Oslo// Fortellingens stilland.

Oslo Schloss Aussicht

Gestern bin ich spät angekommen. So spät, dass ich dem Hotel schreiben musste, dass sie mein Zimmer nicht vergeben sollen. So spät, dass das Samstagspartyfolk schon unterwegs, aber noch nicht heillos fulle war. Von meinem Zimmer im achten Stock habe ich einen teuren Ausblick und ich mache die Vorhänge nicht zu, sollte ich in der Nacht munter werden und hinaussehen wollen.

Heute morgen ist die Sicht weißgrau schattiert. Ich habe Zeit und gehe in meinen Ausblick, nach Grünerløkka, den Markveien hinauf. Ich treffe kaum Menschen, es ist Sonntag und die meisten Cafés machen erst später auf.

grünerløkka bakeri oslo

Die Angst der Erzählerin ist die Leere, der Narrationsstillstand. Möwen kreisen, sonst ist es still, nicht einmal Autos sind unterwegs. In den Gehsteigkanten ist Kies festgeeist, obwohl es seit einigen Tagen Plusgrade hat. Am Ende des Marktveien drehe ich um gehe die Thorvald Meyers Gate zurück, es rauscht und die Bytrikken schwappt das Schmelzwasser aus den Schienen.

Flohmarkt Oslo

Am Olaf Ryes Plass haben sich einige Zelte zu einem schwächlichen Flohmarkt versammelt, Polen stehen beisammen und rauchen. Ich quere die Wiese. Obenauf steht schmutziges Wasser, unter der Oberfläche ist sie gefroren. Ein Mann spricht mich an, sobald ich nahe genug bin und sagt: Femtusend for alt! Seine Aussprache ist deutsch und seine Handbewegung umfasst den Stand unter den blauen Planen, die Service und Butterbrotdosen. Für ein ordentliches Lächeln reicht es nicht. Dann ist es Zwölf und es fehlt das Kirchenglockenläuten. Dafür beginnt es zu regnen.

Der Narrationsstillstand beschäftigt mich, aber als Antidoton habe ich einen Plan: ich gehe zum Poesifestival, komme aber etwa zu spät, weil ich den Anfängerfehler mache, zur Kontaktadresse zu reisen: Arbins gate 1. Dort ist das Festivalbüro und der einzige Grund, weshalb ich das erzähle, ist, dass es zugleich das Ibsenmuseet ist, wo ich durch den Hintereingang hereinirre und dann in einem finsteren Stiegenhaus stehe, das videoüberwacht ist. Ich löse, hingegen meiner Erwartungen, keinen Alarm aus, als ich durch einen Teil der Ausstellung schleiche wie ein Dieb und schließlich im Shop ende, wo mir eine Dame versichert, noch nie vom Poesifestival gehört zu haben, bevor mir eine andere erklärt, dass ich ins Kunstnernes Hus müsse, quer durch den Schlosspark.

Schlosswache Oslo Schlechtwetter

Vor dem Schloss hat sich der Schnee gehalten, der Wind pfeift über die Anhöhe. Einige Touristen sind unterwegs und machen mit eingezogenen Köpfen Fotos von der Wache.

Als ich schließlich ankomme, ist die Filmvorführung des Poesifestivals schon im Gange. Ich suche mir in der Dunkelheit des Saales einen Platz und verschwimme in den Bildern der grönländischen Künstlerin Ivalo Frank. Das Publikum ist höflich und leise. Nach dem Film folge ich der Einladung zur Zeichenstunde in einen Nebenraum mit Glaswand.

Niemand ist da. Auf einem Tisch steht eine Box mit Stiften, daneben liegen Zeichnungen, auf die Kinder ihre Namen und ihr Alter geschrieben haben. Ich kann durch die Glasscheibe hinunter in das Restaurant sehen. Ich setze mich und zeichne, was ich schon lange nicht mehr gemacht habe. Dann schreibe ich meinen Namen und mein Alter auf das Papier und lege den Zettel unter den Kinderzeichnungsstapel.

Julepynt Oslo

Draußen ist das Tageslicht unverändert trüb. Mir fällt auf, dass in einigen der Straßen hinter dem Schloss noch die Weihnachtsbeleuchtung hängt. Julepynt. In meinen Haaren bleibt der Niesel hängen. Das zweite Antidoton ist das Frank Znort Quartet im Blå und ich komme wieder zu spät, weil ich am Weg hin hier und dort trödle und am Akerselva Fotos mache. Als ich schließlich dort bin, werden nur noch drei Lieder gespielt, aber alleine dafür hatte es sich ausgezahlt.

Akerselva gefroren

Später kaufe ich mir Salzlakritze und wandere den Akerselva hinauf bis zum Sagveien, die Uferpromenade entlang und schau mir die schmelzenden Eisschichten beim Wasserfall an. Es sind noch stumme Menschen mit Hunden unterwegs, die Lichter an den Halsbändern haben.

Oslo Streetart Blå

Jetzt habe ich so viel erzählt, obwohl doch den ganzen Tag über nur mein Wandern passiert ist und sonst nichts. Du må bare snakker uten å si noe. Es ist so leise hier.

Riga//Liebesbrücken und Katergrüße

Riga Lovelocks Bridge

Was passiert ist: Ich habe diesen Eintrag versehentlich gelöscht, und jetzt, einige Wochen später sind die Erinnerungen an die Zeit in Lettland schon wieder abgekühlt und in Bilder erstarrt, die sich verändern, je mehr ich über sie nachdenke.

Riga Park

Was geblieben ist: Wasserlacken und kalter Regen vor der Markthalle, drinnen Frauen mit Schürzen, die Salzgurken und selbstgemachte Süßigkeiten verkaufen, Parks wie Wälder, Jungelparks eigentlich, in denen man Rehe, oder besser, Tiger vermuten könnte, mitten in den Parks Kanäle, über die Brücken führen und auf den Brücken hängen Lovelocks. Als könnte man der Fügung ein Denkmal setzen, oder etwas fixieren, dass doch flüchtig ist.

Markthalle Nach dem Regen glänzen die Straßen und eine Russin verlässt ihre Wohnung in der Altstadt mit frisch gelegten Haaren. Einer der Straßenkater bemaunzt sie und sie gurrt zurück, dann gehen beide ihrer Wege.

Straßenkatze Riga

Erinnerungen sind ein Seltsames, in meinem Kopf verschwimmen die Fassaden Rigas mit den Fassaden Stockholms, bunt sind sie beide und Schmiedeeisenlaternen hängen hier wie da.

Riga Gassen Und dann verwechsle ich die Hinterhöfe des alten Bukarest mit den Hinterhöfen des jetzigen Rigas, die verweinten Fassaden, die so viel zu erzählen hätten, ohne dass es noch jemanden gäbe, der zuhört.

verfallene Häuser Riga

Sonst ist ein gutes Gefühl geblieben von der Stadt, ein freundliches und tiefes. Die Erinnerung daran, dass es schön war.

Jūrmala//wo man bleiben könnte

Jurmala

In Jūrmala fließt die Lielupe ins Meer und wieder sind die Namen so großartig Tolkien oder Funke oder Hohlbein, dass man eigentlich von der tatsächlichen Gegend enttäuscht sein müsste, ist man dann wirklich dort. Aber nicht hier. Nicht in Jūrmala, wo der Himmel und das Meer eins sind und der Strand ein unendliches, hellbeiges Laufband am Pinienwald entlang ist.

Jūrmala

Hinter dem Strand wohnen reiche Letten und reiche Russen und alle ist sauber und poliert, dazu riecht es nach Salzwasser und nach weißen Kumuluswolken und nach BMWs in der Einfahrt der Holzvillen.

Jūrmala

Entlang der Promenade im Stadtkern finden sich die Abziehbilder jedes Städtchens: Die Touristen in Cafés, die Hundespaziergänger und die Nachdenklichen.

Jūrmala

Am Strand wird das Wasser langsam mehr, es kommt von draußen zurück, es holt sich die Rillen im Sand und die Fußspuren und alles, was in den Stunden des Tages in den Sand gezeichnet wurde.

Jūrmala beach

Jūrmala

 

Sigulda,Cēsis, Saulkrasti//Außerhalb, wo die Menschen aufhören

Riga Umgebung

Sigulda, wie herrlich das klingt, Sigulda im Mischwald, am Flussufer der Gauja. Wer in Sigulda eigentlich leben müsste, sind Frauen mit langen Zöpfen,mit geröteten Wangen und kräftigen Fingern und Rocksäumen, die beim Gehen über die Wiesen schleppen, und Männer, die im Sommer sonnenbraun sind und im Winter Schneeflocken in den Bärten haben. Die müssten hier leben und in Turaida und Krimulda, den anderen Stadtteilen, die nach Sagen klingen, und einen Hof müsste es noch immer geben, wo Pferde für das Tjostieren in den Wappenfarben geschirrt werden und Goldborten auf Ärmel genäht sind.

Sigulda

Aber vor dem Autofenster ziehen, sobald Riga nach Nordosten verlassen ist, die Wälder vorbei und Sigulda liegt in Spätsommerruhe. Die Parks sind leer und beim neuen Schloss haben die Rosen ausgeblüht.

Gutmannshöle Lettland

Dafür sammeln sich vor der Gutmannhöle, diesem seltsamen Sandsteingebilde mit den tags früherer Besucher spanische Touristen und machen Fotos, betasten die feuchten Bröselwände und verschwinden gesammelt wieder, ohne den Naturpfad weiter entlang gewandert zu sein.

cesis

In Cēsis ist herrscht nachmittägliche Ruhe. Am Hauptplatz wechseln Kleinstgruppen, auf der Baustelle neben der Kirche ist auch niemand, der Lärm machen würde. Ein Bub ist unterwegs und trägt sein Hündchen, dann rührt sich lange Minuten nichts. Das ist Cēsis an einem Septembernachmittag, Schwalben am Himmel, Häuser im Prozess der Restauration oder des stillen Verfalls, das könnte jede Kleinstadt sein, überall.

cesis

altes Gebäude Lettland

Cēsis Stadt

Cēsis Burgruine Castle

Und dann gibt es noch die Ordensburg, also, die Ruine der Ordensburg. Am Eingang bekommt man eine Laterne, um in der Dunkelheit der Wendeltreppe nicht verloren zu gehen, wenn man zum Dachstuhl des Turms hinauf will. Von oben aus kann man ins Land schauen, so wie die deutschen Kreuzritter des Schwertbrüderordens damals vor 800 Jahren. Und wahrscheinlich haben sie das gleiche gesehen:Cēsis Blick von Ordensburg

Und dann, irgendwo am Weg zwischen Valmiere und Saulkrasti zerfällt die Landschaft in Feld und Wald und Landstraße. Manchmal taucht ein Hof auf, mit Obstbäumen und Wäscheleinen, aber meistens bleibt es ruhig und leer.

Riga Umgebung

 Die Sonne geht lange unter, weil es so flach ist, und am Rand, dort fällt sie nicht ins Wasser, sondern zelebriert ihren Abgang in die Nacht.

Saulkrasti Beach

Saulkrasti Beach Sonnenuntergang

Saulkrasti Sunset

København//Den kongelige havfrue

Højt til hest som Kong Christian

Der Stadtplan liegt über dem Rugbrød und den Gurkenscheiben am Frühstückstisch, dahinter dampft starker, schwarzer Kaffee. Ich habe aus dem gestrigen Valby-Wandertag gelernt und orientiere mich nicht mehr am Handydisplay, sondern doch lieber wieder am Papier, das an den Bugstellen bricht. Als ich wieder aufschaue, fragt der Australier vom Vortag, ob er sich zu mir setzen kann. Er sieht eher aus wie ein Schwede oder ein Finne, denke ich mir, als wir uns über den schönsten Weg zur Meerjungfrau beratschlagen, dann ist der Kaffee kalt, aber die Vorfreude auf die Stadt groß.

Amalienborg

Am Vormittag ist die Kronprinsengade noch nicht so touristengesättigt, wie sie es später sein wird, und auch über den Amalienborg Slotsplads kommt man ohne im multilingualen Fotomotivsuchen im Weg zu stehen. Unter ihren Fellmützen müssen die Soldaten glühen, die armen Kerle in dieser Hitze, aber sie bewahren Haltung und stehen still.

Kastell

Im Wassergraben vor dem Kastellet steht ein Hecht so bewegungslos wie ein Stück Holz. An seiner Nase vorbei ziehen Rotfedern und wir spiegeln uns zwischen den Seerosenblättern. Mein Begleiter wird auf Dänisch angesprochen und freut sich über die gelungene Täuschung. Derweil wird es wärmer.

Kopenhagen Meerjungfrau

Die Dichte an Touristen kündigt schließlich die Nähe zum unhinterfragt meistfotografierten Highlight der Stadt an, am Ufer reihen sie sich und heben die Handys über die Köpfe, um freie Sicht auf das Meermädchen zu bekommen, das, wie beschämt vom ganzen Rummel, das Gesicht abwendet. Wir stehen eine Weile an der Uferkante und sehen zu, ob einer Fotojäger in seiner Sandalentracht womöglich ein Opfer der überspülten Steine wird, aber die Meute bleibt trocken.

Kongens Have

Am Weg zurück in die Innenstadt erzähle ich meinem Compagnon die Andersens’sche Variante des Märchens von der kleinen Meerjungfrau und er beschwert sich im Scherz über das fehlende Happy End, dann öffnet sich der Himmel und schickt und warmen Sommerregen.

Kongens Have

Am Nachmittag dann sammeln sich entspannte Gruppen im Kongens Have und picknicken zwischen den alten Bäumen. Da, wo Geburtstag gefeiert wird, stecken Fähnlein in der Erde und man sitzt mit überkreuzten Knöcheln und trinkt aus Sektgläsern. Die dunstige Wärme drückt auf die Agilität der Besucher, drüber vor dem Rosenborg Slot legen sie sich ins Gras und warten die Regenschauer unter der Linde ab.

Rosenborg

Es wird Zeit zu gehen, die letzten Stunden verplätschern unten am Meer mit seinen bunten Schiffchen.

Kopenhagen

København// Søfolk og solskinstimer

Aarhus Kopenhagen Schiff

Mit dem Bus von Aarhus nach Kopenhagen zu fahren, hat den Vorteil, dass man was von der Landschaft sieht und den Nachteil, dass man in keiner Propellermaschine sitzt. Ich komme nach dreieinhalb bequemen Stunden und der herrlichlangen Brücke in Kopenhagen an und breche motiviert zum Hotel auf. Dabei lerne ich (wieder einmal) die Lektion, dass Karten täuschen können und dass sich Strecken am Handydisplay als zweimal Fingerwischen darstellen, nur um im echten Leben eineinhalb Stunden von Valby über Frederiksberg und Vesterbro nach Norreport zu bedeuten. In weiterer Folge: verstaubt und verschwitzt im Hotel darauf zu warten, dass das Zimmer fertig ist und dabei einem Aussi, der gestern erst angekommen ist, vorzujammern, man sei müde von der Reise.

Kopenhagen

Dann aber lockt die Hauptstadt hinaus. Und was für ein Tag das ist. Das Licht liegt hellgolden über den Fassaden und auf dem klaren Wasser der Kanäle, alles leuchtet, alles bewegt sich rasch voran, die Radfahrer und die Touristen, die Touristen, die man aus Aarhus wegrechnet, um sie hier aufzuaddieren, die Schweden und gelegentlich Deutschen, die hier die Nygade und die anderen Innenstadtstrassen schwemmen.

Kopenhagen Innenstadt Touristen

Weg ist die Ruhe der gestrigen Tage, das Gedränge brandet gegen die Auslagen, umschifft die Strassenkünstler und rollt über die Brücken nach Christianshavn.

Kopenhagen Fahrrad

An den Ufern der Kanäle wird die Freizeit geatmet. Im Wasser schippern Boote, darin Dänen und Schweden mit Bierdosen und nackten Oberkörpern, sie grüßen sich manchmal träge. Einer legt an, mit Sonnenbrand im Gesicht und Zigarette zwischen den Lippen. Das Holzboot navigiert er vorsichtig an den Kanalrand, beobachtet von dem Nachbarn, dessen Kahn schon vertäut ist und der an Deck steht wie ein Wachhund; als er die Seile durch die Eisenringe zieht, zeigt sich der Anker, den er auf den Oberarm tätowiert hat. Der Nachbar ruft ihm etwas zu, dann fachsimpeln sie kurz gemeinsam. Weiter entfernt sitzt ein Pärchen mit Wein und einer Box Nachos mit Oliven im Baumschatten am Wasser.

Kopenhagen Kanal

Gegen Fünf wird das Licht noch wärmer, die Schatten fallen scharf und kurz zur Seite. Drüben auf Islands Brygge sind die Grünflächen mit Badetüchern belegt, der Sprungturm des Bades wird zum Unterhaltungsmagneten. Einer steht oben und traut sich nicht springen, sieben Meter sind ja hoch, aber die anderen hechten ins Wasser und verdienen sich die Ohs der Umsitzenden, oder die mitleidige Schadenfreude, wenn es klatscht. Die Wärme ist angenehm und vom kühlen Wind gezähmt. Der Mutlose steht wieder vorne, ihm wird zu gerufen, er duckt, dann springt er doch endlich und die Leute johlen, als er auftaucht.

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Später dann, als sich die Restaurants wieder mit Hungrigen füllen und die Sonne hinter den Prunkbauten verschwindet, nachdem die Touristen die Kanalschiffe verlassen haben und zu Hause ihre müden Füße hochlagern, kämmen die Pfanddosensammler die Plätze und freue sich über Extrazigaretten. Der Abend ist mild, im Nordwesten rosig.

Kopenhagen

Århus //Samtaler med dyr

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Das ist schon eine weite Strecke, aber der Tag ist ja lang und frei. An langen, freien Tagen kann man morgens durch den Nordre Kirkegaard spazieren und die Grabinseln hinter den Buchsbaumhecken betrachten. Der Friedhofskater ist schon wach und lässt sich die Sonne auf den grauen Pelz scheinen, die Augen halb geschlossen. Er dreht den dicken Kopf, als ich mich zu ihm setze und brummt zufrieden, als sagte er schau, so ist es, das Leben.

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Am Himmel stehen Schönwetterwolken und die Friedhofsweiden hängen ihre Arme in die sanfte Brise, die vom Meer herauf kommt. Das Müßiggehen an so einem Tag ist ein hohes Glück. In den Mejlgade wird noch das Katzenkopfpflaster vor den Türen gekehrt, weiter oben im Stadtkern stehen schon Tischchen vor den Café. Dort sitzen junge Leute mit aufgerollten Hosenbeinen und Kaffeetassen aus denen es dampft.

AROS

Die Stufen zum AROS Kunstmuseum sind flach und versprechen noch nicht viel vom Guggenheimfeeling, das drinnen herrscht, oder gar von der Regenbogengallerie am Dach. Hoch ist die Halle, und hell und geschraubt. Die wenigen Touristen, die hier her kommen, verschmelzen mit dem Rest und fallen nicht auf.

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Was der Mittagszeit folgt, sind dichtere Wolken und Vorgewitterstimmung, in den Strassen liegt stichiges Licht, erst im Havreballe Skov umfängt mich wieder die Waldkühle. Zurück sind auch die Läufer und am Boden die Nacktschnecken. Der Kongevejen wird nicht kürzer, nach einer Biegung das nächste Langstück, und endnu engang, aber für Abkürzungen durch den Wald steht mein Abenteuersinn nicht hoch genug. Dann ist der Wald plötzlich gebändigt und zum Park entschärft, mit Rosen und sanften Wiesen. Das Marselisborg Slot sitzt auf seinem Hügel, Besucher sind willkommen, nur sind kaum welche hier. Ich setze mich auf die weißlackierte Bank vor die Schlossfront. Vor mir: der Übergang von der akkurat geschnittenen Wiese in die Bäume in das Meer in den Himmel.

Marselisborg

Das letzte Stück am Weg zu dem Dyrehaven im Marselisborg Skov wird zum Wandertag, ich glaube ja schon nicht mehr, dass ich überhaupt noch ein Reh zu Gesicht bekomme, aber jetzt aufgeben wäre schmerzhaft, dafür ist der Weg schon zu lang.

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Mein Ausflug ins Paläozoikum endet an einer schmalen Holztreppe, die in den Wald abzweigt und dem doppelten Eingangstor in den Wildpark. Hinter einigen Kurven dann endlich! das Wild. Dådyr und Sika, in Gruppen, mit schweren Köpfen, am Gras ausgebreitet. Wenn Besucher kommen und ihnen Karotten reichen, strecken sie die Nasen, dann sinken sie wieder zurück in ihre wohlige Apathie.

Menschen kommen, füttern, machen Fotos, streicheln die gefleckten Felle und verschwinden wieder im Wald, die Hirsche bleiben und wackeln mit den Ohren und den Schwänzen.

Bevor ich wieder nach Hause gehe, setzte ich mich auf die Bank am Hügel und strecke die Füße aus. Der Hirsch, der einige Meter vor mir in der Wiese liegt, dreht ein Ohr nach hinten, als Zeichen, dass er mich bemerkt hat. Er seufzt einmal, bevor der den Kopf mit dem Geweih im Gras platziert und die Augen schließt. Hinter mir rauschen die Eichen, sonst ist nichts zu hören, keine Autos, kein Meer, keine Möwen.

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London// Gap Minding and the Chemistry of Holy Repetition.

 

London Mind the Gap

Da gibt es nichts mehr zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre.

Jedes Wort in einem London-Reisebericht, ist eines zuviel; ein Duplikat der immergleichen Abhandlung: Beim Big Ben und es hat gerade zwölfe geschlagen und dann den Palace of Westminster fotografiert, vor dem Buckingham Palace die Wachablöse erahnt und dabei zwischen französischjapanischspanischen Reisegruppen gesteckt, am Picadilly Circus zum Amor hinaufgeschaut und später in Soho die anderen mit dem Ellenbogen angestoßen und augenzwinkernd auf Auslagen gedeutet, in denen Bilder von dienstbereiten Latten unter Regenbogenfahnen hängen, beim Aussteigen aus der Tube über den Spalt gesprungen und genickt, ja, da muss man echt aufpassen, in der National Gallery ein Bild von Monets Seerosen gemacht und es sind ein paar andere auch drauf, weil sie die selbe Idee gehabt haben, am Leicester Square für ein Heineken 5 Pfund gezahlt und nachher in den Kensington Gardens unter einer blühenden Blutbuche gesessen und gemeint, so eine Ruhe, die braucht man nach den ganzen Leuten.

All ihr faden Zwillinge und Déjà-vus, die ihr durch die London-Travelogues der weiten Welt springt und euch dort ins Unendliche reproduziert! You are not welcome here, my friends! Farewell you bricks of mediocrity and may you never return.

I am out.

To my dear english – and this time especially British readers: what a bunch of lucky bastards you are to call such a city your own.  

Stockholm Tag 3// Fartyg som väntar

Söder Mälerstrand

Mein letzter Tag in dieser launischen Stadt und beim Frühstück ist es so leise, wie in einem Wartezimmer. Jedes Tischchen ist einzeln besetzt und ich kaue an meiner Melancholie. Ich will noch nicht wieder zurück nach Wien, ich möchte noch länger bleiben und noch weiter in den Westen. Draußen hat sich Stockholm eine Strickmütze aufgesetzt und die Augen auf Halbmast. Du måste gå, sagt es ausdruckslos zu mir. Ich nicke unwillig und antworte, dass ich noch etwas Zeit hätte, die ich nutzen will. Mein 24 Stunden Ticket gilt bis 11:00 und ich messe mit dem Finger die Distanz auf dem Plan aus, um herauszufinden, wie weit ich fahren kann. Eine Fingerkuppe sind 150 Meter.

Söder Mälerstrand

Hornstull ist die letzte Station, die noch auf dem Plan eingezeichnet ist, dort fahre ich hin. Es gibt eine Uferpromenade und Brücken und es gibt Schiffe, die an das Ufer getaut sind. Hier entlang zu schlendern macht mich zu einem Verkehrshindernis für die Läufer und Läuferinnen, die über das festgetretene Eis springen und in beide Richtungen an mir vorbeiziehen.

Söder Mälerstrand

Die Luft riecht nach Kälte und nach dem Kies am Weg. Als die Altstadt auf der anderen Seite des Wassers nahe ist, sagt mir ein Blick auf die Uhr, dass ich noch genügend Zeit habe, das goldene Ticket noch einmal einzusetzen. Ich hefte mich an zwei Läuferinnen und überquere die Centralbron im Eiltempo, holpere die Stiegen hinunter zur Eingangsschwelle der T-Banan und löse das Ticket vier Minuten, bevor es abläuft. Mein ungeplanter Triumpf trägt mich nach Gärdet, das ist im Norden und der Fingerkuppenweg zeigt mir, dass sich bis zum Abflug alles ausgeht. Vor der Station finde ich den Tessinparken und dann, was mich besonders freut, den Vallhallavägen.

Valhallavägen

Welch ein Name, ich nehme sogar die Stufen für den Überbau, nur um von oben auf Vallhalla schauen zu können. In Östermalm sind die Geschäfte großteils geschlossen, als ich dann doch noch einen offenen Markt finde, gebe ich mein letztes Bargeld aus, um Mitbringsel zu kaufen, wie man das so macht. In der Nybroggatan beginnt es zu schneien, feste, perfekte Schneekristalle. Ich hole meinen Koffer aus dem Hotel und rückte die Haube tiefer in die Stirne. Stockholm begleitet mich die Drottninggatan hinauf zur Central Station, dort hat es Schneesterne in den Haaren.

Jag önskar er en trevlig resa, sagt es leise.

Jeg liker Oslo bedre, sage ich. Men du! Du var svært hyggelig og jeg skal savne deg.

Stockholm rollt sich wieder ein, der Schnee wird mehr und bläst mir in die Augen. Ich kann es nicht mehr sehen, sobald mich der Bus abholt ist es fort. Und jetzt geht es mir ab, ganz schrecklich ab.

Ström

Stockholm Tag 2// Njut mig.

Gamla Stan

In der Früh, als ich aufwache, schaut Stockholm mit goldenen Augen in mein Zimmer. In Gamla Stan schmilzt die Sonne die Eiszapfen und den Schnee vom Vortag, von den Dächern wehen Eiskristalle und flimmern im Gegenlicht. Im Schatten ist der Wind immer noch bissig, aber wer geht nicht auf der Sonnenseite der Straßen, wenn er es sich aussuchen kann?

Gamla Stan

Mir steht der Sinn nach Abenteuer und ich kaufe mir ein 24 Stunden T-Banan Ticket. Am Stadtplan suche ich mir den Namen aus, der mir am besten gefällt und der am weitesten entfernt liegt. Akalla, klingt großartig, oder Norsborg, oder Österskär  – aber Hässelby strand – da will ich hin.

Stockholm

Meine Vermutung, dass die Tunnelbana irgendwann nur zu einer Bana wird und an die Oberfläche kommt, bestätigt sich dann auch und ich freue mich an dem Himmel, der blau über der Landschaft steht.

Åkeshov slott

Bei Åkeshov steige ich aus, weil ich an einem Verkehrsschild Åkeshovs slott lese und weil es mir hier gefällt. Der Schnee ist noch nicht geschmolzen und liegt sauber auf den Wiesen hinter dem Herrschaftsgebäude aus dem 18. Jahrhundert. Es ist Samstag und die Leute gehen mit ihren Hunden spazieren, an der Reitschule vorbei in den angrenzenden Naturpark Judarskogen. In der Allee spielen Meisen und singen Mittagslieder.

Åkeshov slott allee

Ich mache einen Spaziergang durch knöchelhohen Schnee, die Hände in den Taschen wo sie klamm sind. Nichts treibt mich an, mich zu beeilen und das ist mein Luxus. Im Park bleibe ich auf einer Holzbrücke stehen und schaue in das zugefrorene Wasser. Außer den Vögeln höre ich nichts.

Später fahre ich aus Neugierde noch bis zur Endstation Hässelby strand, wo es zu meiner Enttäuschung zwar kein Meer gibt, dafür rauchende Buben, die auf Stunk aus sind. Nur, um einen kleinen, kolonialen Funken auszuleben, ignoriere ich ihr herausforderndes Krähen und mache ein paar Schritte in der Umgebung der Station – Reihenhäuser mit gleichfarbigen Balkonen, bevor mir die Lust vergeht und mich die nächsten T-Banan zurück ins Herz der Stadt bringt. In den Straßen und quer über die Plätze ziehe ich meine Spuren ohne Karte, die Sonnenwärme im Rücken oder auf der Stirne.

Gamla Stan

Die Stadt ist heute gut besucht, das macht das Wetter und das Wochenende. Vom Kai der Altstadt fahre ich mit der Fähre hinüber nach Djurgården, wo ich gestern schon war. Diejenigen, die sich vorne am Bug vom Schiff versammeln sind Touristen, der Rest der Fahrgäste kennt die Fähre und die Möwen und das Wellenplatschen und die leuchtenden Häuserzeilen, die fast direkt ans Meer gebaut wurden und bleibt im Fährenbauch, wo es bedeutend wärmer und weniger zugig ist.

Ladugårdslandsviken

In Djurgården dränge ich mich mit den anderen Wochenendlern durch Liljevalchs Konsthall, dann spaziere ich zurück in die Altstadt. Heute muss die Wache nicht dem Schneeregen entgegenhalten, aber trotzdem hat sie Rosen auf den Wangen. Der Himmel würde den Frost nicht vermuten lassen.

In der Västerlanggåtan, kurz vor meinem Hotel, passt mich Stockholm ab und blinzelt mir einmal zu. Ich verstehe, was es meint: Hab ich es dir nicht gesagt, min kära? Tack så mycket, liegt mir auf der Zunge. Der Abend dämmert über den engen Gassen herauf. Ich mache mich auf den Weg.

Gamla Stan Kungliga Slottet Wache