18/ Cat Ba – Hanoi. Urwald und Betondschungel.

Cat Co 1

Der letzte Tag auf der Insel hüllt sich wieder in diesige Kälte. Ich wandere zu den Stränden, Cat Co 1 und Cat Co 2. Der Weg hin ist hügelig und führt an Bougainvillen vorbei, an den Blumenbeeten der Resorts und an leeren Wächterhäuschen. Am Strand sammelt sich die Einsamkeit. Niemand ist hier, die Liegen und Schirme sind von einer feuchten Schicht überzogen, an der Bar steht eine Flügeltür offen, weil sie der Wind aufgedrückt hat. Das Meer liegt ruhig, weiter draußen stehen Fischer auf ihren Booten und holen Netze ein.

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Weil ich genügend Zeit habe, mache ich eine Runde durch Cat Ba Town, das sich schnell in dem Anstieg der Insel zerstreut.

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Am Markt sind außer mir keine Fremden und es ist ungewohnt, durch die Reihen zu gehen und nicht angesprochen zu werden. Zwischen dem Gemüse und den Alltagsartikel, die in der gewohnten Überfülle angeordnet sind, schlafen die Verkäuferinnen.

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Zurück nach Hanoi geht es in der selben Bus – Boot – Bus – Bus Reihenfolge, in der wir gekommen sind, nur dass sich unsere Zahl in Hai Phong auf sechs Reisende dezimiert hat.

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Der Fahrer scheucht uns auf einem Parkplatz aus dem Bus und dirigiert uns unter den gewohnten He! Und Hoi! Rufen zur Schnellstraße. Auf seinem Moped ist er ein grantig Hütehund, der uns in einem Rudel zusammenhält. Als einer der Gruppe einen Seitenschritt macht, um Wasser zu kaufen, verdoppeln sich das He!! und er prescht zurück um sein verlorenes Schäfchen wieder einzusammeln. Dann warten wir am schmalen Seitenstreifen irgendwo in Hai Phong darauf, dass uns ein anderer Bus aufsammelt, der Hirte, wieder in guter Laune, raucht mit uns und deutet begeistert auf eine Gruppe von Frauen, die in einiger Entfernung joggen.

Als wir nach Hanoi einrollen, beginnt der Regen und es beginnt auch der Abendverkehr, der ein vielköpfiger, brummender und hupender Drache ist. Einer von uns meint, er fühle sich wie ein ein Neugeborenes, nach der Ruhe der Insel völlig überfordert von dem Lärm und dem Dreck der Stadt. Ich fühle genau so.

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16/Cat Ba. Tief im Grün.

Cat Ba National Park

In der Früh ist es im Zimmer so kalt wie draußen, das heißt 11 Grad. Der Fließenboden klebt an den nackten Füßen und das Frühstück auf der offenen Terrasse kühlt schneller aus, als man es essen kann, diesmal gibt es Nudelsuppe, die wärmt. Um neun treffen wir uns, um unsere Tour zu starten und werden zu einem eine halbe Stunde entfernten Punkt gebracht, von wo es ins Gelände geht. Es ist kein Pfad, der von der Wiese abzweigt, sondern ein alter Ziegenweg aufwärts, und schnell wird klar, dass es keine Spazierwanderung ist. Karstigen Steine bilden den Untergrund und stehen in unregelmäßigen Abständen. Ihre Oberflächen sind so scharf, dass man sich die Finger aufschürft, wenn man nicht vorsichtig hingreift und nach oben hin werden sie zu Speerspitzen. Immer wieder öffnen sich Höhlen zwischen ihnen, die in das Innere der Berge führen, losgetretene Stein fallen metertief, bevor man ihren Aufschlag hört. Wir arbeiten uns nach oben, zu einem Aussichtspunkt, und wieder nach unten, nach oben, nach unten über die scharfseitigen Steine und über rutschiges Laub.

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Kein Schritt kann gedankenlos gesetzt werden, immer muss der nächste Ast, die nächste fingertiefe Steinnische im Blick sein, bevor man das Gleichgewicht verlagern kann. Aus dem Gehen und Suchen wird ein meditativer Akt, das Hirn klingt sich aus und funktioniert nur noch als Navigation zwischen den Yuccapalmen, wildem Ficus und Mangroven, wie Affenhände an den Ästen, nach einem Blick ob es Dornen gibt oder nicht. Nach einiger Zeit passiert dann das, wovor sich jeder fürchtete, einer der Gruppe rutscht aus und stürzt. Es knackt und rauscht, er überschlägt sich und landet mit dem Rücken auf Steinen. Das Geräusch schreckt alle auf und erst als er wieder auf die Beine kommt und versichert, sich nichts gebrochen zu haben, geht es weiter. Er ist ein Arzt aus Chile, später wird sein Knöchel um das doppelte anschwellen und ihm die verbleibende Strecke zusätzlich erschweren.

Mangrove

Sechs Stunden geht es durch das Gelände, bevor die Beine so zerkratzt und sauer sind, dass ich Angst habe, auszurutschen, aber dann kommt die größte Herausforderung, die darin besteht, eine sechs Meter abfallende Wand hinunter zu kommen, ohne auf diejenigen zu fallen, die schon vorausgeklettert sind.

Cat Ba

Die Steine beißen in die Handflächen und schaben über Ellenbogen und Schienbeine, Reiseerinnerungen für später. Als uns der Dschungel wieder auf die Wiese spukt, die plötzlich hinter dem Blättergewirr auftaucht, gibt es ein Hallo in der Gruppe, alle haben es geschafft. Steifbeinig geht es an den Wasserbüffeln vorbei, zurück zur Ausgangsstation.

Cat Ba

Am Abend sitzen wir gemeinsam beim Essen und können nicht aufstehen, ohne mit den Gelenken zu krachen. Den nächsten Tag, so beschließen wird, wird aufs Kletterwandern gepfiffen.

15/ Hanoi – Cat Ba. Tausche Hauptstadt gegen Insel.

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Es fällt mir nicht schwer, die kalte Stadt zu verlassen. In der Früh friere ich mich durch das Frühstück (Eierspeis, zwei Gurkenscheiben, eine Tomatenspalte. Herber Lipton Schwarztee), das in einer Nebennische des Hotels nach einigem Nachfragen dann doch serviert wird und ich habe genügend Zeit, darum möchte ich kein Taxi nehmen, da ich sonst womöglich zwei Stunden bei der Busstation verbringen kann. Die Alternative, noch ein wenig mit dem Schimmelbettzeug zu kuscheln, ist allerdings auch nicht attraktiv, darum mache mich mit meinem treuen Koffer zu Fuß auf zur Busstation, die drei Kilometer entfernt ist. Da es regnet und der Wind auch nicht auf meiner Seite ist, ist es kein allzu freundlicher Weg. Er führt an der Autobahn entlang, wo sich der Morgenverkehr dahin wälzt und am Busbahnhof angekommen bin ich froh, den ersten Teil einer langen Reise hinter mir zu haben. Drinnen sitzen schon eine Handvoll Rucksackreisende, die auch zur Insel wollen, alle angepackt und ausgekühlt. Der Kasernenbeigeschmack der Station wird durch die schnippischen Mitarbeiterinnen unterstützt, man fühlt sich als zahlender Mensch mehr als Bittsteller. Das Touristenrudel wird in den Bus gestrieben, unter den „He!“ und „Hoi!“ Rufen des Nordvietnams, die universell einsetzbar sind und von: „Ich will dein Ticket sehen“ bis hin zu „Willst du eine Stunde von mir durch die Landschaft chauffiert werden“ alles heißen können. Im Bus dann Klimaanlage, weil es draußen ja hitzige 10 verregnete Grad hat und die Verkühlung, die sich über Nacht in den Ohren und in der Nase heimisch gemacht hat, breitet sich gemütlich in mir aus.

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Die Reise geht über fünf Stationen, wir werden von einem Bus zum anderen gescheucht, in ein schnelles Boot und wieder einen Bus. Durch die angeschlagene Scheiben wechselt das Bild der verdreckten Stadt zu dem Industrieviertel von Hai Phong und schließlich zu der schroffen Schönheit der Insel, die sich aus dem Nebel schält. Nach fünf Stunden ist die Distanz geschafft, Cat Ba hat uns Reisende und begrüßt uns mit bissigem Meerwind und feuchter, grüner Fülle.

Es ist Nebensaison, darum sind außer uns kaum Leute hier, wie es scheint, die obligatorischen Touristenfänger umspringen uns zwar, als wir aus dem Bus kommen und versichern, dass es keine freien Zimmer mehr auf der Insel gibt außer dem einen in ihrem Hotel, aber sonst liegen die Straßen und die wenigen Restaurants leer. Die Gruppe aus dem Bus verläuft sich und trifft sich später am Abend wieder in der Straße, die wir zur Hauptstraße erheben. Nach der Hektik Hanois ist es auf der Insel beinahe unheimlich ruhig. Keine Autos, nur hin und wieder ein Moped auf der breiten Straße. In einigen Restaurants lehnen die Besitzer auf den Plastiksesseln und schauen Fern, niemand ist da, um etwas zu bestellen, nur im Marigold Club, einem goldenen Kubus, der zwischen den hohen, chinesischen Häusern vollkommen aus dem Bild fällt, steigt eine Party. Als wir einen Blick hineinwerfen, ist außer dem DJ niemand hier, nicht einmal ein Kellner hinter der Bar. Trotzdem wird der umliegende Stadtteil beschallt. Da es bald dunkel wird, lässt sich die Natur ringsum nur erahnen. Morgen werde ich sie besser kennen lernen, dann geht es für eine Tageswanderung in den Nationalpark.

Cat Ba

14/ Hue – Hanoi. Nacht und Nebl.

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In einer neuen Stadt anzukommen ist aufregend. In der nächtlichen Finsternis in einer neuen Stadt anzukommen, ist aufregend und zu einem gewissen Grad unbequem. In der Finsternis, Kälte und dem Regen eines nächtlichen Hanoi anzukommen und vom Flughafen in das Stadtzentrum so lange durchzustauen, wie der Flug von Hue hier her gedauert hat, ist vollkommen unangenehm.
„Der alte Stadtkern ist ein Labyrinth in dem man sich gerne verläuft“, sagt Dumont. Nein, lieber Reiseführer, ist es nicht. Es ist eng und laut und von den Plastikplanen, die über die Suppenküchen gespannt sind, tropft Schmutzwasser. Dass mein Hotelzimmer dem Filmset von Les Miserables entspricht und der Vorbesitzer des Bettes scheinbar ein verdammter Fakir war, dass es drinnen genau so kalt und feucht ist wie draußen und das Bettzeug riecht, als wäre es die letzten drei Monate im Keller gelegen, hebt meine Laune nicht direkt. Leider kommt dazu, dass der Wetterbericht Kälte und Regen verspricht. Meine Idee, am folgenden Tag auf die Insel Cat Ba zu fahren, scheint mir also nicht mehr allzu ideal. Andererseits ist die Aussicht, länger in dem nassen Moloch zu sitzen, auch keine Alternative. Am Morgen hüllt sich Hanoi in eine dicke Nebeldecke, als wollte es den Rest der Welt ausschließen. Ich fahre.

 

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13/Hué. Neue Wege.

Hue Moped beladen

Auf meinen Landkarten herrscht blanke Anarchie, aber das merke ich erst, als es schon zu spät ist. Und im Endeffekt ist es auch gar nicht so schlecht.

Ich beschließe, das Grab des Minh Mang zu besuchen, das ist aber relativ weit entfernt. Beim Frühstück bemühe ich mich, es auf einer der Karten zu finden, aber Dumont hat es nicht drauf und Google findet es nicht, dafür hilft mir der Hotelmanager weiter und zeigt mir, wo es ungefähr ist. Entlang der Minh Mang Straße, ist ja naheliegend, über das Grab des Tu Ducs hinaus südlich. Weil es viel zu weit zu gehen ist, miete ich mir ein Rad, das hat ja schon in Hoi An sehr gut funktioniert.

Cyclo Hue

Für 30.000 Dong bin ich dabei und sehe mich auf einmal mit dem Verkehr konfrontiert, an dem ich als Fußgängerin recht gut vorbei gekommen bin. Mitschwimmen ist die Devise, keine ruckartigen Bewegungen, kein plötzliches Stoppen oder Richtungswechsel und es gilt eine einfache Hierarchie: Die Stärkeren und Schnelleren haben Vorrang. PKWs vor Mopeds, Mopeds vor Rädern.

Als Touristin muss ich mir darum aber keine Sorgen mache, weil ich ohnehin aus jeglichem Vertrauensgrundsatz falle und so gondle ich knapp am rechten Straßenrand dahin. An Kreuzungen wird es immer ein wenig brisanter, aber nur die Ruhe bleiben, dann funktioniert es meistens erstaunlich reibungslos. Hué liegt hügelig, das merke ich jetzt besonders, aber nachdem es bergauf gegangen ist, geht es irgendwann wieder bergab, was in diesem Fall ein positiver Umstand ist. Auf meinem Leihesel sitze ich ein wenig wie der Affe am Schleifstein und tatsächlich klingt das Rad auch so. Einen Vorteil hat es, das Geschabe und Geknirsche scheucht auf einige Meter voraus alles aus meinem Weg. Je weiter ich aus der Stadt hinauskomme, desto weniger ist auf der Straße los und desto mehr nimmt die Natur überhand. Von beiden Seiten wachsen die Nadelwälder her, dazwischen ist das Farn grün und dicht. Nach dem höchsten Punkt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich noch am richtigen Weg bin, aber das GPS funktioniert nicht mehr. Weil ich noch nicht allzuviel falsch hätte machen können, lasse ich mich die Landstraße hinunter. Ein großer Spaß und das Gerumpel wird lauter, was vor allem daran liegt, dass sich der Radständer heruntergeklappt hat. Mit dem Rest meines relativ lautstarken Schwungs rolle ich dann doch vor der Grabanlage ein, parke mein Geschoss neben einigen Mopeds und mache mich dann die Stufen hinauf in die beeindruckende Anlage.

Parkplatz

War bei Tu Duc alles gerade, flach und sanft gewesen, steigt diese Anlage steil vor mir auf. Sie ist in den Berg geschlagen und aus schwarzem Zement, eine bedrohlichere Variante einer Grabstätte. Ich setze mich am Fuß der Stufen in den Schatten und sehe mir an, was Dumont zu sagen hat.

Lang Khai Dinh

Bei den ersten zwei Punkten kommen ich noch mit, dann aber dämmert schön langsam die Gewissheit herauf: das ist nicht Minh Mangs Grab. Nach ein bisschen Reiseführerblättern (und dem erleuchtenden Blick auf die Eintrittskarte) stellt sich heraus, dass ich das Grab des Khai Dinh gefunden habe, und weil ich schon hier bin, ist es auch gut. Khai Dinh herrschte von 1916 bis 1925 und erbaute eine Grabanlage, die eine Paarung aus Frankreich und Vietnam ist, Versailles und Verbotener Stadt.

Die Fresken auf den Pavillons und Grabstelen gehen über vor Verzierungen, aber das eigentliche Herzstück des Baus, das Grab, ist wohl das Überraschendste der gesamten Reise. Eine Ehrenhalle, deren Wände das französische Rokoko asiatisch interpretieren, bunte Glas- und Porzellanscherben an den Wänden sind der Stuck, sind Vögelchen und Blumen, in der Mitte die lebensgroße, goldene Statue des Herrschers. Niemand hält sich an das Fotografierverbot, zu beeindruckend ist die Überfülle des Mausoleums.

Mausoleum Khai Dinh

Zurück geht es lange bergauf, dann beschließe ich, weil der Tag noch lange nicht dunkel wird, ein wenig überland zu fahren und die Japanische Brücke zu besuchen. Die Meuterei der Karten allerdings geht weiter und Google präsentiert mir, in memoriam des Geographieunterrichts, eine stumme Karte mit vielen kleinen weißen Würmchen, die Straßen sein sollen. Irgendwann befinde ich mich auf einer Straße, die gerade im Bau ist und die eigentlich zu der Brücke führen sollte, allerdings in einem BMX-Parcour endet, mit dem mein armes Rad nicht direkt kompatibel ist und der mich in ein Gebiet bringt, das mich stark an eine heimatliche Kleingartensiedlung erinnert. Ich versuche, die richtige Straße zu finden und bemerke rechtzeitig, dass es mir das Bremskabel aus der Verankerung gerumpelt hat und das ist der Zeitpunkt, als ich es gut sein lasse, meinem geschundenen Rad und mir eine Verschnaufpause zwischen den Reisfeldern gönne. Es ist leise hier draußen und es riecht nach weicher Luft. Ich sehe den Reisbauern zu, die sich wie die weißen Reiher vorsichtig durch die Felder bewegen und lasse mir Zeit, bevor ich den Weg zurück in die Stadt suche.

Rad im Reisfeld

9/Hoi An – Hué. Liegend durchs Land.

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Der letzte Morgen in Hoi An ist wieder weiß und kühl. Ich mache mit meinem Koffer eine Abschiedsrunde durch die Innenstadt, dann werde ich vom Bus abgeholt.

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Es ist kein Reisebus, wie ich ihn erwartet hätte, sondern ein seltsamer Sleeper, innen zweistöckige Liegen, auf denen man durch das Land geschaukelt wird, wobei man aufpassen muss, dass man nicht links oder rechts einen Abgang in den unteren Stock macht, kommt eine Kurve unerwartet. Es geht langsam dahin, die 125km nach Hué ziehen sich auf Landstraßen dahin, über Drachenbrücken und schnaufen Bergstraßen hinauf, immer hinter anderen, die ihre brustschwachen LKWs im Schritttempo nach oben treiben.

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Die Landschaft zwischen den größeren Städten ist grün und verwuchert, immer wieder durch kleinste Ortschaften durchbrochen in denen die Straßen aus feuchtroter Erde sind, mit schmutzigen Bachufern und Hausruinen in denen trotzdem Wäscheleinen gespannt sind. Eine Pause wird eingelegt, in der alle ihre Knochen strecken und mir auf der Toilette kurz der Gedanke einschießt, was ich machen würde, wenn ich nach draußen komme und der Bus weg ist, dann geht es weiter und am Abend sind wir in Hué. In der Königsstadt rollt der Verkehr, auch am Abend, und sowohl die Temperatur als auch der ständiger Nieselregen lassen mich an London denken.

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8/Hoi An. Drahtpferdchen und Wasserbüffel.

Stand von Cua Dai

Der Sturm hat sich gelegt, die schweren Wolken sind aber geblieben und machen den Himmel diesig weiß. Am Vormittag drehe ich eine Runde in der Stadt, es ist komisch, so viel Zeit zu haben. Wenn es mir gefällt, setze ich mich an das Flussufer oder auf eine der Steinbänke und schau zu, wie der Wind  das Wasser kräuselt, darin ist eine große Ruhe.

Ha Noi Umgebung

Am Nachmittag fahre ich mit meinem Rad hinaus zum Strand mit den Augen am Straßenrand und den verwilderten Gärten die hinter den Steinmauern anfangen, den Häusern, die übergeblieben sind aus einer Zeit, als Portugal und Frankreich hier Einfluss hatte, Kolonialbauten mit Stuck und hölzernen Rollos anstelle von Fensterscheiben, durch die Räume weht es die Meeresluft herein.

Hoi An Umgebung

Indochinastil in seiner reinen Form, teilweise schon seit Jahrzehnten verwittert und deshalb umso gehaltvoller. Ich fahre bis an die letzte Spitze des Landarmes und komme eine Allee entlang mit verwaisten Häusern, die zum Meer hin gehen und die in ihrer straffen Anordnung und der Beflaggung eine unmissverständlich kommunistische Ästhetik in sich tragen.

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Etwas abseits zerfallen die Dörfer in lockere Anordnungen, auf den Gemeinwiesen grasen starke Kühe, vor den Häusern flattern Wäscheleinen. Am Weg zurück sind die Felder sumpfig und tief, Wasserbüffel käuen wieder und sind im Gras fast nicht zusehen.

Wasserbüffel

 

7/Hoi An. Sand in den Augen.

alte Frau Hoi An

Von draußen drückt der Wind gegen das Fenster, der Sturm ist bissig, er schüttelt die Palmen und die Bananenstauden in den Nachbargärten. Beim Spaziergang durch die Stadt ist der Himmel kalt, das leuchtende Gelb von gestern ist abgeschwächt, die Lampions zucken an ihren Leinen und denen, die unterwegs sind, peitschen die Haare in die Stirne und in die Mundwinkel.

markt Hoi An

Am Markt wird verkauft wie jeden Tag, hin und wieder fährt der Wind in das Gemüse, aber die Frauen hocken trotzdem und bieten feil, die Fahrräder und Mopeds schlängeln sich durch die schmalen Gänge und Touristen deuten und fragen how much?

markt hoi an

Die Stadt ist bunt, obwohl der Himmel weiß ist, der Garten des Klosters quillt über vor Blüten und im Fluss warten alte Frauen in ihren kleinen Fähren auf Kundschaft.

Hoi an Fähre

Ich fahre mit dem Rad hinaus zum Strand, eine gute Straße entlang und die Natur ändert sich, wird saftiger und nasser. Es riecht nach süßem Gras und dem brackigen Flusswasser, es riecht nach überreifen Früchten und nach den kleinen Feuern, die hin und wieder am Straßenrand brennen.

Reisfeld Vietnam

Ich fahre zum Strand, wo der Wind heranfliegt und das Wasser aufwirbelt, Gischt und Sand beschlagen meine Sicht.

Cua Dai Beach

Ich steige auf Muscheln im kalten Sand und setzt mich auf eine leere Kokosnuss, schau hinaus in das lebendige Meer und die Grauabstufungen dahinter und denke an zu Hause.

Cua Dai Beach

4/Ho Chi Minh. Freizeitschläfer und Albinoboas.

Saigon Notre Dame

Nach dem gestrigen Gewaltmarsch steht heute der Plan, es touristischer anzugehen. Der Morgen ist klar und bald warm, die Grünflächen werden gegossen und die Märkte gehen wieder von Waren über. Ich besuche die Kirche Notre Dame, die hübsch anzusehen ist und praktischer Weise direkt neben der Hauptpost liegt. Die ist um 1890 herum gebaut worden und Gustav Eiffel hat damals die gusseisernen Streben beigesteuert.

Saigon Hauptpost

Sie ist den Besuch wert, das finden auch die anderen Touristen, die die gleiche gute Idee haben wie ich, nämlich vor Ort Karten zu kaufen und direkt zu schreiben. Ein Mann in meiner Nähe meint, das sei ein ruhiges Haus und ich höre es nur mit einem halben Ohr, weil ich bemüht bin, die überdurchschnittlich großen Vietnamkarten zu füllen, aber dann verstehe ich ihn doch. Es ist wirklich ruhig in der Posthalle, trotz der vielen Menschen; es muss an der Architektur liegen und an den klaren Linien.

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Ich gehe die Le Duan Allee weiter, an Businesstower und Nobelhotels vorbei und stehe irgendwann am Botanischen und Zoologischen Garten an. Eigentlich möchte ich mir noch das historische Museum ansehen, das im selben Gelände untergebracht ist, aber dort herrscht Dunkelheit und Mittagssperre. Dafür macht das Geschrei aus dem Zoo die Museumsruhe wett. Ich zahle den Eintritt von zwölftausend Dong, also keine 50 Cent, und versuche mich in dem Durcheinander von Kindern, Bummelzügen und Lautsprecherdurchsagen zu orientieren. Eigentlich möchte ich den Garten sehen, aber die Mittagshitze ist drückend und mein Kreislauf befielt mir, mich neben dem Giraffengehege auf den Boden zu setzen. Rings um mich hocken Familien auf mitgebrachten Decken ode Zeitungspapier und halten ihr Picknick ab, alle scheinen wunderbar gelaunt und wer schon gegessen hat, rollt sich auf die Seite und hält ein Schläfchen ab.

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Ich fühle mich blöd, zuvor einen Umweg gemacht zu haben, um nur ja nicht in die Wiese zu treten, als ich sehe, dass die Leute hier Hängematten mitgebracht haben, die sie zwischen den Bäumen spannen und dass sie jedes Fleckchen Rasen nützen, um sich darauf breit zu machen.

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Die Tiere sind nur eine Nebenerscheinung, die mehr oder weniger aufgeregt wahrgenommen wird. Auf der Suche nach den seltenen Pflanzen, die Dumont versprochen hat, komme ich an einer Gruppe von Jugendlichen vorbei, die unter dem alterstypischen Gekreische im Kreis sitzen und etwas wie Wahrheit oder Pflicht spielen. Ich bin mit den Gedanken schon bei den Gibbons, die das einzig halbwegs vernünftige Gehege haben, als ich Trippeltrappel hinter mir höre. Mein Griff geht automatisch zur Handtasche, dann sehe ich, dass mir einer der Jungs nachgerannt ist, sich jetzt, da ich mich umgedreht habe, einbremst und „I love you!“ schreit, dabei hat er die Augen am Boden. Dass ich mit „I love you too“ antworte, finden seine Freunde großartig und sie begrüßen den Mutigen zurück im Kreis.

Saigon Zoo Python

Ich wandere müde weiter und hänge meinen Gedanken nach. Darin verschwindet das Glas vor dem Phytongefängnis wie in Harry Potter und der Stein der Weisen, der weiße Tiger mit den Schneeaugen zwängt sich durch die Stäbe und macht sich über einen Suppenstand her, ich sehe, wie die Elefanten über die Absperrung steigen und die Wärter im Vorbeigehen mit erhobenen Rüsseln zum Schweigen bringen, wie sich das Orang-Utan Paar an der Hand nimmt und sich vor dem Zoo ein Taxi bestellt, das sie weg bringt von hier.

Zuschauer vor Elefantengehege

Aus den Gedanken lasse ich mich nur ungern reißen, aber plötzlich stehe ich im botanischen Garten und bin beeindruckt von der Vielfalt und der Üppigkeit der Pflanzen. Die Palmen sind haushoch und zerfallen oben in ausladende Fächer, im Orchideenhaus blüht der bunte Überschwang und dazwischen wippen schwarze Schmetterlinge, die so groß sind wie Spatzen.

Botanischer Garten Saigon

Ich bewundere die Blumen und merke mir keinen einzigen Namen und als ich mich sattgesehen habe, mache ich mich auf zum Fluss. Der Weg hin führt durch eine enge Straße, das Leben hat sich jetzt, da der Nachmittag golden und mild ist, wieder nach draußen in die späte Sonne verlagert und die Vorbereitungen für das Abendessen sind schon an allen Ecken im Gange. Ich setze mich zum Flussufer und schaue in den Song Sai Gon. Auf seiner Oberfläche treiben Lotusblätter. Es ist für jetzt mein letzter Abend, morgen geht es ab nach Da Nang.

Saigon River View

3/Ho Chi Minh. Geistermarkt und verdiente Blasen.

Frau vor Haus

In einer fremden Umgebung ist man auf Pläne und Straßenkarten angewiesen, zumindest dann, wenn man sich nicht überall hinkutschieren lassen möchte. Ich bin mit dem Plan aus dem Reiseführer und mit Google Maps am Handy ausgestattet und will nach Cho Lon, den ursprünglich eigenständigen Stadtteil, der vor allem von chinesischen MigrantInnen bewohnt wird. Das Problem ist, dass sich Dumont und Google nicht einig sind, was die Straßen angeht, aber ich hab bisher noch fast überall hingefunden und mache mich auf den Weg (Anm.: Ein kurioses Phänomen. Zu Hause in Wien verlaufe ich mich ständig).

Auf den Gehsteigen parken Mopeds, weshalb ich oft auf die Straße ausweichen muss und auf den Mopeds entspannen sich Männer. Wenn sie mich dann doch bemerken, erwachen sie aus ihrem Halbschlaf, winken und machen eine Geste wie kleine Buben, wenn sie spielen, mit dem Motorrad zu fahren. Heißt: Ich fahr dich irgendwo hin. Oder auch: Lerne Saigons Straßen und die Belastbarkeitsgrenze deiner Nerven hautnah kennen! Wenn ich vorbei bin, ziehen sie sich die Kappen wieder tiefer in die Stirne. Ein Segen sind die Straßenschilder an den Kreuzungen, die machen alles einfacher, deshalb komme ich dort entlang, wo ich es geplant habe.

Drachen

Die Ware in den Geschäftsständen wird immer chinesischer, bunte Plüschtiere, Drachen, Stanniolstreifen, die das Sonnenlicht fangen, dazwischen immer wieder alte Bauten aus der Besatzungszeit, die schon lange geschlossen sind. Die Straßen werden, je weiter ich mich vom Zentrum entferne, schmutziger und schlechter zu passieren, und auch Touristen sehe ich kaum mehr.

Binh Tay Markt

Als dann, nach einem gut zweistündigen Marsch die Binh-Tay Markthalle vor mir auftaucht, feiere ich meinen kleinen Sieg, weder Google, noch Dumont hatten recht und ich hab trotzdem hingefunden. Und dann ist es doch ein bisschen seltsam. Die Halle aus 1920 ist einstöckig, aber zum Großteil leer, die Fassaden drinnen sind alt und in den Gängen wird der Tagesmüll zusammengekehrt.

Markt

Ich bin scheinbar schon zu spät dran, entweder um ein paar Stunden oder ein paar Jahre. Es fühlt sich ein wenig unheimlich an zwischen den Rollblechläden und den wenigen, doch besetzen Ständen. Vor die Rolltreppe, die schon lange nicht mehr in Betrieb ist, haben sie Neujahrsbäumchen gestellt.

binh tay Innen

Neben der Halle finde ich dann einen engeren Zweitmarkt mit getrockneten Fischen und Shrimps, der süßliche Geruch nimmt einem die Luft und ich drehe noch eine Runde, dann beginne ich den Heimweg.

wächter

Es ist weit, hin und zurück etwa elf Kilometer und mein Ischias erinnert mich irgendwann daran, dass ich alt werde, noch dazu war die Wahl von Sandalen als Schuhwerk nicht allzu durchdacht, ich werde es die nächsten Tage abbüßen.

Packesel

Heute ist so ein Tag, da der Weg das Ziel ist und ich gehe mit den Augen an den Fassaden der Gebäude, über die brüchigen Sowjetbalkone und die zum Trocknen ausgehängte Wäsche, über die westlichen Werbeschilder und die Vietnamflaggen in Rot und Gold.

Saigon Hausfront

Als ich nach guten sechs Stunden wieder zu Hause bin muss ich ins oberste Stockwerk zu meinem Zimmer, wobei mich jede Stufe an die Blasen an der Ferseninnenseite erinnert. Beim Eintreten zerstöre ich eine Ameisenstraße, die sich unter der Tür weg zum Kühlschrank erstreckt, um dort den kleinen Kühler in Besatz zu nehmen. Ich mache die Eiskastentür schnell wieder zu (und werde sie nicht mehr öffnen), dann gönne ich den Füßen zuerst ein Bad im Kübel und dann Sneakers und mache mich auf die Suche nach Essen.

namnam

Die Nashi, die ich mir unterwegs gekauft hatte war gut, aber nicht genug. Wieder zieht es mich auf die Bui Vien wie die Ameisen in mein Zimmer und ich finde ein nettes Lokal, wo es gute Gemüsesuppe und W-Lan (wie in den meisten Lokalen) gibt, chatte, während ich auf die Suppe warte mit einer Freundin, die daheim gerade Pause vom Schneeschaufeln macht, wundere mich wieder einmal über Göttin Technik und lass mich später noch dazu hinreißen, mich in dem ärgsten Gedränge der Straße auf einen der Kinderplastikstühle zu setzen und ein zweites Coke durch den Strohhalm untrinkbar zu machen (15.000 VND. 50 Cent also). Der Lärm ist einlullend, einfach nur dasitzen und die Massen beobachten, die sich nach links und rechts schieben, die Mopeds, die sie durchmischen und die anderen Westler, die ebenfalls in den Stühlchen sitzen, eine Zigarette und ein Bier in der Hand und darauf warten, dass doch noch etwas passiert, alles ist wunderbar und macht mich glücklich. Gegenüber verkauft eine Frau gepresste Kraken, vor ihr stehen zwei auffallend hübsche Damen, beide in hohen Hacken und kürzestem Kleid. Zwei Männer reden sie an und sie lachen, es ist offensichtlich, worum es geht. Eine der Frauen hat das Preisetikett noch auf der Unterseite der Schuhsohle kleben. Indem sie auf das Motorrad eines Mannes steigen verschwinden sie aus meinem Blickwinkel, aber der Lärm bleibt und der Geruch nach Abgasen, gegrilltem Fisch und Räucherstäbchen.

ladys and quish