Die vielen Schichten der Luft

An einem neuen Morgen streiten Männer an der Mission Street.
An der Straßenecke, die ihnen gehört und
nicht der Stadt und
schon gar nicht den Touris.


Aber die schaffen es mit ihren Rucksäcken und Turnschuhen hier nicht hin.
Die meiden die Buntheit des Viertels und die Spritzen am Boden,
die offenen Griller, an denen Zwiebel, Gemüse und Bratwürste schmoren, dazu gibt es frisch aufgeschnittenes Obst in Plastikbechern,
sie riechen das Aroma nicht, das sich hier in der Luft mischt.


Der Streit geht in herbes Lachen über, dann hält einer der lokalen Busse an der Ecke und bringt neue Leute mit Taschen und Wegen und Ideen, die sie durch die Stadt tragen.

Den Zahlenstraßen, also den Querlaufenden nach Westen folgend, wird die Buntheit weniger und geschluckt von renovierten Fassaden, von Teslas in Ausfahrten und Menschen, die auf Tischchen vor Cafés in ihre Laptops tippen, einen Avocado-Toast in Griffweite.

Wir schwitzen den Hügel hinauf und fühlen uns unterlegen
in dieser Gegend der Reinheit,
sogar die Hunde warten hinter Glasscheiben auf Termine beim Friseur.
Mir kleben die Locken im Nacken fest.


Noch höher steigen wir, zu den Twin Peaks, über den ausgedörrten Wüstenboden, erodiert vom Wind, der wieder aufkommt, über den Bergrücken, zur Aussichtsplattform wo aus Rams und Bentley Rivians Menschen aussteigen zum Fotografieren und einsteigen und umparken und aussteigen für noch ein Foto und einsteigen und wieder fahren.

Hier oben ist die Luft zu knapp für die von ganz unten, die an ihrer Straßenecke, die mit Rillen in den Gesichtern.

Der Traum von Harvey Milk lebt weiter, nicht nur in Castro, aber hier sitzt er in den Flaggen, in den Shops, in den Menschen, die kommen um Bestätigung zu finden.
Es ist eine scheinbar heile Welt der Vielfalt, jedes Outfit wird anerkannt, auch wenn es Kaisers Kleider sind. Ich verlasse Castro mit Spektralfarben im Gemüt.
Es tut gut, hier, das alles tut gut.

Sie sitzt im Rollstuhl an der Bushaltestelle und
lutscht Hendlfleisch vom Knochen,
langsam und gemütlich,
die Zähne fehlen schon lange.
Es ist wieder kalt geworden mit der Dunkelheit, die sich über die Mission Street breitet, über das Oben und das Unten, aber das kennt sie alles schon.
Der Faltenhals steckt in einer Daunenjacke,
die Nummern zu groß ist,
die Zweifinger haben genügend Spielraum im Daunengebausche,
um neue Stücke Fleisch aus dem Pappcontainer zu holen,
den sie vom Boden neben einem Mistkübel aufgeklaubt hat,
es fehlte kaum etwas, sogar die Servietten waren noch drin und das verpackte Tüchlein, um die Hände abzuwischen, Zitronenrein und vireneffektiv.
Der Bus kommt, sie navigiert mit einem Fuß zur Rampe,
die für sie ausgeklappt wird, jemand steigt aus und schiebt sie hinein,
ihre Blicke gehen langsam wieder nach draußen.

Die Knochen hat sie mitgenommen,
am Schoß ein kleiner Friedhof.