Tag 10 L.A. Knott’s Berry Farm

Ein Tag Kontrastprogramm zum Sequioa Nationalpark, nämlich Knott’s Berry Farm bei Anaheim, ein Nachtbar vom Disneyland. Hier regiert der Wilde Westen und im ganzen Park sind alte Damen angestellt, richtige Omas mit weißen Haarknoten, in gerüschten Kleidern, so auch an der Kassa. Als ich ihr meinen Ausweis zeige, beginnt sie mit mir Deutsch zu sprechen, ihre Eltern waren unter dem Kaiser ausgewandert.

Der Park selbst  ist riesig, mit mehr Attraktionen als man an einem Tag ausprobieren könnte und wir stürzen uns auf den Ghostrider, den Silbershot und die Mystery Lodge, die Anstellzeiten zwischen den Jugendlichen, die oft die gleichen Tshirts tragen, weil sie von einem Pre-Collage Programm kommen, einem Sportclub oder einer Highschool sind erträglich, aber die Sonne heizt auf die Wartenden und macht rote Nasenrücken und Rändern entlang des Ausschnitts.

Auffallend ist die Zahl derjenigen, die zu viel auf den Rippen haben und in Elektrowagen fahren, weil sie zu Fuß nicht weit kommen, ihre Familien begleitend, für die Attraktionen sind sie zu schwer.

Der Excelerator, eines der Herzstücke des Parks, beschleunigt in zwei Sekunden auf über hundert Stundenkilometer und schießt die Insassen geradewegs in den Himmel, nur um sie dann im freien Fall nach unten zu schicken. Das aufgeregte Geschrei der Mutigen ist weit zu hören.

Tag 9 Sequoia – L.A./ Santa Monica

Roadworks ahead, ein mit knallroten Fahnen beflaggtes Schild, immer wieder die ganze Strecke. Neun Stunden Fahrt im Auto, das zum Glück nicht mehr der Mercury, sondern ein Chrysler 300 ist, aber die Zeit vergeht nicht. Aus dem Park heraus Verzögerungen, den High- und Freeway entlang Verzögerungen, dann heitert die Küstenstraße und der Morro Beach auf, mit warmen Sand und Surfern, die im Neoprenanzug aussehen wie Robben. Am Holzzaun hängt eine Warnung: Ein Hai wurde gestern gesehen. Möwen graben ihre Schnäbel auf der Suche nach Krabben in die angespülten Algengewächse.

Am Abend dann endlich Santa Monica, Einkaufen im Whole Food Market , wo man für einen Tiegel Yoghurt leicht zwölf Dollar hinlegen kann, später zum notwendigen Füßevertreten auf die Promenade Richtung Strand. Es ist spät und plötzlich kommen mir Harry Potters, Hermiones und Voldemorts entgegen, um das Eck hocken sie in langen Schlangen vor den Kinos, Mitternachtsvorstellung Harry Potter and the Deathly Hallows. Ein Tandem kommt entgegen, darauf ein Pärchen mit Gryffindorschals und am Gepäckträger einen Player, der den Soundtrack von HP spielt. Neben der Eintracht von HogwartsschülerInnen und Todessern grölt aus der Karaokebar La Bamba.

Tag 8 Sequoia Nationalpark

Schon beim Blick aus dem Fenster der Lodge denkt man an Disneyfilme. Streifenhörnchen und Chipmunks spielen auf einem Baumstamm fangen, bunte Vögel stimmen ihre Morgenlieder an und springen im Unterholz Schmetterlingen nach, weiter hinten verschwindet ein Reh im dichten Wald.

Der General Shermann Tree ist nur einer von vielen Giant Sequoia (auch Sierra Redwood wegen der hübschen Färbung des Stammes), aber es ist der Berühmteste. Ein eigener Parkplatz ist schon zu früher Stunde halb voll und der Weg hinunter in den Wald wird bewandert von Menschen in kurzen Hosen, weil die Kühle der Höhe unterschätzt wurde. Man taucht ein in diesen Märchenwald, der Giant Forest ein und fühlt sich wie ein Zwerg zwischen diesen alten Geschöpfen, die hochragen wie Häuser und deren Stämme rötlich in der Sonne schimmern. Der Shermann Tree ist 84 Meter hoch, das heißt, er würde mit seinem Wipfel streifen, würde er unter der Golden Gate Bridge wachsen und er überragte das Californian State Capitol, stände er zwischen den Magnolienbäumen in Sacramento. Sein Stamm hat einen Durchmesser von achtzehn Metern und die Leute, die ihn besuchen, verrenken sich, um alles auf eine Foto zu bekommen. Die anderen Riesen heißen The President oder, als Gruppe The Senat oder The House. Die schlanken Nadelbäume dazwischen sind ebenfalls höher als alles, das jemals am Christkindlmarkt vorm Rathaus aufgestellt wurde.

Die Menschen werden ehrfürchtig und berühren auch die runden Steine, die hingeschmissen scheinen wie Kiesel aus der Tasche eines Riesen mit flachen Händen. Die Wege sind beschildert und aus in Holz gefasstem Beton, es ist also möglich, in den Baumhimmel zu blicken, ohne über Wurzeln zu stolpern. Gewarnt wird wieder vor Bären und davor, Essen herumliegen zu lassen. Am ganzen Weg findet sich nicht eine Zigarettenkippe, nicht ein Kaugummipapier.

Das nächste Ziel, der Moro Rock, ist ein Felsen, der unvermittelt aus der Umgebung sticht. Über vierhundert enge Stufen kommt man den Grad hinauf und wird oben mit einer Ausblick in die Unendlichkeit belohnt, außer der Dunst, der nachmittags aufzieht, mischt sich mit dem Rauch, wie in meinem Fall. Zurück am Parkplatz berichtet eine Mutter, die im Auto geblieben war, ihrer Familie aufgeregt, einen Bären gesehen zu haben, I swear to god, there was a bear! und in mir erwacht der Wildlife-Instinkt. Tatsächlich finde ich nach einigem Minuten des dumpfen Starrens den Braunbären im Unterholz des Hanges, der sich hinter den letzten Autos erhobt und ich rufe meine Entdeckung stolz heraus, woraufhin eine Horde an Schießwütigen mit Fotoapparaten bewaffnet losstürmt und mit den Fingern zeigt. Der Bär nimmt es gelassen, präsentiert sich von links und von rechts, trottet dann wieder von dannen.

Den Märchennamen folgend wandert man an der Crescent Meadow vorbei zur Eagel View, trifft am Weg silberne Squirrels und goldschuppige Eidechsen, die in die Sonne blinzeln. Es ist still hier, stiller als beim Sherman Tree oder am Moro Rock, aber mindestens genau so beeindruckend. Die Luft verwöhnt mit würziger Frische und färbt die Wangen rot.

Am Abend fällt man ins Bett, müde vom Gehen und vom Staunen.

Tag 7 Sacramento – Sequoia National Park

Wall Mart Couple

Besucht man die Märkte eines Landes, eröffnet sich ein Blick in die jeweilige Kultur. In Luxor abseits der Papyrusfabriken, wo Touristen bei gezuckertem Pfefferminztee in zierlichen Gläsern ein wirklich gutes Angebot gemacht wird, finden sich in den engen Gassen mit Leinen überspannte Märkte, die Ausgänge der Nischen links und rechts angefüllt mit Säcken, in denen Gemüse oder Gewürze stecken, aber daneben hängt auch rohes Fleisch an Haken, ungekühlt und ein Mann sitzt davor und scheucht die Fliegen weg. Dazwischen sind Kinder unterwegs mit schmutzigen Füßen und schnellen Augen. Die Gerüche sind intensiver als alles, das man aus Österreich gewöhnt ist. Zumindest war es so vor vierzehn Jahren, bei meinem letzten Besuch.

Hier ist der Markt, der mich bisher am meisten beeindruckte Walt*Mart, dieses Sammelbecken für Sozialstudien. Schon am Eingang fallen neben den Einkaufswägen, die größer sind als die gewohnten, elektronische Caddies auf, die, ist man schlecht zu Fuß, ausborgen werden können. Auf der Suche nach Orangensaft finde ich nur ein Regal mit Kanistern, eine Gallone Orangejuice und die passt nicht einmal in den Kühlschrank vom Hotel. Drei Kühlreihen mit Fertiggerichten aller Art, aller Art, und dann das ganze Zeug, das bei uns einfach nur teuer ist, Oreokeske in Riesenschachteln, fünf zum Preis von drei, sieben Sorten Erdnussbutter oder mehr, und wirklich gutes Obst, Pfirsiche, Erdbeeren aus Kalifornien und Ringlotten die süß duften. Auf der Suche nach einer Schüssel (ich gebe hier zu, ein Schüsselmensch zu sein, das heißt, ich esse so gut wie jedes Gericht am Tag aus meiner Lieblingsschüssel) finde ich in den Tiefen des Walmarts Kloschüsseln, Angelruten, Tshirts und Akkubohrer.

An der Kassa fragt uns die Verkäuferin, ob wir aus Deutschland wären und erzählt, dass ihr Großvater aus Deutschland gekommen wäre, die Frau, die hinter uns angestellt ist, hört zu und lächelt.

Wall Mart Unbeatable

Am Weg zum Sequioa Nationalpark ändert sich die Vegetation beinahe stündlich. Am Mittelstreifen des Freeways blüht weißer Oleander, die Häuser im Landesinneren werden flacher und bekommen Vorgärten, in denen alte Trucks geparkt sind, ohne Nummerntafeln, neben ihnen grasen gescheckte Pferde. In der Entfernung erheben sich Berge, links und rechts wachsen goldene Hügel und der Wind riecht blass und warm. Vor den Apfelbaumplantagen werden Erdbeeren verkauft, die Berge wachsen und werden grün, felsig. Kleine Wasserfälle brechen aus ihnen und stürzten zwischen den Sugar Pines und den White Firs hinab. Wir schrauben uns hinauf, aus der wüstigen Gegend der Serra Nevada in den Nationalpark, für den Eintritt gezahlt werden muss. Die Felsen und festen Sträucher erinnern an Österreich und auch die aufragenden Berghänge. Die Luft ist klar und riecht nach dem heißen Holz in neuen Saunas, dann trübt sich der Himmel und weißer Rauch verdeckt die Aussicht. An einem der vielen Wendepunkten steht eine Rangerin und erklärt geduldig den Fragenden, woher der Rauch käme. Hier wird der Wald verbrannt, ein sogenanntes kontrolliertes Feuer, das gelegt wird und das für vier Tage brennt. Die Fläche, die in Flammen aufgeht beträgt 600 mal 200 Acres, und, sie erklärt, das Feuer bringt neues Leben und hilft, den Wald, der krank oder schon abgestorben ist, zu reinigen. Ich bin als grundsätzliche Feindin von Zerstörung skeptisch und denke an die Tiere, die bei so einem Brand drauf gehen, aber sie meint, dass das Feuer langsam brenne und dass rund um das Feuer Ranger und Feuerwehrmänner postiert wären, die aufpassen, dass die Funken nicht überspringen. Dieser Teil hatte seit vierzig Jahren nicht mehr gebrannt und ein Hubschrauber von Discovery Channel kreist über dem Rauch, um zu filmen.

Im ganzen Park, werde ich später feststellen, sind die Stämme der Bäume geschwärzt, dazwischen wachsen hellgrünes Farn und Blumen jeder Art.

Tag 6 Sacramento Wettkampf

Wieder im Stadion beginnt der Wettkampf der Hammerwerfer in der Altersgruppe 50. Die Amerikanischen Zuschauer haben ihre Fischerstühle mitgebracht und reden über die Athleten und die Ergebnisse, die Sportler selbst wissen, dass es jetzt ernst wird und gehen individuell damit um. Einige ziehen sich zurück, andere drehen noch die Arme wie Windmühlen und hüpfen am Stand, um sich aufzuwärmen.

Der Wettkampf selbst dauert in etwa eine Stunde. Von den zehn Athleten, die gekommen sind, scheiden zwei nach den ersten drei Versuchen aus, die letzten Acht treten in gestürzter Reihenfolge an. Von der Tribüne des benachbarten Baseballstadiums herunter feuert eine Frau ihren Mann an Come on Honey!, was der Kampfrichter gegen Ende des Bewerbs zum Anlass nimmt, den Athleten schmunzelnd mit Honey, your next, aufzurufen. Der Vater ist mit dem schlechtesten Wurf noch vor dem Zweitplatzierten und gewinnt schließlich mit sechseinhalb Metern Abstand zu dem Amerikaner, der Silber bekommt. Die Zuschauer freuen sich über jeden guten Wurf und zeigen sich sehr sportlich, als der Wettkampf vorbei ist, fragen uns, woher wir wären, und lassen sich bestätigen, dass der Weg weit war, dann sagen sie welcome to California und have a beautiful trip!

Bei der Siegerehrung zeigt sich wieder einmal wie langatmig die Österreichische Hymne ist, aber sie wird tapfer bis zum Ende abgespielt, nach der Amerikanischen und der Russischen ein kleiner Einbruch an Feierlichkeit.

Am Abend treffen sich die Athleten beim Mexikaner im Old Town und wir reden über den Sport und über die Unterschiede in den Länder, die Kalifornier lernen von den Dänen, dass man in Dänemark wohl Langlaufen, aber nicht ordentlich Skifahren gehen kann und die Texaner erzählen, dass starke Stürme immer wieder ihre Vorgärten verwüsten.

Wir stellen fest, dass von den Amerikanern tatsächlich jeder mindestens zwei Großelternteile aus Europa hat und lachen über die Wortfetzen Deutsch, Italienisch oder Polnisch, die sie sich aus ihrer Kindheit gemerkt haben. Dann, später kommen die Geschichten über die Erlebnisse am Sportplatz und die jung gebliebene Juliet, die Frau des Diskuswerfers Ted, erzählt, dass sie dabei war, wie ein alter Mann am Sportplatz von einem Diskus getroffen wurde und zwei Tage später daran verstarb und Per, der Däne sagt, dass er selbst einen Diskurs an die Stirne bekommen hat, vor Jahren, und dass der Metallrahmen, nicht aber sein Schädel gebrochen war, und der andere Däne sagt, während er Avocadopürree in seinen Burrito streicht, dass er gesehen hatte, wie der Draht eines fallenden Hammers einem Kampfrichter den Arm gebrochen hatte. Die Geschichten könnten wohl ausgeweitet werden, aber am anderen Ende des Tisches bricht schon wieder Gelächter über ein neues Thema aus und ich bin froh darüber.

Der Pina Colada kommt mit einem Häubchen Schlagobers, gekrönt von einer Kirsche und er ist süß und cremig, außerdem bekommt jeder Gast ein Glas mit Wasser und Eis und eine Schüssel Maistacos. Wir gehen, als die Kellner die Sessel auf die Tische stellen und das Besteck in weiße Servietten wickeln. Vor der Tür werde ich gedrückt von den Hammerwerfern und den Diskuswerfern, diesen ganzen Wikingern und von ihren hübschen Frauen und alle sagen what a nice evening und see you next year und let’s stay in touch!

Tag 5 Sacramento

Es ist Sonntag, aber das Leben geht seinen gewohnten Gang hier, kein Geschäft hat geschlossen. Unter dem Freeway in Sacramento ist der Farmer’s Market und während oben die Autos dahinrauschen, werden unten im Schatten des Betonhimmels Zwiebel neben schlanken Feldgurken arrangiert und rotbackige Äpfel geputzt. Die Basilikumbüschel riechen kräftig neben den Kübeln mit Feldblumen, und man lässt sich durch die Reihen schieben und denkt an den Nasch- oder den Karmelitermarkt, wo dieselben Typen von Menschen einkaufen wie hier. Weiter, und das vollendet den Naschmarkteindruck, gibt es noch einen Antiques Market, der Eintritt in das bessere Ramschmuseum kostet aber drei Doller. Mit einem Stempel am Handrücken bekommt man Zugang zu den Gieskannen, Kleidern, Puppen, Bildern und Live-Ausgaben aus den Sechzigern. Auf die Frage, was denn Antiques seien, heißt es everything that is older than ten years.

In Old Sacramento, Old Sac, im Sutter’s Fort, wird einmal am Tag eine Kanone aus dem letzten Jahrhundert gezündet, und ich komme unbedarft dazu, sehe nur noch wie die Eltern, die sich schon um den Platz geschart haben, ihren Kindern die Ohren zuhalten und dann knallt es und blauer Rauch nebelt die Szene ein. Die Frau an der Kassa rechts von mir klatscht that was a good one! und ich hole die Videokamera heraus, viel zu spät, um die sich verziehenden Rauschwaden zu filmen. Gegenüber ist eine hohe, weiße Kirche, davor steht ein Mann, einen Arm im Mistkübel, in der anderen Hand eine halbleere Flasche. Er trägt eine türkise Hose und ein Nachthemd, das am Rücken offen ist. Ich sehe das verräterische Bändchen um sein Handgelenk und tatsächlich gibt es ein Hospital, gleich ums Eck.

In der Kirche findet gerade ein Gottesdienst statt und drinnen hängen Tafeln auf denen steht Many Religions, One God. Der Minister trägt ein Polohemd und spricht in weichem Bass, man hört ihm gerne zu, wenn er die acht Schritte aufzählt, die helfen, wieder glücklich zu werden.

Das State Capitol leuchtet in der Nachmittagssonne und lockt Touristen an, die sich auf seine Stufen stellen und ablichten lassen. Davor blühen Magnolienbäume mit Blüten, so groß wie zwei Handflächen. Ihr Geruch liegt zwischen Pfirsich und Lemone. Im Capitol bestaunt man den Marmorboden und die Schauzimmer, vor dem Büro des Governors fehlt ein Bild und auf die Frage, wohin Mr. Schwarzeneggers Portrait verschwunden sei, erhält man die steife Antwort, abgehängt aufgrund von Family Issues.

In der Altstadt haben um neun Uhr abends immer noch einige Geschäfte ihre Pforten geöffnet, so auch Sweet Heaven, ein junger Verkäufer drückt mir draußen einen Flyer in die Hand Free Samples! und drinnen, gleich neben der Tür steht ein anderer und wiederholt bei jedem, der hereinkommt, dass es erlaubt ist, von den Bonbons in Fässern mit den blauen Labels zu kosten, ebenso von den Salt Water Taffies aus den Kisten. Das Geschäft ist voll. Voll von Holzkisten, die überquellend mit bunten Candies und Leuten, die einmal hier, einmal da ein Taffy auswickeln und in den Mund stecken. Im Geschäft darf gegessen werden, so viel der Magen zulässt, und ich denke an diesen alten Pipi Langstrumpffilm, wo Pipi mit ihren Goldmünzen den ganzen Zuckerlladen aufkauft und den Inhalt an die Kinder der Stadt verfüttert. Beim Hinausgehen drückt mir eine Verkäuferin noch ein Bonbon in die Hand und wünscht mir eine Sweet Night.

Tag 4 Sacramento

Wer noch nie bei den Masters Championships dabei war, egal ob World oder Europe, dem entgeht eine ganz bestimmte, eigenartige Stimmung, die sich Jahr für Jahr fortsetzt und getragen wird von den TeilnehmerInnen. Ein Masters Athlet ist jeder, der die Vierzig überschritten hat, nach oben hin gibt es kein Alterslimit, so kommt es, dass in der Kategorie 90 noch Herren zum Weitspringen antreten, mit Dressen, die um ihre faltigen Körper wehen und knöchernen Knien. Sechzigjährige Damen laufen hundert Meter schneller, als ich es wahrscheinlich könnte, und Fünfundsiebzigjährige stoßen Kugeln.

Zwischen den Versuchen stehen sie mit ernsthaften Gesichtern unter den Zelten und haben die Fäuste in die Hüften gestemmt, nach den Bewerben tragen sie ihre Trainigstaschen weiter zum nächsten Bewerb, mit langsamen Schritten und immer suchend, wo die Landsleute sind und wo noch mal der Call Room war. Ihre Verwandten und Freunde sitzen auf Deckenlagern im Schatten und haben Fahnen und Kappen, auf denen die Ländernamen eingestickt sind und sie notieren auf Zetteln die Leistungen der BewerberInnen.

Die Dänen, Amerikaner, Brasilianer, Rumänen, Norweger, Deutschen, Iren winken sich zu, wenn sie sich treffen und fragen, wie es gelaufen ist und dann jammern manche und beschweren sich über die Hitze, den schlechten Boden, das ungewohnte Sportgerät oder den Schmerz im Kreuz, im Knie, im Genick, oder sie zeigen ihre Medaillen her und klopfen sich auf die Schultern, feiern sich gegenseitig und schwenken ihre Fahnen.

Bei dem Bewerb, der für uns interessant ist, dem Hammerwerfen, sind so viele Teilnehmer, dass es zu einer Qualifikation kommen musste.

Kurz, bevor der Vater, unser Athlet, im Call Room erscheinen muss, trifft man noch die, die immer kommen, zu den Bewerben in der ganzen Welt, denn Hammerwerfer gibt es nicht viele und die Altersklasse (immer fünf Jahre) verschiebt sich mit den Verletzungen und dem Stechen im Rücken. Der Südafrikaner ist nicht gekommen, weil er am Knie operiert wurde, berichtet ein andere Südafrikaner, ein Nachtbar, und auch einer der Amerikaner, der schon nach Italien gereist war, kann nicht werfen. Dafür sind neue Gesichter da, vor allem Amerikaner, aber auch ein Inder, ein Exote in dem Fach, müde von der Anreise. Er ist vierundzwanzig Stunden geflogen, erzählt er, über Europa. Aber er ist auch schon einmal mit dem Zug zu einer Europameisterschaft gefahren, da war er drei Wochen unterwegs.

Die Sportler begrüßen sich und greifen beim Händeschütteln etwas fester zu, als es notwendig gewesen wären, dann beginnt das Einwerfen und jeder beäugt den anderen um herauszufinden, wie die eigenen Chancen stehen. Die Leistungen von allen waren im Vorfeld schon bekannt. Die Qualifikation beginnt, jeder hat drei Versuche, nur wer die Mindestweite von 48 Metern wirf, darf nicht weiter machen. Die ersten vier Teilnehmer schießen ins Netz, die Nerven flattern, nur mein Vater und Lucien, der Franzose qualifizieren sich sofort. Bei einigen dauert es noch länger, bis sie einen gültigen Wurf zustande bringen, einige schaffen aber ihre Leistungen nicht und stehen mit gesenktem Kopf im Schatten. Am Ende bleiben aus zwei Gruppen, die sich qualifizieren mussten, zwölf Leute über, der Rest darf beim Wettkampf nur zusehen. Der Inder hat es mit vierunddreißig Metern auch nicht geschafft.

Am Abend in Sacramento, dem Old Town, kommen Erinnerungen an alte Western Filme auf. Und dann wundere ich mich über die Zauberershops und die Geschäfte, in deren Auslagen pinke Flamingos stehen und Bücher über Hipsters und Star Treck LiebhaberInnen. Vor dem Tatoostudio haben Harleyfahrer ihre Bikes geparkt und streichen mit wohlwollenden Blicken um die Motorräder, stolz, wenn einer der Touristen fragt, ob er sich mit einem davon abbilden lassen darf.

Aus den Bars kommt Musik, immer andere, und auf der Straße zwischen den Holzgehsteigen sind Radfahrer, Autos und Pferdekutschen unterwegs. In einem der Autos sitzen zwei Zombies und erst später lese ich in der lokalen Zeitung, dass an diesem Abend ein Trashstreifen gedreht wird, vorher gäbe es einen Zombiemob, so take care of your kids! Jedes Mal, wenn eine Harley wegfährt, explodiert ein Teil der Stadt, zumindest hört es sich so an. Unten am Fluss zieht ein Motorboot gegen den Strom, auf seinem Rücken tanzen vier junge Leute und winken zum Ufer. Als sie weg sind, kehrt wieder Ruhe ein.

Tag 3 San Francisco – Sacramento

Wieder hüllt sich das morgendliche San Francisco in unerwartete Kühle, beim Spaziergang zum Union Square habe ich unter der Jeansjacke eine Gänsehaut. Am Square stellen Maler und Malerinnen ihre Kunstwerke aus, sitzen und Sonnenschirmen und erzählen mit verschränkten Händen, wenn man sie fragt, welches der Ausgestellten ihr Lieblingsbild ist. Das Leben geht ruhig ab, hier in dieser Insel, rund herum schäumen die Autos und Cable Cars und Touristen, mittendrinn stehen ein Obdachloser und ein Polizist, beide auf den Briefkasten zwischen ihnen gestützt und der Polizist sagt let’s not make it a big thing.

Mit dem gemieteten Auto nach Sacramento und alle sind unzufrieden, weil es ein Mercury Grand Marquise ist und weil der Wagen aussieht, als wäre er aus den Achtzigern, dabei ist er letztes Jahr gebaut worden. Wir fahren zur Lombard Street und blicken die Windungen hinunter und ich steige aus, um zu filmen, wie die Autos durch die Straße schwenken und ihre Insassen hinausfotographieren und dabei sehe ich endlich die Papageien, die lärmen und über meinen Kopf hinwegziehen.

Die Fahrt nach Sacramento ist kurz, aber man klagt über die Untechnik des Wagens und gleichzeitig steigen draußen die Temperaturen in einem verrücktem Tempo. Nach einer dreiviertel Stunde Fahrt hat es schon fast 40 Grad, das Grün ist einem trockenem Gelb gewichen und Staub frisst sich in die Ritzen der Windschutzscheibe. Erst am Abend kühlt es ab, als ich am Pool sitze, die Füße bis zu den Knöcheln im Wasser. Das Brummen der Klimaanlagen dominiert die Nacht.

Tag 2 San Francisco/

San Francicso view

Aufwachen zu dem Heulen der Polizeisirene, wie im Film, und wieder scheint die Sonne. Vor dem Schiebefenster rostet die Feuerleiter in der kalten Luft, der Magen knurrt und hat den Jetleg auch noch nicht ganz überwunden. Frühstücken im Pinecrest also, mit Metalltischen und SüdamerikanerInnen in der Bedienung, die bringen Spiegeleier, Kartoffelrösti, Pancakes mit Ahornsirup, Bacon und kleine Würstel, sie schenken Filterkaffee nach, der erstaunlich gut schmeckt, und stellen Silberschälchen auf die Tische, in denen vier verschiedene Sorten von Marmeladetiegel und Kaffeesüßer stecken. Hinter der Bar ist direkt die Küche, am Nebentisch sitzt eine Familie, die Kinder trinken Milch und Orangensaft aus großen Gläsern mit Strohalmen. Die Sonne durch die Scheibe ist warm am Rücken, aber draußen hat es gerade einmal 13 Grad.

cable car San Francisco

Die Fahrt mit der Cable Car gestaltet sich aufregend, ich sitze, wie langweilig, und hänge nicht halb auf der Straße, wie die mutigen Touristen, die sich dabei von ihren Frauen fotographieren lassen und tapfer an die Haltestangen geklammert die Nasen in den Wind recken. Der Mann an der Bremse erklärt jedem bereitwillig, wie die Cable Car funktioniert. Es rattert bergauf, dann wieder bergab, mir kommt der Gedanke, dass, würden die Straßenbahnen schneller fahren, ganz San Francisco eine riesige Achterbahn sein könnte.

Beim Coit Tower, las ich im Reiseführer, gäbe es Papagein und die will ich sehen, aber der weg ist weit und der Plan unten am Pier verwirrend, drum schwitze ich, als ich endlich bei dem Tower bin und weit und breit kein Papagei. Für 7 Dollar kann man mit dem Aufzug nach oben fahren und über die Stadt sehen, als ich wieder unten bin, entdecke ich einen Kolibri neben den ganzen Libellen, die durch die Gärten des Telegraph Hills schwirren. Ein Kolibri, wenn man so etwas sieht, ist es schon etwas Besonderes, steht in der Luft und die Flügel sind unsichtbar fürs Auge, dann bewegt er sich weiter in einer fließenden Bewegung zwischen den Blüten, die größer sind als er.

pier 39 San Francisco

Beim Pier 39, in Fisherman’s Wharf wird man empfangen vom Geruch frischer Donoughts, von Waffeln und diesen Bohnensuppen im Brotlaib. Gegrillter Fisch mischt sich in der Luft mit den Kirschen, die um 10 Dollar das Viertelkilo angeboten werden und die Leute kaufen und schieben sich durch die Shops mit T-Shirts, auf denen steht Swimteam of Alcatraz oder San Francisco Giants und essen aus Kübeln, in denen dreißig heißfrische Minidonoughts stecken. Und dann kann man die Sea Lions beobachten, von dem höher gelegenen Steg aus, während draußen die abenteuerlustigen in den riesigen Speedbooten durch das Meer pflügen.

Mit dem Bus zu fahren, ist nicht so lustig, wie mit der Cable Car, dafür kommt man schneller voran und auf und ab geht es trotzdem. Die Golden Gate Bridge ist im Nebel, als ich komme und es ist wirklich kalt, der Wind pfeift über uns Touristen, die hinaus pilgern und das Drahtsein bestaunen, das ausgestellt ist und veranschaulicht, wie viel diese Konstruktion aushalten muss. 1937 gebaut sieht die Brücke edel aus und das Rot ist schon sehr typisch. Weiter draußen hängt ein Krisentelephone, there is hope, für diejenigen, die vorhaben, die achtzig Meter in die Tiefe zu springen. Auf der Brücke hat der Wind endlich etwas Angenehmes bewirkt, nämlich den Nebel verblasen, sodass man sogar sieht, worauf man steht. Der Blick ist weit, in die Buch, zur Gefängnisinsel, bis zur Stadt. Unten im Wasser tauchen zwischen den badenden Kormoranen Sea Lions auf und halten ihre Köpfe aus dem Wasser. Es ist durch die Autos und den Wind so laut, dass mir die Worte aus dem Mund gerissen werden und sie ungehört über dem Meer verschwinden.

Golden Gate

Tag 1 Wien – San Francisco/ Glaub mir, morgen bist du wieder normal

ughafen

Der Tag hat 27 Stunden. Vierzehn davon im Flugzeug, wo jedes Zeitgefühl flöten geht. Zwischenstop in London Heathrow, vier Stunden Aufenthalt im Terminal 3 mit den anderen Gelangweilten, die herausgefunden haben, dass es kein W-Lan gibt, dass dafür der Kaffee bei Strabucks viel weniger kostet, als zu Hause (in meinem Fall zumindest), dass man aber verdammt noch einmal in Britische Pfund umtauschen muss, um an die Double Shot Latte zu kommen und dass da, beziehungsweise in den Spesen, der Hund begraben liegt. Am Ende kommt es dann doch teurer.

Und was machen Menschen, die warten müssen und deren Bewegungsradius eingeschränkt ist? Sie a) essen, b) lesen/hören Musik oder c) schlafen auf neben und unter den spärlichen Bänken, die Füße und Ellbogen auf ihren Koffern, nur um die Zeit zu töten, die so erbärmlich dahinkriecht. So ähnlich ist auch das Programm im Flug von London nach San Francisco. Essen, Entertainment, Schlafen, Zeit verbrennen.

Das Flugzeug ist doppelstöckig und es gibt eine Bar, eine Bar!, trotzdem bleibt dem/der StandartpassagierIn nur so viel Platz, wie die Schultern breit sind und die Knie lang. Draußen knallt die Sonne gegen das Fenster, den ganzen langen Tag. Der hat für mich schon um 04:00 begonnen. Man steht auf und dehnt die Beine, geht aufs Klo, nur um sich zu bewegen und drückt sich durch die engen Reihen, wo die Leute die Schuhe ausgezogen haben und unter den roten Decken versuchen, den Schäden der Klimaanlage zu entgehen.

Wir fliegen über Grönland und unten treibt Eis, über Canada und die Rocky Mountains sind zu sehen und dann kreist sich der schwere Luftkörper über San Francisco ein, ein Zipfel der Golden Gate Bridge ragt aus dem Nebel um Hallo zu sagen, das Finanzviertel strebt hoch und ist sogar aus der Vogelperspektive imposant.

Nach dem Landen und dem Gerumpel mit dem BART im Zentrum von San Francisco, aber was am folgenden Tag wahrscheinlich lebendig und kreativ ist, ist jetzt nervtötend laut, Menschen, die gegen mich und den Koffer hinter mir stoßen, Bettler mit ihren leeren Starbucksbechern in denen ein paar Cent gegen einander klatschen, die Straße zum Hotel in der Gearystreet überschwemmt von Leuten und dann auch noch bergauf. Grantig bin ich nach über 24 Stunden Wachsein und ohne Nacht, und ich mag die Leute nicht, die das Pech haben, meinen Weg zu kreuzen.

Chinatown

Auf der Suche nach Abendessen in Chinatown, wo zwei geschickte Restaurantmitarbeiterinnen einen förmlich zu ihrem Arbeitgeber schleppen, durch die Gasse in der rote Lampions schaukeln. Ich bin immer noch überfordert vom Schlafmangel und den Menschen, und denke an an London, wo alles so ähnlich aussieht. Nur dass es hier ständig bergabbergauf geht und hinter jedem Hügel eine neue Aussicht aufwartet. Ich löffle die Nachspeise dankbar und geniere mich für meine schlechte Laune, Geschenk des Hauses, eine Kugel Grünteeeis mit dem Glückskeks. Und dann nach 27 Stunden schlafe ich traumlos in einem Kabinett mit alten Spiegeln und Troddeln an den Vorhängen.