträger einen Player, der den Soundtrack von HP spielt. Neben der Eintracht von HogwartsschülerInnen und Todessern grölt aus der Karaokebar La Bamba.

Tag 8 Sequoia Nationalpark

Schon beim Blick aus dem Fenster der Lodge denkt man an Disneyfilme. Streifenhörnchen und Chipmunks spielen auf einem Baumstamm fangen, bunte Vögel stimmen ihre Morgenlieder an und springen im Unterholz Schmetterlingen nach, weiter hinten verschwindet ein Reh im dichten Wald.

Der General Shermann Tree ist nur einer von vielen Giant Sequoia (auch Sierra Redwood wegen der hübschen Färbung des Stammes), aber es ist der Berühmteste. Ein eigener Parkplatz ist schon zu früher Stunde halb voll und der Weg hinunter in den Wald wird bewandert von Menschen in kurzen Hosen, weil die Kühle der Höhe unterschätzt wurde. Man taucht ein in diesen Märchenwald, der Giant Forest ein und fühlt sich wie ein Zwerg zwischen diesen alten Geschöpfen, die hochragen wie Häuser und deren Stämme rötlich in der Sonne schimmern. Der Shermann Tree ist 84 Meter hoch, das heißt, er würde mit seinem Wipfel streifen, würde er unter der Golden Gate Bridge wachsen und er überragte das Californian State Capitol, stände er zwischen den Magnolienbäumen in Sacramento. Sein Stamm hat einen Durchmesser von achtzehn Metern und die Leute, die ihn besuchen, verrenken sich, um alles auf eine Foto zu bekommen. Die anderen Riesen heißen The President oder, als Gruppe The Senat oder The House. Die schlanken Nadelbäume dazwischen sind ebenfalls höher als alles, das jemals am Christkindlmarkt vorm Rathaus aufgestellt wurde.

Die Menschen werden ehrfürchtig und berühren auch die runden Steine, die hingeschmissen scheinen wie Kiesel aus der Tasche eines Riesen mit flachen Händen. Die Wege sind beschildert und aus in Holz gefasstem Beton, es ist also möglich, in den Baumhimmel zu blicken, ohne über Wurzeln zu stolpern. Gewarnt wird wieder vor Bären und davor, Essen herumliegen zu lassen. Am ganzen Weg findet sich nicht eine Zigarettenkippe, nicht ein Kaugummipapier.

Das nächste Ziel, der Moro Rock, ist ein Felsen, der unvermittelt aus der Umgebung sticht. Über vierhundert enge Stufen kommt man den Grad hinauf und wird oben mit einer Ausblick in die Unendlichkeit belohnt, außer der Dunst, der nachmittags aufzieht, mischt sich mit dem Rauch, wie in meinem Fall. Zurück am Parkplatz berichtet eine Mutter, die im Auto geblieben war, ihrer Familie aufgeregt, einen Bären gesehen zu haben, I swear to god, there was a bear! und in mir erwacht der Wildlife-Instinkt. Tatsächlich finde ich nach einigem Minuten des dumpfen Starrens den Braunbären im Unterholz des Hanges, der sich hinter den letzten Autos erhobt und ich rufe meine Entdeckung stolz heraus, woraufhin eine Horde an Schießwütigen mit Fotoapparaten bewaffnet losstürmt und mit den Fingern zeigt. Der Bär nimmt es gelassen, präsentiert sich von links und von rechts, trottet dann wieder von dannen.

Den Märchennamen folgend wandert man an der Crescent Meadow vorbei zur Eagel View, trifft am Weg silberne Squirrels und goldschuppige Eidechsen, die in die Sonne blinzeln. Es ist still hier, stiller als beim Sherman Tree oder am Moro Rock, aber mindestens genau so beeindruckend. Die Luft verwöhnt mit würziger Frische und färbt die Wangen rot.

Am Abend fällt man ins Bett, müde vom Gehen und vom Staunen.

Tag 7 Sacramento – Sequoia National Park

Wall Mart Couple

Besucht man die Märkte eines Landes, eröffnet sich ein Blick in die jeweilige Kultur. In Luxor abseits der Papyrusfabriken, wo Touristen bei gezuckertem Pfefferminztee in zierlichen Gläsern ein wirklich gutes Angebot gemacht wird, finden sich in den engen Gassen mit Leinen überspannte Märkte, die Ausgänge der Nischen links und rechts angefüllt mit Säcken, in denen Gemüse oder Gewürze stecken, aber daneben hängt auch rohes Fleisch an Haken, ungekühlt und ein Mann sitzt davor und scheucht die Fliegen weg. Dazwischen sind Kinder unterwegs mit schmutzigen Füßen und schnellen Augen. Die Gerüche sind intensiver als alles, das man aus Österreich gewöhnt ist. Zumindest war es so vor vierzehn Jahren, bei meinem letzten Besuch.

Hier ist der Markt, der mich bisher am meisten beeindruckte Walt*Mart, dieses Sammelbecken für Sozialstudien. Schon am Eingang fallen neben den Einkaufswägen, die größer sind als die gewohnten, elektronische Caddies auf, die, ist man schlecht zu Fuß, ausborgen werden können. Auf der Suche nach Orangensaft finde ich nur ein Regal mit Kanistern, eine Gallone Orangejuice und die passt nicht einmal in den Kühlschrank vom Hotel. Drei Kühlreihen mit Fertiggerichten aller Art, aller Art, und dann das ganze Zeug, das bei uns einfach nur teuer ist, Oreokeske in Riesenschachteln, fünf zum Preis von drei, sieben Sorten Erdnussbutter oder mehr, und wirklich gutes Obst, Pfirsiche, Erdbeeren aus Kalifornien und Ringlotten die süß duften. Auf der Suche nach einer Schüssel (ich gebe hier zu, ein Schüsselmensch zu sein, das heißt, ich esse so gut wie jedes Gericht am Tag aus meiner Lieblingsschüssel) finde ich in den Tiefen des Walmarts Kloschüsseln, Angelruten, Tshirts und Akkubohrer.

An der Kassa fragt uns die Verkäuferin, ob wir aus Deutschland wären und erzählt, dass ihr Großvater aus Deutschland gekommen wäre, die Frau, die hinter uns angestellt ist, hört zu und lächelt.

Wall Mart Unbeatable

Am Weg zum Sequioa Nationalpark ändert sich die Vegetation beinahe stündlich. Am Mittelstreifen des Freeways blüht weißer Oleander, die Häuser im Landesinneren werden flacher und bekommen Vorgärten, in denen alte Trucks geparkt sind, ohne Nummerntafeln, neben ihnen grasen gescheckte Pferde. In der Entfernung erheben sich Berge, links und rechts wachsen goldene Hügel und der Wind riecht blass und warm. Vor den Apfelbaumplantagen werden Erdbeeren verkauft, die Berge wachsen und werden grün, felsig. Kleine Wasserfälle brechen aus ihnen und stürzten zwischen den Sugar Pines und den White Firs hinab. Wir schrauben uns hinauf, aus der wüstigen Gegend der Serra Nevada in den Nationalpark, für den Eintritt gezahlt werden muss. Die Felsen und festen Sträucher erinnern an Österreich und auch die aufragenden Berghänge. Die Luft ist klar und riecht nach dem heißen Holz in neuen Saunas, dann trübt sich der Himmel und weißer Rauch verdeckt die Aussicht. An einem der vielen Wendepunkten steht eine Rangerin und erklärt geduldig den Fragenden, woher der Rauch käme. Hier wird der Wald verbrannt, ein sogenanntes kontrolliertes Feuer, das gelegt wird und das für vier Tage brennt. Die Fläche, die in Flammen aufgeht beträgt 600 mal 200 Acres, und, sie erklärt, das Feuer bringt neues Leben und hilft, den Wald, der krank oder schon abgestorben ist, zu reinigen. Ich bin als grundsätzliche Feindin von Zerstörung skeptisch und denke an die Tiere, die bei so einem Brand drauf gehen, aber sie meint, dass das Feuer langsam brenne und dass rund um das Feuer Ranger und Feuerwehrmänner postiert wären, die aufpassen, dass die Funken nicht überspringen. Dieser Teil hatte seit vierzig Jahren nicht mehr gebrannt und ein Hubschrauber von Discovery Channel kreist über dem Rauch, um zu filmen.

Im ganzen Park, werde ich später feststellen, sind die Stämme der Bäume geschwärzt, dazwischen wachsen hellgrünes Farn und Blumen jeder Art.