Wien//KELLER

Wien//KELLER ist der zweite Teil des Wien-Fotoprojekts. Altbaukeller sind der Regel nach kühle, halbdüstere Orte, die wegen ihrer hohen Luftfeuchtigkeit nicht wirklich dazu geeignet sind, als Lager verwendet zu werden. Die oft unverputzen Mauern begrenzen gestampfte Erdböden, Taschenlampen sind für die, die hinunter gehen, eine sinnvolle Ausstattung. Das was in den Keller geräumt wird, ist dazu bestimmt, ihn nicht mehr zu verlassen.

To my dear english readers: not every Austrian who owns a basment uses it to store children.  

 

Wien//INNEN Altbau

Wien//INNEN Altbau ist der Anfang eines Fotoprojektes, das versucht, verschiedene Blickwinkel auf die Stadt einzufangen und durch den besonderen Fokus Strukturen offenzulegen, die der Stadt eingeschrieben sind. Fotografiert wird über einen längeren Zeitraum, die Motive ergeben sich durch zufällig geöffnete Türen.

Altbau bedeutet hohe Räume, verschnörkelte Geländer im Stiegenhaus, Marmorstufen und Basenas in den Gängen, Parkettböden und Küchenfenster, die auf den Gang gehen. Es bedeutet aber auch undichte Fenster, schiefe Wände, Stiegen ohne Aufzug, verzoge Türstöcke und elektrische Leitungen, die vor dem ersten Weltkrieg verlegt wurden.

To my dear english readers: Watch Carol Reed’s The Third Man and observe the scenery. You’ll get the picture.

 

 

Woher die Lichter?

Kärntnerstraße

Am 24. Dezember 2013 wird die Nacht um 5:48 enden, dann setzt die astronomische Morgendämmerung ein; sie bricht die Dunkelheit. Um 6:26 wird die nautische Dämmerung die Sternbilder verblassen lassen, bevor die bürgerliche Dämmerung um 7:05 das Land überzieht. Sie wird auch die Sterne der ersten Magnitude aus dem Sichtfeld drücken, gerade Venus und Jupiter werden sich halten können, bevor um 7:41 die Wintersonne den Horizont zu überschreiten beginnen wird. Was dann folgt, wird ein helles Grau sein, wenn der Nebel in der Stadt liegt, oder vielleicht sogar das klare Licht eines Herbsttages.

Vor einem Monat hatte der Tag noch fast neun Stunden, bis zum 21. Dezember werden es nur keine achteinhalb mehr sein, aber was beschwert man sich, in Helsinki hat der 24. keine sechs Stunden Tageslicht und auf einem der Pole herrscht die Polarnacht, die nur von zaghaften Mittagsdämmerungen gebrochen wird und an der die Polarlichter wie trotzige Schemen vorbeiflirren.

Karlkirche Licht

Während also die Lichtstunden kurz sind und die Staffelung der Grautöne an trüben Tagen überhaupt keine Farben zulässt, sondern von dunkel über ein diffuses Weiß wieder zurück ins Dunkel kriecht, passiert in den Straßen ein Gegenwirken. Hand in Hand mit der unumgänglichen Weihnachtsdekoration beginnen nämlich auch die Lichter zurückzukehren, aber nicht, dass man denkt: große Scheinwerfer, die Plätze ausleuchten und die Passanten mit Tageslichtlampen erhellen. Das, was durch die Finsternis der Vorweihnachtszeit leuchtet, ist klein und verspielt, es funkelt und bewegt sich und scheint ein seltsam kindliches Eigenleben zu haben. Die Lichterketten, die sich mit Ende November um Bäume, Fassaden, Stiegengeländer und Hüttendächer schlingen, sind durchbrochene Impulse, ein Teil einer indirekten Beleuchtung, bei der niemand vernünftig lesen könnte, sie bleiben an, geht man zu Bett und sie sind tausende Punkte in der Nacht. Und noch etwas sind sie, was sie von anderen Lichtquellen unterscheidet: sie sollen nicht das Innere beleuchten, wie es die Neonröhren mit ihrem schneidenden Strahlen tun; sie sind nach außen gerichtet, in Fensterrahmen und Dachgiebeln, wo die anderen sie sehen können.

Lichtregen

Um 16:06 wird am heiligen Abend die Sonne hinter dem Horizont verschwunden sein und bürgerliche Dämmerung von nautischen, die nautische von der Abenddämmerung abgelöst werden. Mit der Nacht werden die kleinen Lichter kommen und sie werden bleiben bis über Christtag und Stefanietag, bis über den Jahreswechsel und über den Dreikönigstag. Und irgendwann werden wir sie zusammenpacken und verstauen und wir werden sie vergessen, bis die Tage wieder kürzer werden.

Weihanchtsmann

Reise in die Welt der zweiten Dinge

Basar 48er

„Wir“ und „Gesellschaft“ sind seltsame Scheinworte, die in Artikeln und Reden auftauchen, um eine nicht näher definierte Ansammlung und Menschen und Ideen zu umreißen. Aber stellt man sie auf den Kopf und schüttelt ein wenig, fällt nichts heraus aus den abgegriffenen Hüllenworten. Und nach diesen warnenden Worten ein Satz, der zu Beginn dieses Textes eigentlich hätte stehen können: Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Einer Wegwerfbande. Einer Nichtswertschätzersippe. Einer Vergeudermeute. Wir kaufen und schmeißen weg und schieben von uns, was unsere Wohnungen anfüllt. Und trotz der betretenen Mienen, das Angebot ist so groß, dass das Alte seine Existenzberechtigung schnell einmal verspielt.

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Dann aber gibt es Orte, an denen sich die zweite Wahl stapelt und an die Menschen pilgern, um das Weggegebene, Unbrauchbare, Ausgediente zu untersuchen. Flohmärkte, Second Hand Shops, Caritas, Humana und Volkshilfe. Eine besondere Oase der zweiten Wahl ist der 48er Basar, die Schatzkammer der Mistkübler. Seit 1989 werden Gegenstände, die auf den Müllplätzen der MA 48 landen, aber weiterhin gebraucht werden können, in den alten Backsteinbauten günstig verkauft.

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Von außen erinnert der Gebäudekomplex in der Stadtlauer Straße an kalte russische Winter und Krähen, die sich in der Dämmerung in Baumkronen scharen. Ein alter Ziegelbau mit meterhohen Fenstern und gemauerten Schornsteinen, drinnen heller, mit Halogenlampe ausgeleuchtet und staubig.

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Durch eine Gitterschleuse kommt man hinein in die Grotte, deren Inneres so eifrig bewacht wird und wird vom Geruch von alter Elektronik, Kinderspielzeug, Porzellantassen und Pelzmäntel empfangen. Es sind viele Geschichtenerzähler, die hier ihr Zwischenasylum abwarten, es sind die braunen Sprünge in den Tellern, die abgeschlagenen Ecken, abgerissenen Knöpfe, die ausgefransten Schutzumschläge, Staubschichten, Lippenabdrücke, Ellbogenbeulen, Fingerspuren. Dazwischen einige Gegenstände, die wie reinrassige Collies in einem Tierheim ihre Dasein fristen, neu und glänzend, aber wahrscheinlich haben sie gebissen. Wahre Schatzsucher haben ein Auge für sie, fischen sie zielstrebig aus dem Gerümpel und nehmen sie fest unter einen Arm, während sie weitersuchen, zahlen am Ausgang einen lächerlich kleinen Betrag und erzählen dann am Mittagstisch, was sie gefunden haben. Die Kuriositäten offenbaren sich auf den ersten oder zweiten Blick und bleiben meistens länger, bis sich ein Liebhaber ihrer erbarmt, und sie zwischen den Kätzchenbildern und Vogelkäfigen hervorhebt.

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Öffnungzeiten: Dienstag bis Samstag von 9 bis 15 Uhr

Ort: 22., Stadlauer Straße 41a, Hof 3, Tor 5

11 Erkenntnisse über ein verschneites Wien

Straßenbahn

1) Der Winterschlaf wird gegen 6:05 von übermotivierten Hausmeistern mit Schneeschaufeln oder Räumfahrzeugen unterbrochen.

2) Leute treten am Morgen vor die Haustür und finden ihr Auto nicht mehr.

3) Leute fahren plötzlich mit der U-bahn, weil sie ihr Auto nicht freischaufeln wollen. Oder weil sie ihr Auto nicht finden. Oder weil sie Angst vor denen haben, die ihres gefunden haben.

Schneeauto

4) Straßenbahnen kommen lange nicht und wenn, dann im Rudel.

5) Die größte Freude am Schnee haben Kinder und Hunde.

Polarforscher

6) Leute gehen mit ihren Kindern und Hunden in den Park, um Schneemänner zu bauen. Nachdem den Kindern zu kalt geworden ist, machen sie alleine weiter, um den anderen Eltern zu beweisen, dass ihre Schneemänner größer und schöner werden können. Hundebesitzer registrieren, dass ihre Hunde in der Regel plötzlich die doppelte Ausdauer haben und vor lauter Schnee vergessen, zu pinkeln.

7) Vorbeifahrende Autos beweisen, dass sie braunen Straßenschnee auf Augenhöhe der Leute schleudern können, die an roten Ampeln warten.

Kaisermühlen

8) In den Eingangsbereichen von Supermärkten wird der Schnee von den Füßen gestampft und vom Kopf geschüttelt, um Nachkommende auf ihren Gleichgewichtssinn zu testen.

9) Schnee gilt als ultimative Entschuldigung für Verspätungen jeglicher Art.

10) Sobald die ersten Meter salzgestreuten Gehsteigs gutgemacht sind, bemerken die meisten, doch keine wasserfesten Schuhe zu besitzen.

11) Schulkinder verlieren während quer über Straßen geführter Schneeballschlachten den letzten Funken Respekt und verwenden Erwachsene als Schutzschilder.

Küssende Schneemänner

MUSE

Stadthalle an einem Nebelnovembertag, drinnen die Farbexplosion und Schweiß zwischen den Schulterblättern, aber langsam. Die Stehplatzkarte kostete 55 Euro und sie offenbart, dass als Vorband ein Special Guest auftritt und um 18:00 Einlass ist, aus Skepsis und Erfahrung kommt man um 19:30 aus der U6, nicht alleine und wandert mit der Herde vor zur Stadthalle, am Weg vorbei bei Leuten, die noch Karten verkaufen und schauen sie vertrauensselig aus ? – egal – drinnen staut es sich schon, keine Vorband, die beginnt erst kurz nach dreiviertel Acht, Everything Everything und sie sind würdig, aber arme Schweine. Der Vorbandfluch, wegen dir sind die Leute nicht hier, und weck sie einmal auf, die Unterkühlten, die direkt aus einem grauen Tag kommen, gegen Ende haben dann ein paar die Hände oben, auch weil sie wissen, dass das jetzt das letzte Lied ist, bevor es so richtig losgeht.

Die Umbauphase erstickt wieder ein bisschen vom Feuer, das sich die Vorband so mühsam erarbeitet hat, man schaut zu, wie vier Männer an Seilen nach oben gezogen werden zu den Scheinwerfen und ahnt, dass da mehr kommt. Wir überbrücken die Zeit, in der nichts passiert und nur das brutale Geschiebe begonnen hat, und dann bricht die Zwischendurchmusik endlich ab und Dunkelheit berauscht das Publikum. The 2nd Law: Unsustainable eröffnet mit einer Lichtflut, die die letzten aufweckt und knallt bis ganz hinauf zu den fast ausverkauften Rängen. Die Präsenz der Musiker wird durch den Einsatz von dieser ganzen fancy Technik übersteigert, dass einem die Gänsehaut kommt. Alles blinkt, leuchtet, schwappt durch das Publikum und wirbelt es auf, der Sound kommt präzise und so perfekt mit dem Licht abgestimmt, dass der ganze Raum zur Bühne wird. Und dann fährt von oben die Bildschirmpyramide herab, erst beim dritten Lied, Bliss, ein fünfstöckig verschiebbares Gebilde und metamorphisiert durch die Show hindurch. Resistance und zum ersten Mal wird gesprungen, im Takt mit den engen Nachbarn, sonst wird es ungemütlich und dann Supermassive Black Hole, Animals kühlen wieder ab und zum ersten Mal kommt die Pyramidenwand als Trägerin des Musikvideos in Einsatz. Ein Glasflügel fährt aus dem Boden der Bühne, mit offenem Verdeck und darin zuckenden Anschlägen, Bellamy balladisiert Explorers so zart, dass mir der Gedanke kommt ich würde es gerne an meinem Begräbnis hören, bei Sunburn zeigt er seine Geläufigkeit auf den leuchtenden Tasten und die Hitze in der Halle steigert sich gefühlt. Dass das Klavier wieder versenkt wird ist schade, aber keine Zeit daran zu denken, Time Is Running Out und alle springen, die Dynamik tritt uns los. Keine Zeit zu Verschnaufen, obwohl man aus allen möglichen Schichten gefallen ist Liquide State treibt uns weiter, Wolstenholme singt und ihm gehört die Bühne, dann das erlösende Madness, die Laser schneiden über unsere Köpfe hinweg die Trockeneisnebel und der Rhythmus kühlt uns runter.

Follow Me überstrahlt die vorigen Lieder, der Beat beugt uns in der Mitte, dann ziehen wir uns wieder zurück Undisclosed Desires lässt uns die Augen schließen und wir wiegen uns ruhiger während Bellamy von der Bühne kommt und am Publikum vorbeistreift, die Stille bleibt nicht sondern wird rausgefetzt von dem starken Intro, das Plug In Baby aufbietet, überschnellt noch von Stockholm Syndrom, die Lichtpyramide stülpt sich über die Musiker – Isolated System, wie genial. Kurz der Gedanke an das nahe Ende, das wäre ein zu schöner Schluss, aber sie kommen mit Uprising zurück, und wieder diese bestechende Titelwahl. Survival folgt und wieder ist dieses leuchtende Klavier auf der Bühne. Bei Starlight trübt sich der Himmel, denn das Ende steht knapp bevor, das ist jetzt allen klar. Auf den Rängen haben sie sich zum Mitklatschen endlich erhoben, dann als letztes Lied, eingeleitet mit Ennio Morricones Lied vom Tod, Knights of Cydonia. Wir reiten mit und grölen, was an Reststimme noch da ist zur Bühne hinaus.

Von Rotkäppchen und Jaguaren am Nationalfeiertag

Wohin drängt es einen am arbeitsfreien Nationalfeiertag, hinaus auf die Straße, hinaus, die anderen anschauen, die auch draußen sind und das sind einige. Aber nicht in den Restbezirken Wiens, dort ist es still, dunkle Geschäftsvitrinen, Parkplätze – ein Ding der Unmöglichkeit – und aus dem einen oder anderen Fenster quellend eine Fahne, selten gesehen, nur noch an den grauen Gemeindebauten, dort müssen sie flattern. Dort, wo sie kaum jemand sieht, weil sie alle drinnen sind, in der Stadt, im Ersten. Ein kurzer Vorgeschmack auf die Zeit, wenn die Christkindelmärkte wieder aus dem Boden wachsen und mit ihnen die Reisebusse, die Menschen aus den umliegenden Ländern heranschippern.

Die Orte des Geschehens sind Michaelator und Heldenplatz, ausgerechnet dort. In den Tagen zuvor sind Panzer und Hubschrauber und weiß der Teufel was alles angekarrt worden, um die Wiese des Platzes zu zerknautschen, graugrüne Metalldinger, diese Fremdkörper, die da aus den Menschengruppen herausragen. Kinder in bunten Winterjacken, die hinein und herausgehoben werden aus den Kriegsattrappen, an Gewehren hantieren dürfen und mit aufgeblasenen Backen imaginäre Kugeln abfeuern, die Eltern überfordert von der plötzlichen Gewaltlust des Nachwuchses und dem Langos in der anderen Hand, und wenn es kein Langos ist, ist es eben eine Käsekrainer oder ein Pappendeckelteller mit Schinkenfleckern, sehr österreichisch, sehr kohlenhydratlastig.

Auf dem Platz vor der Nationalbibliothek fahren heute Wagen spazieren mit Rädern, die sicher alle Spezialnamen haben und sie schießen und wackeln und machen eine Menge Lärm, rundherum die begeisterte Meute, wenn der Jaguar angreift, so ein hässliches Ding, Rauch steigt auf und einige klatschen, die meisten machen aber nur Aufnahmen mit ihren Smartphones, die andere Hand in der Jackentasche, wo es nicht so kalt ist.

Zwischendurch kommen Menschen vom Himmel gefallen, in rotweißroten Fallschirmen und landen graziös auf der Zufahrtsstraße, allgemein bewundert, dass sie da so genau hingetroffen haben, das ist ja fast wie in Amerika.

Zwischen den offensichtlichen Feiertagsbesuchern, denen, die hin und wieder ein Foto machen, das eine Fahrzeug angreifen, mit angezogenen Schultern vor dem Hubschrauber stehen und darauf warten, dass etwas passiert, ihre Kinder aus den Panzern zerren und ihnen dann ein Zuckerwatte kaufen, zwischen denen finden sich die Offiziellen, die Heeresmenschen und die sind schnell an der unfeierlichen Wahl der Kleidungsfarbe zu erkennen, es überwiegen die Erdtöne. Einige bewachen das Metallzeug, einige zeigen, wie schnell sie einen Baumstamm zersägen können, andere geben willig Auskünfte, andere werden angelobt.

Und dann sind die ganz kuriosen unterwegs. Eine Gruppe an Musikern in Kaiserstracht, mit gelber Flagge und schwarzem Adler, ein Pärchen mit Couleur und  zum Glück ohne Degen, und dann noch die ganzen Vögel in ihren Phantasieuniformen, die sich unter das Volk mischen und ihre Orden blitzen lassen und sie sind auf jeden Fall die Einfallsreichsten.

Und was wird gefeiert außer den Uniformen und den Käsekrainern? Das wissen nur die Klugscheißer.

Der vergessene Tod

Normalerweise setzt sie erst im November ein, diese seltsame, plötzliche Morbidität, dieses Verlangen, einsam hinaus zu pilgern in die Natur, blätterleer und feucht, die Kälte an den Ohrläppchen und am Kinn und dann hinaus zufahren mit dem Einundziebzigerwagen zum Zentralfriedhof.

Umringt von Backsteinmauern mit schwarzen Metallzäunen, die sagen: hinter uns liegt Edles und Erhabnes und verhalte dich still und demütig, liegt das Areal mit einer Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern, ein mehrgesichtiges Land, einerseits straff von Wegen gekreuzt, mit Gräbern, deren Säumungen von Handschneidern getrimmt werden, wöchentlich, polierten Grabsteinen und wechselnden Blumen in den verankerten Vasen, ein korrekt angelegtes Viel an Totenlager, und dann, auf der anderen Seite, die verwucherten Alleen, in denen Efeu der einzige Herrscher ist, der wilde Wein geduldet und die Sträucher, die einmal klein angesetzt worden waren, irgendwann die Grabespfleger überlebten und ausbrachen, hinüber zu den Nachbarsgräbern und weiter.

Der alte jüdische Friedhof, ein plötzlicher Wald. Aus dem weichen Boden kommen Grabsteine, verwitterte Gesellen mit Gravuren, die gerade noch gelesen werden können, oder Prachtgräbern, die vom Grün erobert und zugedeckt wurden. Nichts, das nicht verfällt, nicht die drei Millionen Menschen, die hier begraben sind – also fast doppelt so viele, wie in Wien leben – nicht die Erinnerungen an sie. Unvergessen wird zu einem leisen Hohn, der Grabstein liegt schon lange auf der Seite, zur Hälfte im Boden versunken. Das Vergessen ist heilsam, das müssen wir lernen. Unbedarft spaziert man zwischen den geliebten Kindern und ehrvollen Eltern, den Arbeitssamen und Gütigen, denen niemand etwas Böses nachsagen wollte, als die Grabsteine geschliffen wurden, wo wäre auch der Sinn gewesen, die Toten zu beleidigen ist ein schales Vergnügen.

Man liest Namen, als wären es Figuren eines Romans, vergleicht Geburts- und Sterbejahre, denkt über Familienverhältnisse nach und kommt näher, um die Porzellanbilder zu betrachten, die Menschen in Sepia zeigen, jung oder im Alter und lebend, und man denkt nicht daran, dass die letzten Reste von ihnen gleich unter den eigenen Füßen begraben sind, dass es so viel Geschichten zu erzählen gebe und niemanden, der sie hören will. Es sind verschwundene Geschichten von verschwundenen Menschen und kurz überkommt einen die eigene Unbedeutsamkeit. Man macht sich auf den Weg mit einem melancholischen Gefühl im Genick und spielt mit den Fingern am Rand der Jackenärmel und dann redet man sich ein, dass es gut ist zu vergessen und dass es gut ist, davor zu leben.

Wiener Prater

Ein Gewitter zieht auf. Unten wird es so lange ignoriert, wie die dunklen Wolken zu bluffen scheinen, unten, das ist im Wurstelprater, dem bunten Sammelsurium im zweiten Bezirk, eingeklemmt zwischen Hauptallee und Ausstellungsstraße. Wurstelprater sagt heute kein Mensch mehr, das war er früher vielleicht einmal, dann 1873 in Volksprater umbenannt, und weil Volk in Wien noch weniger funktioniert als Wurstel sind irgendwann diverse Vorsätze gefallen und über blieb Prater.

Wiener Riesenrad

Verwirrung stiftend, meint die Bezeichnung doch sowohl den Vergnügungspark als auch die überraschende Wildnis rund herum, die in Auen und Wäldchen endet. An diesem Tag ist viel los im Prater, alle Buden haben geöffnet und erwarten vom amüsierungsmütigen Publikum zahlungskräftige Beteiligung. Der Prater ist alt. Das Wahrzeichen, das Riesenrad, wurde 1896/97 gebaut (und im Weltkrieg ordentlich verwüstet), das zweite, kleinere Blumenriesenrad dann 1933, die Liliputbahn in den 1920ern ins Leben gerufen, eine Miniaturbahn, pardon, Schmalspureisenbahn mit einem Rundkurs von rund 4 Kilometern, die bestens in den altertümlichen, seltsamen Prater passt. Das Schweizerhaus, das in abgewandelter Form schon 1766 im Prater bestanden haben soll, wurde ebenfalls in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Karl Kolarik übernommen und zu einer festen Institution für alle, die dem schweren Essen und schaumgekrönten Bier frönen wollen.

Geisterbahn

Die Grundsteine sind also alt und die Geschichte umfasst Weltausstellung und frühes Kino und heute, was ist es heute? Ein zusammengewürfeltes und deshalb reizendes Ensemble aus Geisterbahnen, die in den Vierzigern erbaut wurden und Jahr für Jahr mit einer neuen Schicht Lack ausgebessert immer noch schick aussehen, auch wenn ihnen die Jahre anhaften, daneben neuere Gerätschaften, die ihre Mitreisenden durch die Gegend schleudern, Stroboskopgeblitze und Nebelmaschine, dazu ein Misch von Techno- und Housemusik aus den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Gezahlt wird für jede Attraktion einzeln, ein Vergnügen, das sich an lustigen Tagen zu einer ordentlichen Summe läppern kann.

Blumenriesenrad

Verloren zwischen den ganzen feinen und lauten Buden steht noch immer das alte Dampfringelspiel, das „Karousel“, das schon mehrere Generationen Runde um Runde befördert hat, genau so, wie es die braven Ponys tun, die Jahr um Jahr den Lärm von Ringsum und das Rauf und Runter kleiner Kinder mit stoischer Ruhe ertragen.

ponykarusell

Einigen Generationen wie dem Donau Jump blättert das Alter vom Gesicht, die Leuchtbuchstaben zeigen nur noch Donau Jmp an, die Hochschaubahn gleich nebenan erfreut zwar immer noch mutige Besucher, hat aber bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen. Dabei wurde 2008 im Zuge der Fußball Europameisterschaft viel Geld in die Gestaltung des Areals gepumpt, in den Eingangsbereich und in Wege.

Freundlicher sieht er jetzt bestimmt aus, der alte, an manchen Ecken grantige und müde Prater, aber sein Gesicht schimmert schon wieder durch. Die Wolken machen drängender auf sich aufmerksam und schicken Wind, der zwischen den Attraktionen, dem Autodrom mit seiner wirbelverschiebenden Mission und dem Tagada mit den immer gleichen Mädchen und Burschen davor.

Als die ersten Tropfen fallen, ziehen sich die Besucher zurück in die Spielhöhlen, oder, wenn sie noch nicht alt genug dafür sind, in die Gastgärten der Restaurants, unter die breitgefächerten Kastanienbäume und essen Langos oder Zuckerwatte, je nach Alter, lauernd, ob es nun ein Gewitter gebe, oder ob die paar Tröpfchen alles wären, was die Wolken zu bieten haben. Und der Himmel lässt sich nicht lumpen, entlädt was er hat hinunter auf die Vergnügungsgesellschaft, auf die wettergewohnten Geräte, das Wasser sammelt sich in den Gruben der Sitze, spült Langospapier vom Gehsteig zwischen die Bäume, prasselt auf die Hochschaubahnen und das Dach des Ponykarusells. Die Pferdchen haben kurz Ruhe und halten ihre schweren Köpfe über das Geländer, die Nasen in den kühlen Wind gesteckt.

Life Ball 2012

Das Leben wird gefeiert in Wien am 19. Mai, dem verliebtesten aller Monate. Zum 20. Mal dieses Jahr, ein stolzes Jubiläum. Der Life Ball ist die größte Veranstaltung Europas zugunster HIV-Betroffener und an Aids erkrankter Menschen. Gery Keszler ist verwebt mit der Idee des Life Ball, der ehemalige Feinmechaniker und aktuelle Abenteurer gründet 1992 mit Dr. Petrosiam den Verein „Aids Life“, der Menschen, die unter HIV leiden, mit finanziellen Mitteln unterstützen sollte, 1993 fand der erste Life Ball statt, damals noch aus eigener Tasche finanziert. Das hat Keszler schon langen icht mehr nötig, der Life Ball ist ein Riesenevent gewordern, dem jedes Jahr Größen aus Politik und Unterhaltungsindustrie beiwohnen, diesmal waren es u.a.  Bill Clinton, Naomi Campell,  Milla Jovovich, Antonio Banderas und Sean Penn, die sich für den Kampf gegen Aids groß machten. Bunt und laut präsentiert sich die alljährliche Glitzernacht und kaum überrascht es, dass es den Homophoben anders wird bei dem Spektakel. 2007 konnte die FPÖ (oder zumindest die ihr nahe stehende Zeitung „Zur Zeit“) nicht mehr an sich halten und bellte gegen Keszler, diese „Berufsschwuchtel“ und den allgemeinen Zirkus – eine von vielen Verfehlungen der Scheuklappenträger, die keines weiteren Zitats würdig ist.

Dass die Standardtickets zwischen 75 und 150 Euro kosten hält die Balllustigen nicht davon ab, zu kommen und jedes Jahr werden es mehr. Die schönste Idee am Life Ball ist der Reiz der Maske, der durch wechselne Motti angekurbelt wird und von den BesucherInnen kreative Schaffenskraft entlockt. Dieses Jahr war Feuer das Leitmotiv, das den Styl der Gäste prägen sollte und so dominierten Rot-, Orange- und Gelbtöne, aufgemalte Flammen züngelten über Schultern und Nacken, knallige Federn im Haar kokettierten mit den dunklen Flügeln Mancher, die nackte Haut golden und nur die aufreizenste Stelle verdeckt ging es in die Nacht.

Vor dem Rathaus dann das Gedränge der Schaulustigen, welche die Gäste zu Stars machen. Ist deren Outfit aufregend genug, dauert es einige Zeit, bis sie die Anreise in die abgesperrten Bereiche und weiter auf den roten Teppich schaffen, der alle empfängt, sie werden vom Fußvolk aufgehalten, das Fotos will und über die Größe der Phantasiegestalten in ihren Highheels staunt.

Mit der Dunkelheit beginnt die Show, ein überwältigendes Fest, das kurz den eigentlich traurigen Anlass des Balls vergessen lässt. Alleine in Österreich sind 1.700 Menschen HIV infiziert, 2011 waren 525 Neuinfektionen. Seit 1983 starben rund 1.950 Menschen an den Folgen der Infektion. Und obwohl die Zahl der Neuinfektionen seit 2001 zurückgeht sind weltweit um die 34 Millionen Menschen infiziert, eine unglaubliche Zahl. Es ist ungefähr so, als wären alle EinwohnerInnen Österreichs, der Schweiz, Ungarns, Sloweniens und der Slowakei betroffen.

Der Life Ball feiert trotzdem das Leben, ein aufregendes Fest und Großevent, auf das Wien getrost stolz sein kann.