Vienna City Marathon im Vorfeld

Zwei Tage vor dem großen Tag findet traditionell die VCM Messe statt – diesmal wie in den letzten Jahren im Messezentrum das sich wunderbar in das Bild der neuen, gläsernen Paläste fügt, die an den Rand des Praters gedrängt wurden. Jeder, der laufen will und sich angemeldet hat, muss hierher pilgern, um an seine Startnummer zu kommen und dieses Jahr wurde die 36.000 geknackt. Ausgeschrieben: Sechsunddreißigtausend, die ihre Nummern einsammeln, aus aller Welt, Wissende und Unwissende mit vielen Fragen zu allem möglichen Themen und die meisten in fiebriger Vorfreude auf Sonntag. Und die, die sich verletzt haben, lassen sich im ansässigen Medial Center ein Attest ausstellen, machen traurige Gesichter zwischen den anderen, die mit dem blauen Garderobesack über die Schulter stolz durch die Ausstellerstände schlendern, sich neue Schuhe, T-Shirts, Energieriegel oder ein Souvenir zulegen und über lächelnd über die körperlichen Probleme reden, die sie alle quälen.

Um 10:00 geht es los, es erklingt die Fanfare des VCM, alle sind in Position, am letzten Stand wird noch schnell gesaugt, dann fliegen die Läufer und Läuferinnen ein, sparen sich nichts ihrer Energie für den großen Lauf und überholen sich noch auf den letzten Metern, um als erste an der Ausgabe zu stehen, das Adrenalin ist hoch.

Hinter der Startnummernausgabe in Reihen: Die heiligen Kühe. Die Startnummern, in strenger Ordnung und gut verpackt. Fehlt eine ist unter denen, die sie ausgeben müssen, die Unruhe losgelassen. Aber das passiert selten. Und wenn, findet sich Ersatz.

Hinter den variablen Trennwänden der Messe verbergen sich Kisten, die über die beiden Tage hin mit Eigenverpflegung gefüllt werden, also mit allem, das für den persönlichen Bedarf am Lauftag abgegeben wurde. Um es wieder zu erkennen, wird gebastelt. Luftballons, Schleifen, Fähnchen. Besonders hübsch, ein Bild der Familie mit anfeuernden Sprüchen über die Flasche geklebt.

Um 18:00 dann, das Ende. Einige Stände waren schon früher leer geräumt, sie haben eingepackt, die restlichen, nicht abgeholten Startnummern werden geschlichtet und mit dem Material, das in der letzten Ecke der Messe, dem Übergangsbüro der Organisation, gebraucht wurde, in Kisten geräumt. Es ist leise geworden in der Halle. Die Ruhe vor dem Sturm.

Die wilden Freuden am Berg

Es ist ein altes Klischee, dass junge Österreicher und Österreicherinnen auf die Ski geschnallt werden, sobald sie alleine stehen können und es trifft schon lange nicht mehr zu. Diejenigen, die ihre Kinder zwischen Knie und Stecken klemmen und den Hang hinunter rutschen werden weniger, was aber nicht heißt, dass die Skischulen nicht noch immer ihr Geld mit Zwergen verdienen, die aus Helm und großen Schuhen zu bestehen scheinen. Und als Kind war alles anstrengend. Der Skianzug, in dem man steckte und sich nicht ordentlich bewegen konnte, die sperrigen Ski, die immer verrutschten, wollte man sie tragen, die Schuhe, die eng waren und zwickten, die Kälte, die Sonne, das Rauf und Runter, das Hop und Bogerl. Die Lust am Schnee ist erst später gekommen und dann richtig. Ein Problem am Skifahren scheint unvergänglich mit dem kindlichen Abquälen verbunden – lernt man das Fahren nicht schon im kleinen Alter, wo Menisken und Kreuzbänder unmenschlichen Belastungen gewachsen zu sein scheinen, dann wird es später eine Herausforderung, die sich nur wenige antun.

Einmal erlernt bleibt die Technik auf wundersame Weise im Hirn gespeichert und entfaltet sich jedes Jahr zur selben Zeit aufs Neue, im Februar oder März, wenn auch endlich die gefürchteten Wiener den Semmering verlassen und im Land einfallen, um den Lokalen zu zeigen, wie gut sie auf den Skiern sind.

Gastein eignet sich hierfür bestens, eine Erfahrung, die sich über Jahrzehnte hin bestätigt hat. Das Gebiet ist reich an bestens präparierten Pisten und Möglichkeiten, auch neben dem Schneezauber seine Zeit zu vertreiben. Was dazu gehört, kommt schnell in Erinnerung, sobald man das erste Mal aus dem Auto am Parkplatz im Angertal steigt. Die knieweiche Haltung der Skischuhtragenden, die Rutschpartie am Klo und die verwirrende Erkenntnis, tatsächlich vier Schichten auch wieder anziehen zu müssen, ein Portemonnaie, das mit jedem Tag an der Kassa erheblich erschlankt, das Tragen der Ski auf der Schulter und die damit verbundenen Rostflecken, sollten die Skier über den Winter in einer feuchten Ecke im Keller vor sich hingeschimmel haben, oder den zerschnittenen Handschuhen, sollte das Service zu ambitioniert ausgefallen sein. Das erste Anstellen beim Lift oder der Gondel, die verschlagenen Ohren beim Hinauffahren, der erste Wind beim Aussteigen und dann das Anschnallen und ausprobieren der Einstellungen, die ersten Bögen die man nimmt wie ein Anfänger und das wachsende Selbstbewusstsein bis zum ersten Verschneiden. Und zu Mittag die Kantinen mit ihren Germknödel, Pommes, Erbsensuppen und Cola Flaschen. Sonnencremeduft auf der Terrasse, Menschen die in ihrer ruckigen Skischuhgangart Tabletts mit heillos überteuerten Bier balancieren und welchen, die sich in der Sonne ihres Anoraks entledigt haben und die weißen Eulenaugen unter der Skibrille in die Höhensonne halten (um am Abend über den Sonnenbrand auf der Nase zu klagen) Das Rauf und Runter im Schnee, der Spaß am engen Wedeln oder den ausgedehnten, flotten Bögen zwischen Tannenbäumen und, weiter oben, aufragenden Felsen, die von den bunten Skifahrern weiß Gott was halten. Erschöpf und voll der guten Luft kommt man nach vier am Parkplatz an, schält sich aus den Schuhen und betastet die schmerzenden Oberschenkel, freut sich aber schon auf den nächsten Tag. Die Luft hier herunten scheint schlagartig verdickt zu sein von den Abgasen der paar Autos, aber noch schlimmer wird es, wenn man eine Woche später wieder in Wien ankommt. Bis dahin ist aber noch Zeit. Und am Abend erfährt die Vorfreude auf den kulinarischen Höhepunkt der genussvollen Kohlenhydratverwertung endlich Befriedigung: Salzburger Nockerl die plötzlich sorgfältig vergrabene Assoziationen wecken. Süß wie die Liebe und zart wie ein Kuss.

Die kaiserliche Geisterstadt

Bad Gastein Pongau

Zugegeben, Geisterstadt ist eine Übertreibung, wenn auch eine schwache. Nicht zu vergleichen mit den seit Jahren verlassenen Häuschen und Tankstellen entlang der Route 66, aber immerhin leer genug, um seit Jahren einen bitteren Unmut zu schüren. Bad Gastein liegt in den Fuß des Graukogels gefräst, herausgewachsen aus der steilen Umgebung und dabei nicht zurückhaltend. Zumindest damals, als die Perlen an der Felswand zu gedeihen anfingen, so das Grand Hotel de L’Europe in 1909, oder über hundert Jahre früher, das Badeschloss. Luxusgebäude in Ausmaßen, die der damaligen Monarchie zur Ehre gereichten und dementsprechend Anlaufstelle für die Elite des Landes. Spaziert man heute durch Bad Gastein bleibt ein seltsamer Eindruck zurück. Hinter Baugittern sterben die alten Nobelanwesen vor sich hin, zumindest die vier, die vor einigen Jahren vom Wiener Franz Duval gekauft wurden, ein Spekulationsgeschäft, das der Gemeinde einen kurzen Segen bescherte. Duval kaufte und, was an sich sein gutes Recht ist, wartet darauf, wieder verkaufen zu können, nur schabt die Zeit an den Fassaden, den Dachrinnen und den Fensterstöcken der Gebäude, die seit Jahren leer stehen. Das Hotel Straubinger, das Badeschloss, das Haus Austria und das Kongresshaus haben ihren alten Glanz eingebüßt (sofern sie ihn je hatten mögen einige im Bezug auf den Kongress anfügen), im Hotel Europa ist das Casino beheimatet, aber das füllt noch lange nicht dieses Schloss von einem Hotel. Der Stillstand ist eingezogen in die Häuser, die unter Denkmalschutz stehen und es ist schade darum. Aus der Felswand bricht der Wasserfall, der mit seiner penetranten Feuchtigkeit die Gebäude berührt und weiter oben erwacht endlich das Leben der Gemeinde. Dort, neben der Felsentherme und dem Bahnhof, züngelt die Skipiste herein, ein Grund, warum sich Ausdauernde mit knirschenden Skischuhen das Bergauf und Bergab des Stadtzentrums antun und unter ihren Anoraks schwitzen, wenn sie mit den Skiern auf der Schulter nach oben wandern. Das Zentrum interessiert wenige und wird hin und wieder von einer Red Bull Veranstaltung aus dem Dornröschenschlaf gerissen, dann sinkt es wieder zurück hinter die halbherzigen Bauzäune und die heruntergelassenen Jalousien.

Kämpfende Pferde im Silberbesteck

kämpfende Pferde im Silberbesteck

Was sind Flohmärkte anderes, das poröse Destillat vergangener Jahre? Das, was sich gehalten hat in seinen Verstecken, in Kisten auf Dachböden oder in Kellerabteilen, vielleicht sogar an prominenteren Stellen; in Regalen der alten Generationen, über Jahre hinweg unverändert und schon nicht mehr gesehen. Das, was nie aus der Hand gegeben wurde, obwohl einiges dafür gesprochen hätte. Und vielleicht sogar das, was wieder aus Mistkübeln gefischt wurde, von jemanden der den Glauben an das Objekt noch nicht aufgegeben hat oder zumindest einen kleinen Wert darin aufblitzen sah.

Jeden Samstag wird der ansonst leere Platz zwischen Kettenbrückengasse und Naschmarkt überschwemmt von dem, was die vergangene Zeit überdauert hat und von denjenigen, die Interesse daran haben. Um Sechs ist Schluss. Einige Händler beginnen schon vorher, ihr Hab und Gut wieder in Kartons zu räumen, mehr oder weniger liebevoll. Sie haben kalte Finger vom Wind und vielleicht die Taschen voll Kleingeld.

Leute kommen, kramen in ihren Waren und suchen eine davon heraus, ein Bild, ein Ringlein, eine Silbergabel, dann fragen sie, was es koste. Die Händler überlegen kurz und sagen entweder mit vorgeschobenem Kinn den Preis, dann haben sie entweder kein Vertrauen darin, dass die Person tatsächlich zahlen wird, oder keinen Willen, zu handeln, oder sie neigen den Kopf ein wenig und nennen den Preis, als sei er ein leiser Zuspruch, ein besonderes Angebot an den oder diejenige.

Das Gedränge ist groß. Einige tragen ihre sperrigen oder unauffälligen Errungenschaften davon wie erfolgreiche Schatzsucher, andere lassen sich durch die Reihen schieben, die Hände am Rücken und lächeln oder schütteln die Köpfe über das, was sie entdeckten.

Puppenmama

Die Spannweite der Ware ist so ausufernd, wie ihre Geschichte. Neben Pelzmänteln und ihren Motten reihen sich alte Instrumente, Bücher mit zerlesenen Seiten, römische Fundstücke aus den Feldern, Puppen,

 Porzellanfiguren und Modeschmuckketten, Hirschgeweihe und Weltspartagsgeschenke, Lillienporzellan und Schuhe, die die Form der Füße ihrer Träger angenommen haben.

Franz Josef und Elisabeth gehörnt

Am Boden hinter den mächtigen, wurmzerstochenen Hörnern eines Rinds, stehen die Büsten von Kaiser Franz-Josef und Elisabeth, gleich darüber, in einer Schachtel, liegt das Bild einer Hochzeit aus den Sechzigern.

Hochzeit und Herr Pallenberg

Das Persönlichste wird zum Futtermittel für Neugierige und Menschen, die sich plötzlich verbunden fühlen mit der fremden Heimeligkeit. Gegen acht Uhr ist von dem Flohmarkt und seinem Treiben nicht mehr viel über. Das Ungewollteste blieb zurück, Bücher, die zu schwer waren und gleichzeitig zu wertlos, um sie noch einmal in das Auto zu packen und ein paar Kleiderfetzen. Auch das wird jemand mitnehmen, ein weiterer Schatzsucher in Wien.

Weihnachts-märkte in Wien

Mit dem ersten November beginnen die Holzhütten aus dem Boden zu wachsen, ungeordnet zuerst und unförmig wie zufällig abgeladenes Sperrholz. Schon nach wenigen Tagen aber wird aus ihnen eine Formation, kreisrund oder in sich geschachtelt und mehr noch, sie werden gebeizt, gestrichen und sie wachsen nach außen hin. An ihre Augen kommen Brauen aus Tannenzweigen und Lichterketten und kurz vor dem. 16 November füllt sich ihr Inneres. Eng drängt sich in ihnen Tand jeder Art, Zierrat, Bienenwachskerzen, gläserne Kugeln und sie alle funkeln um die Wette und die Hütten beschützen sie mit dem Wissen, etwas Kostbares zu enthalten. Zwischen den angehäuften Schätzen stehen Menschen mit Hauben und kalten Fingern, mit eingezogenen Hälsen und dicken Schuhen. Am Nachmittag, wenn es dunkel wird, leuchtet es gelb aus den Hütten und die Menschen, die draußen vorbeiziehen, werden mehr. Sie stoßen aneinander und bleiben vor den weit geöffneten Fenstern stehen, oder treiben weiter. Aus einigen Hütten dringt der Geruch frischer Krapfen und das süße Aroma von Punsch. Diese Hütten sind größer und ihr Holz klebt von Staubzucker und Langosfett. Sie haben es heiß in ihrem Inneren und in ihren Bäuchen rumoren Menschen bist spät in den Abend. Die kleineren Hütten sehen abfällig, aber auch ein wenig neidisch auf ihre großen, lebendigen Schwestern.

Und über alle Hütten wachen, still und ehern die Alten. Sie umfassen die Holzhütten wie Glucken ihre Kücken, und von Jahr zu Jahr vergessen sie die Kleinen, bis sie um die Weihnachtszeit wieder entstehen.

Maria Theresia lächelt auf sie herab, ihre Kinder. In ihrer Sorge darum, ob auch nichts zu Bruch gehe, denkt sie nicht an die beiden Großväter, die links und rechts den Markt flankieren. Deren Gesichter sind grau, aber ohne Zweifel aristokratisch. Die Aufregung in ihrer Mitte ist ihnen ein Wimpernschlag im Ablauf des Jahres, und trotzdem scheinen sie es zu genießen.

Nur ein Stück weiter sind die breitesten Hütten und die buntesten Bäume. Wenn es dunkel wird, wird es hier hell. Und hinter dem Markt ragt das Rathaus stolz auf. Es leuchtet mit seinen Kindern, dieses seltsame Märchenschloss, und blickt mit Leichtigkeit über die enorme Tanne vor sich.

Anders die Kirche am Karlsplatz. Die Hütten, die sich vor sich scharen, sind klein, und in dem Teich, der sonst ihr feines Antlitz spiegelt, ist eine Krippe gewandert, mit Schafen und Mangalitzerschweinen, Stroh hat sich ausgebreitet, in dessen Feuchte sich Kinder graben. Wie eine weiße Qualle sitzt die Kirche über allem und fluoresziert in die Nacht. Man sieht ihr nicht an, was sie von allem hält, aber ihre Schönheit erhebt sich wie immer über den nächtlichen Platz und lässt den kleinen Hütten nur bange Bewunderung.

Die Tanne ist fast zu mächtig für das Schloss. Es duckt sich dahinter, aber es ist gutmütig und freut sich an dem Baum und an den grünen Hütten, die es in seinem gewaltigen Innenhof versammelt hat. Und all die Menschen, die sich nicht entscheiden können, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, den Hütten mit ihren bunten, duftenden Heiligtümern, oder dem Schloss, durch dessen Fenster man einen Blick auf die Kronleuchter und den Stuck der Decke erhaschen kann.

Graue Tage

Der November schläft und spannt seine Flügel über das goldene Oktoberleben. Mit ihm nähert sich Dunkelheit und die müde Gleichgültigkeit des Lichts. Morgens kommt es kaum durch die feuchte Luft, am Nachmittag vergeht es so schnell, dass man sich fragt, ob es überhaupt je da war. Nur selten bricht die Sonne durch, dann wird aus der Trübnis ein greller Nebel, der uns die Augen zusammen kneifen lässt, wenn er plötzlich zwischen Häuserschluchten steht. Im Wasser wartet schon der Dezember.

Am Ufer streicht er über das Gras und lässt Raureif zurück. Die Möwen halten mit froststarren Beinen nach Fischchen Ausschau, oder zumindest nach Menschen, die kommen, um altes Brot in die Luft zu werfen. Dann stoßen sie los, schreien mit spitzen Zungen und rufen die anderen, die Tauben und die Krähen. In der Kälte sind sie Brüder und Schwestern. Ziehen sich die Menschen von der Brücke zurück, weil sie kein Brot, dafür aber kalte Finger haben, senkt sich Ruhe auf die Vögel. Sie zerstreuen sich und beginnen wieder zu warten.