Tag 8 Sequoia Nationalpark

Schon beim Blick aus dem Fenster der Lodge denkt man an Disneyfilme. Streifenhörnchen und Chipmunks spielen auf einem Baumstamm fangen, bunte Vögel stimmen ihre Morgenlieder an und springen im Unterholz Schmetterlingen nach, weiter hinten verschwindet ein Reh im dichten Wald.

Der General Shermann Tree ist nur einer von vielen Giant Sequoia (auch Sierra Redwood wegen der hübschen Färbung des Stammes), aber es ist der Berühmteste. Ein eigener Parkplatz ist schon zu früher Stunde halb voll und der Weg hinunter in den Wald wird bewandert von Menschen in kurzen Hosen, weil die Kühle der Höhe unterschätzt wurde. Man taucht ein in diesen Märchenwald, der Giant Forest ein und fühlt sich wie ein Zwerg zwischen diesen alten Geschöpfen, die hochragen wie Häuser und deren Stämme rötlich in der Sonne schimmern. Der Shermann Tree ist 84 Meter hoch, das heißt, er würde mit seinem Wipfel streifen, würde er unter der Golden Gate Bridge wachsen und er überragte das Californian State Capitol, stände er zwischen den Magnolienbäumen in Sacramento. Sein Stamm hat einen Durchmesser von achtzehn Metern und die Leute, die ihn besuchen, verrenken sich, um alles auf eine Foto zu bekommen. Die anderen Riesen heißen The President oder, als Gruppe The Senat oder The House. Die schlanken Nadelbäume dazwischen sind ebenfalls höher als alles, das jemals am Christkindlmarkt vorm Rathaus aufgestellt wurde.

Die Menschen werden ehrfürchtig und berühren auch die runden Steine, die hingeschmissen scheinen wie Kiesel aus der Tasche eines Riesen mit flachen Händen. Die Wege sind beschildert und aus in Holz gefasstem Beton, es ist also möglich, in den Baumhimmel zu blicken, ohne über Wurzeln zu stolpern. Gewarnt wird wieder vor Bären und davor, Essen herumliegen zu lassen. Am ganzen Weg findet sich nicht eine Zigarettenkippe, nicht ein Kaugummipapier.

Das nächste Ziel, der Moro Rock, ist ein Felsen, der unvermittelt aus der Umgebung sticht. Über vierhundert enge Stufen kommt man den Grad hinauf und wird oben mit einer Ausblick in die Unendlichkeit belohnt, außer der Dunst, der nachmittags aufzieht, mischt sich mit dem Rauch, wie in meinem Fall. Zurück am Parkplatz berichtet eine Mutter, die im Auto geblieben war, ihrer Familie aufgeregt, einen Bären gesehen zu haben, I swear to god, there was a bear! und in mir erwacht der Wildlife-Instinkt. Tatsächlich finde ich nach einigem Minuten des dumpfen Starrens den Braunbären im Unterholz des Hanges, der sich hinter den letzten Autos erhobt und ich rufe meine Entdeckung stolz heraus, woraufhin eine Horde an Schießwütigen mit Fotoapparaten bewaffnet losstürmt und mit den Fingern zeigt. Der Bär nimmt es gelassen, präsentiert sich von links und von rechts, trottet dann wieder von dannen.

Den Märchennamen folgend wandert man an der Crescent Meadow vorbei zur Eagel View, trifft am Weg silberne Squirrels und goldschuppige Eidechsen, die in die Sonne blinzeln. Es ist still hier, stiller als beim Sherman Tree oder am Moro Rock, aber mindestens genau so beeindruckend. Die Luft verwöhnt mit würziger Frische und färbt die Wangen rot.

Am Abend fällt man ins Bett, müde vom Gehen und vom Staunen.

Tag 7 Sacramento – Sequoia National Park

Wall Mart Couple

Besucht man die Märkte eines Landes, eröffnet sich ein Blick in die jeweilige Kultur. In Luxor abseits der Papyrusfabriken, wo Touristen bei gezuckertem Pfefferminztee in zierlichen Gläsern ein wirklich gutes Angebot gemacht wird, finden sich in den engen Gassen mit Leinen überspannte Märkte, die Ausgänge der Nischen links und rechts angefüllt mit Säcken, in denen Gemüse oder Gewürze stecken, aber daneben hängt auch rohes Fleisch an Haken, ungekühlt und ein Mann sitzt davor und scheucht die Fliegen weg. Dazwischen sind Kinder unterwegs mit schmutzigen Füßen und schnellen Augen. Die Gerüche sind intensiver als alles, das man aus Österreich gewöhnt ist. Zumindest war es so vor vierzehn Jahren, bei meinem letzten Besuch.

Hier ist der Markt, der mich bisher am meisten beeindruckte Walt*Mart, dieses Sammelbecken für Sozialstudien. Schon am Eingang fallen neben den Einkaufswägen, die größer sind als die gewohnten, elektronische Caddies auf, die, ist man schlecht zu Fuß, ausborgen werden können. Auf der Suche nach Orangensaft finde ich nur ein Regal mit Kanistern, eine Gallone Orangejuice und die passt nicht einmal in den Kühlschrank vom Hotel. Drei Kühlreihen mit Fertiggerichten aller Art, aller Art, und dann das ganze Zeug, das bei uns einfach nur teuer ist, Oreokeske in Riesenschachteln, fünf zum Preis von drei, sieben Sorten Erdnussbutter oder mehr, und wirklich gutes Obst, Pfirsiche, Erdbeeren aus Kalifornien und Ringlotten die süß duften. Auf der Suche nach einer Schüssel (ich gebe hier zu, ein Schüsselmensch zu sein, das heißt, ich esse so gut wie jedes Gericht am Tag aus meiner Lieblingsschüssel) finde ich in den Tiefen des Walmarts Kloschüsseln, Angelruten, Tshirts und Akkubohrer.

An der Kassa fragt uns die Verkäuferin, ob wir aus Deutschland wären und erzählt, dass ihr Großvater aus Deutschland gekommen wäre, die Frau, die hinter uns angestellt ist, hört zu und lächelt.

Wall Mart Unbeatable

Am Weg zum Sequioa Nationalpark ändert sich die Vegetation beinahe stündlich. Am Mittelstreifen des Freeways blüht weißer Oleander, die Häuser im Landesinneren werden flacher und bekommen Vorgärten, in denen alte Trucks geparkt sind, ohne Nummerntafeln, neben ihnen grasen gescheckte Pferde. In der Entfernung erheben sich Berge, links und rechts wachsen goldene Hügel und der Wind riecht blass und warm. Vor den Apfelbaumplantagen werden Erdbeeren verkauft, die Berge wachsen und werden grün, felsig. Kleine Wasserfälle brechen aus ihnen und stürzten zwischen den Sugar Pines und den White Firs hinab. Wir schrauben uns hinauf, aus der wüstigen Gegend der Serra Nevada in den Nationalpark, für den Eintritt gezahlt werden muss. Die Felsen und festen Sträucher erinnern an Österreich und auch die aufragenden Berghänge. Die Luft ist klar und riecht nach dem heißen Holz in neuen Saunas, dann trübt sich der Himmel und weißer Rauch verdeckt die Aussicht. An einem der vielen Wendepunkten steht eine Rangerin und erklärt geduldig den Fragenden, woher der Rauch käme. Hier wird der Wald verbrannt, ein sogenanntes kontrolliertes Feuer, das gelegt wird und das für vier Tage brennt. Die Fläche, die in Flammen aufgeht beträgt 600 mal 200 Acres, und, sie erklärt, das Feuer bringt neues Leben und hilft, den Wald, der krank oder schon abgestorben ist, zu reinigen. Ich bin als grundsätzliche Feindin von Zerstörung skeptisch und denke an die Tiere, die bei so einem Brand drauf gehen, aber sie meint, dass das Feuer langsam brenne und dass rund um das Feuer Ranger und Feuerwehrmänner postiert wären, die aufpassen, dass die Funken nicht überspringen. Dieser Teil hatte seit vierzig Jahren nicht mehr gebrannt und ein Hubschrauber von Discovery Channel kreist über dem Rauch, um zu filmen.

Im ganzen Park, werde ich später feststellen, sind die Stämme der Bäume geschwärzt, dazwischen wachsen hellgrünes Farn und Blumen jeder Art.